Die Bananenmarktordnung

Im Jahr 1993 trat in der Europäischen Union die "Verordnung (EWG) Nr. 403/93 des Rates vom 13. Februar 1993 über die gemeinsame Marktordnung für Bananen" in Kraft. Diese so genannte Bananenmarktordnung regelt die Einfuhren von Bananen in die EU. Ziel des komplizierten Regelwerks ist die Unterstützung der europäischen Bananenproduzenten und der Staaten des afrikanischen, karibischen und pazifischen Raums (AKP).

Die Bananenmarktordnung legt für Bananenimporte Höchstmengen und Zollsätze fest, die sich daran orientieren, woher die Früchte stammen. Kernstück ist die Unterscheidung in Gemeinschafts-, AKP- und Drittlandsbananen. "Gemeinschaftsbananen" werden in Staaten bzw. Regionen angebaut, die zur EU gehören: Madeira, die Azoren, Kreta, Guadeloupe, Martinique und die Kanarischen Inseln. Für die Bananenbauern dort gibt es Beihilfen aus dem europäischen Agrarhaushalt. Ihre Bananen gelten nicht als importiert.
"AKP-Bananen" stammen aus Ländern Afrikas, der Karibik und des Pazifiks, die seit dem Abkommen von Lomé besondere Privilegien im Handel mit der EU genießen. Um ihre wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, wurde diesen Staaten der Import in die EU erleichtert.
In die Gruppe der "Drittlandsbananen" fallen schließlich all jene, die aus anderen als den Gemeinschafts- und AKP-Staaten kommen. Das betrifft vor allem Bananen aus Lateinamerika.

Für jede dieser Gruppen legt die Europäische Union Mengenkontingente und einen dazu gehörigen Zollsatz fest. Sind die Kontingente ausgeschöpft, können die Früchte zwar weiterhin importiert werden, jedoch erhöht sich dann der Zollsatz erheblich. Dabei sind die AKP-Bananen grundsätzlich im Zoll begünstigt. Eine gewissen Menge von Bananen aus AKP-Staaten ist zollfrei. Im Jahr 2002 waren das 750.000 Tonnen. Die Kontingente für andere Anbieter belaufen sich auf insgesamt etwa 2,6 Millionen Tonnen, für die unterschiedlich hohe Zollsätze gelten. Außerhalb der festgelegten Kontingente wird für AKP-Bananen ein Zoll von 300 Euro pro Tonne erhoben und für Bananen anderer Herkunft sind pro Tonne 680 Euro Zoll zu zahlen.

Die Mengenkontingente werden nach einem komplizierten Berechnungssystem auf die Bananenanbieter aufgeteilt. Sie erhalten so genannte Einfuhrlizenzen, mit denen bestimmt wird, wie viele Bananen sie zu welchem Zollsatz einführen dürfen. Neben der Herkunft der Bananen ist für die Berechnung der Einfuhrlizenzen vor allem entscheidend, welche Funktion der Anbieter am Markt hat (ist er Erstimporteur, Zweitimporteur oder betreibt er eine Reiferei?), wie lange das jeweilige Unternehmen schon mit Bananen handelt und welche Mengen es in der Vergangenheit importierte. Der größte Teil (83 %) der zu verteilenden Kontingente fallen damit auf Einführer, die schon lange große Mengen handeln. Kleinere Importeure, die den Handel mit Bananen neu aufnehmen, teilen sich die übrigen 17 % auf. Dieses System begünstigt Importeure, die schon lange große Mengen einführen und dabei ohne Zwischenhändler arbeiten, also die Vermarktung komplett übernehmen. Das ist einer der Gründe dafür, dass es alternative Bananenerzeuger, die sich unabhängig von den großen Fruchtkonzernen behaupten wollen, mit dem Absatz ihrer Früchte auf dem europäischen Markt schwer haben.

Vor der Einführung der Bananenmarktordnung dominierten die Anbieter aus Lateinamerika das Bananenangebot in Europa. Wegen des Klimas wuchsen die Früchte dort schneller und besser zur Reife heran. Sie entsprachen außerdem eher den strengen Anforderungen der EU an die äußere Qualität und waren wegen der extrem niedrigen Löhne auf den Plantagen billiger. Dagegen konnten Bananen aus der EU und aus den AKP-Staaten nicht mithalten. Sie wurden teurer produziert und erfüllten die Qualitätsnormen weniger gut, weil sie zum Beispiel zu klein sind. Daran hat sich bis heute nichts geändert, doch seit Einführung der Bananenmarktordnung beläuft sich der Anteil der Gemeinschafts- und AKP-Bananen am europäischen Bananenmarkt auf insgesamt etwa ein Drittel. Dies ist durchaus beabsichtigt und soll vor allem den Kleinbauern in den AKP-Staaten zugute kommen, die sich gegen die Konkurrenz aus Lateinamerika allein nicht hätten behaupten können. Drittlandsbananen, die auch Dollarbananen genannt werden, machen in unseren Supermärkten also auch weiterhin den größten Teil aus.

Im Jahr 2006 tritt voraussichtlich eine neue Bananenmarktordnung in Kraft. Geplant sind einheitliche Zölle außerhalb der Kontingente für AKP-Bananen. Das System der Lizenzvergabe nach Ländern und traditionellen Handelsvolumen soll aufgegeben werden. Diese Neuregelung ist eine Folge langer Streitigkeiten zwischen der Welthandelsorganisation WTO und der EU.

Die Folgen der Bananenmarktordnung für die Weltmärkte waren und sind gravierend. So wurden die lateinamerikanischen Früchte auf einen Schlag deutlich teurer. Ihr Absatz war begrenzt und zudem davon abhängig, ob und in welcher Höhe die Einfuhrlizenzen erteilt wurden. Das bedeutete für viele Kleinproduzenten das Ende. Die marktbeherrschenden Fruchthandelsunternehmen stiegen in vielen Ländern um: Sie betreiben nun keine Plantagen mehr, sondern kaufen die Früchte in der nötigen Menge von den Bananenbetrieben auf. Kleinproduzenten sind dabei nur noch der Lückenfüller für die großen Plantagen: Können sie nicht genug Bananen liefern, um das Kontingent der großen Fruchthandelsunternehmen zu bedienen, werden die Bananen bei kleinen Produzenten zugekauft. Diese haben keine Sicherheit darüber, ob und wann welche Mengen abgenommen werden und keinen Einfluss auf die Preise. Die Bananenmarktordnung trug außerdem dazu bei, dass kleine Produzenten weiterhin von den großen Handelsunternehmen abhängig sind. Der Weg zu eigenen Einfuhrlizenzen ist für kleinere Unternehmen erschwert, ein freier Import wegen der enormen Zollsätze unter Umständen zu teuer. Mehr Verhandlungsmacht und bessere Chancen für den Absatz können Kleinbauern in Lateinamerika durch den Zusammenschluss zu Genossenschaften erreichen. Im Fairen Handel werden sie daher besonders gefördert und auch der ökologische Bananenanbau ist durch genossenschaftliche Strukturen gekennzeichnet.