Ökologische Aquakultur

Eine Alternative zur konventionellen Aquakultur, die eine Vielzahl ökologischer Probleme mit sich bringen kann, ist die ökologische Aquakultur. Bisher gibt es noch keine gesetzlichen Bestimmungen für die Anforderungen an eine umwelt- und artgerechte Fischzucht, so dass die Richtlinien der ökologischen Anbauverbände derzeit der Maßstab sind. Vorreiter in der ökologischen Aquakultur ist Naturland. Die Richtlinien dieses Verbandes gelten für die Zucht von Karpfen, Forelle, Lachs, Shrimps, Muscheln und tropischen Süßwasserfischen. Auch Bioland und der österreichische Verband Bio Ernte Austria haben Vorschriften über die Fischzucht ihrer Mitgliedsbetriebe erlassen. Im Folgenden stellen wir Ihnen beispielhaft die Naturland-Richtlinien vor.

Schon bei der Wahl des Standortes und der Bewirtschaftungsform ist nach den Standards der ökologischen Aquakultur umsichtig vorzugehen. Werden neue Aquakulturen angelegt, dürfen die umliegenden Pflanzengesellschaften und Ökosysteme nicht beeinträchtigt werden. Besondere Sorgfalt gilt Ökosystemen, die selten oder gefährdet sind, wie es zum Beispiel bei Streuwiesen oder Mangrovenwäldern der Fall ist. Die Wasserflächen der Bio-Aquakulturen werden so bewirtschaftet, dass ihre natürlichen Funktionen, etwa als Laichgebiet für Amphibien, Wanderweg für Fische oder Rastplatz für Zugvögel, erhalten bleiben. Fischfressende Vögel werden ausschließlich durch Greifvogelattrappen und andere ungefährliche Maßnahmen von den Zuchtfischen ferngehalten. Die Züchter tragen außerdem dafür Sorge, dass keines ihrer Tiere in die Umgebung entweichen kann.

Für die Zucht sollen gemäß den Naturland-Richtlinien Arten bevorzugt werden, die auch natürlicherweise in dem entsprechenden Gebiet vorkommen. Die Tiere, die in ökologischer Aquakultur groß gezogen werden sollen (sog. Besatztiere) müssen ebenfalls von anerkannt ökologischen Betrieben stammen. Unter Umständen ist der Zukauf konventioneller Besatztiere erlaubt. Sie dürfen allerdings keinesfalls mit Hilfe gentechnischer Verfahren gezüchtet worden sein. Erwachsene Tiere dürfen nur dann das Naturland-Zeichen tragen, wenn sie mindestens zwei Drittel ihrer Lebenszeit unter ökologischen Bedingungen gelebt haben. Die Tiere werden bevorzugt mit anderen Arten zusammen gehalten. Auf diese Weise können eine natürliche Nahrungskette im Zuchtgewässer aufgebaut und Krankheiten vermieden werden. In der Zucht von Bio-Lachsen werden zum Beispiel auch Lippfische gehalten, die die Lachse vor Parasiten schützen.

Artgerechte Tierhaltung
Wie im ökologischen Landbau gilt auch für die ökologische Aquakultur das Gebot der artgerechten Tierhaltung. Die Tiere müssen ihrer Natur gemäß fressen, ruhen und sich bewegen können. Sie können ihr Sozialverhalten ausleben. Für die Vermehrung geben Bio-Züchter dem natürlichen Paarungs- und Laichverhalten den Vorzug. Es ist strikt verboten, Fruchtbarkeit oder Paarungsverhalten durch die Gabe von Hormonen zu beeinflussen. Um artgerechte Tierhaltung zu ermöglichen, müssen die Haltungssysteme an die Bedürfnisse der Tiere angepasst werden: Die Tiere brauchen Möglichkeiten zum Verstecken, der Bodengrund muss artgemäß beschaffen sein und die richtigen Strömungsverhältnisse werden sichergestellt. Die Zahl der pro Flächeneinheit lebenden Tiere (Besatzdichte) ist gering. Die Wasserqualität, die durch Temperatur, pH-Wert, Salzgehalt, Sauerstoffgehalt, Nitrat- und Stickstoffkonzentration bestimmt wird, muss angemessen sein. Belastungen des Wassers mit Schadstoffen oder anderen Verunreinigungen menschlichen Ursprungs sind verboten und mit strengen Grenzwerten belegt. In Ausnahmefällen ist eine künstliche Beleuchtung der Zuchten erlaubt. Sie muss allerdings einen Tag-Nacht-Rhythmus mit mindestens acht Stunden Dunkelheit einhalten. Die künstliche Belüftung der Gewässer ist unzulässig.

Bekämpfung von Krankheiten
In Bio-Aquakulturen wird die Gesundheit der Tiere vor allem durch vorbeugende Maßnahmen sichergestellt. Die geringe Besatzdichte und die Artenvielfalt der Gewässer sind dazu ein Beitrag. Den Züchtern stehen zudem eine Reihe von Verfahren und Mitteln zur Verfügung, die weder den Tieren noch der Umwelt schaden. Das Trockenlegen und Ausfrieren der Haltungssysteme gehört ebenso dazu wie der Einsatz von natürlich vorkommenden organischen Säuren (Zitronensäure, Ameisensäure oder Alkohol) und rückstandsfreien anorganischen Verbindungen wie Wasserstoffperoxid, Kochsalz oder Kalk. Chemisch-synthetische Arzneimittel oder Hormone vorbeugend an die Tiere zu verfüttern, ist in der ökologischen Aquakultur streng verboten. Zwar werden Naturheilverfahren bei der Behandlung von Krankheiten bevorzugt, jedoch können Fischen auf Verordnung eines Tierarztes auch konventionelle Medikamente verabreicht werden. In diesem Fall ist eine Frist einzuhalten, in der die betreffenden Tiere nicht verkauft werden dürfen. Diese so genannte Absetzzeit ist in der ökologischen Aquakultur doppelt so lang wie in der konventionellen. Weich- und Krustentiere dürfen überhaupt nicht mit konventionellen Arzneimitteln behandelt werden.

Futtermittel
In der Fütterung steht die Eigenproduktion des jeweiligen Gewässers im Mittelpunkt - die natürliche Nahrungskette soll den Tieren einen Großteil ihres Futters liefern. Basis dieser so genannten Eigenproduktion sind Algen, deren Wuchs in der ökologischen Aquakultur einiger Tierarten in streng begrenztem Umfang auch mit Düngemitteln auf die Sprünge geholfen werden darf. Leicht lösliche synthetische Dünger sind jedoch verboten. Die zulässigen organischen Dünger stammen aus ökologischer Landwirtschaft. So ist zum Beispiel für Karpfenkulturen vorgeschrieben, dass mindestens 50 % des Wachstums der Tiere (sog. Zuwachs) durch die Eigenproduktion des Gewässers getragen wird. Daher ist die Düngung für ein stärkeres Planktonwachstum erlaubt. Leben Wasservögel auf dem Teich, darf weniger Dünger eingesetzt werden, weil ihre Ausscheidungen ebenfalls das Algenwachstum anregen. Art, Menge und Zusammensetzung des zusätzlich eingesetzten Futters muss sich nach den Bedürfnissen der Tiere und ökologischen Anforderungen richten. Pflanzliche Futtermittel müssen aus ökologischem Anbau stammen. In genehmigungspflichtigen Ausnahmen sind auch Futtermittel aus extensiver konventioneller Landwirtschaft oder kontrollierten Wildsammlungen zulässig. Gentechnisch veränderte Organismen oder Erzeugnisse daraus sind für die Futtermittel in der ökologischen Aquakultur strikt verboten.

Fleischfressende Tiere, wie zum Beispiel Lachse und Garnelen können ihren Eiweißbedarf nur durch tierische Eiweiße decken. Daher sind für einige Tiere in strengen Grenzen auch tierische Futtermittel erlaubt. Der Anteil tierischer Futtermittel ist weitestgehend zu reduzieren und durch pflanzliche zu ersetzen. Die Tiermehle dürfen keinesfalls aus konventionell erzeugten Säugetieren oder Vögeln stammen. Die Fischmehle und -öle, die in den von Naturland zertifizierten Aquakulturen verfüttert werden, stammen im Idealfall aus als nachhaltig und ökologisch anerkannten Fischereien. Auch die Produkte aus den Resten der Speisefischverarbeitung und Fischmehle, die aus Beifängen der Speisefisch-Fischerei stammen, sind zulässig. Ziel ist, dass die Fischmehle und -öle aus der Region stammen, in der auch die Aquakultur liegt. Für einige Tierarten sind darüber hinaus Zusätze von Vitaminen, Mineralstoffen und natürlichen Farbstoffen (zum Beispiel aus Krabbenschrot oder farbigen Hefen) zu den Futtermitteln erlaubt. Antibiotika, synthetisch hergestellte Eiweißbausteine (Aminosäuren) sowie synthetische Farbstoffe sind dagegen verboten.

Verarbeitung
Was für die Landtiere gilt, ist auch für die ökologische Aquakultur vorgeschrieben: Transport und Schlachtung müssen zügig und schonend erfolgen, so dass den Tieren unnötiges Leid erspart bleibt. Auch für die Weiterverarbeitung der Tiere aus ökologischen Aquakulturen gelten strenge Richtlinien: Die übrigen Zutaten müssen ebenfalls aus ökologischer Erzeugung stammen und Zusatzstoffe sind nur in Ausnahmen erlaubt. Fürs Räuchern dürfen ausschließlich Laubholz und Gewürze verwendet werden; Flüssigrauch, harzende oder mit Chemikalien behandelte Hölzer sind verboten.

Sonderfall Muscheln
Muscheln filtern im Laufe ihres Lebens enorme Wassermengen und lagern dabei leicht Schadstoffe in ihrem Fleisch ein. Daher muss die Zucht in Gewässern erfolgen, die einen großen Wasseraustausch garantieren. Zuchten in Küstennähe oder Mündungen, wo ein erhöhter Eintrag von Verschmutzungen und geringe Strömungen zu erwarten sind, sind daher in der ökologischen Muschelzucht nicht erlaubt. Da Muschelkulturen auch Fischen, wirbellosen Tieren und Pflanzen Rückzugsraum und Nahrungsquelle sind, müssen sie so bewirtschaftet werden, dass sie als Lebensraum erhalten bleiben. Die Zucht erfolgt an langen Tauen oder Leinen, die senkrecht im Wasser gehalten werden. Unter strengen Auflagen wird der Besatz aus wilden Kolonien gesammelt. Strikt verboten ist die Haltung der Muscheln auf dem Meeresboden, da die Ernte die Lebensgemeinschaften dort massiv stört.

Sonderfall Garnelen
Der Schutz der Mangrovenwälder ist ein wesentliches Merkmal der ökologischen Garnelen-Zucht. Jede Maßnahme, die die Mangroven beeinflussen könnte, muss von Naturland genehmigt werden. Höchstens 50 % der Farmfläche darf Land sein, auf dem einmal Mangroven standen. Die ökologischen Shrimpsfarmen sind verpflichtet, die Mangrovenwälder wieder aufzuforsten. Erst wenn die Farmen die Wiederaufforstung nachweisen können, dürfen die Ernten von diesen ehemals mit Mangroven bewachsenen Flächen mit dem Naturland-Siegel vermarktet werden.

Ökologische Shrimpsfarmen ziehen die angrenzenden Landwirtschaften nicht in Mitleidenschaft - sie tragen zum Beispiel dafür Sorge, dass die Böden weder durch versickerndes Salzwasser noch durch verwehten Salzstaub beeinträchtigt werden. Bis auf Anlagen in vegetationslosen Gebieten müssen alle Shrimpsfarmen die Deiche mit geeigneten, einheimischen Arten bepflanzen. Auch die heimischen Tierarten sind zu schützen. So werden garnelenfressende Vögel zum Beispiel durch andere, auf den Farmen gehaltenen Wasservögeln ferngehalten - diese verteidigen ihre Brutreviere gegen die Eindringlinge. Es ist nicht erlaubt, die Garnelenbecken dauerhaft zu heizen und zu belüften.

Die Garnelenlarven, die in die Naturland-zertifizierten Zuchtbetriebe eingesetzt werden, stammen ausschließlich aus Nachzuchten. Larven oder Elterntiere aus wilden Garnelenbeständen zu entnehmen ist verboten. Die Tiere stammen aus ökologischer Nachzucht und in Ausnahmen aus konventioneller. Als Besatz der ökologischen Shrimpsfarmen werden Arten bevorzugt, die in der Gegend beheimatet sind. Für andere müssen die Züchter den Nachweis erbringen, dass sie für die umliegenden Ökosysteme unbedenklich sind. Nicht bei allen in Zucht gehaltenen Garnelenarten ist eine natürliche Vermehrung möglich. Züchter, die diese Arten halten, dürfen der Laich- und Larvengewinnung durch so genannte "körperliche Eingriffe" nachhelfen. Sie müssen sich aber parallel nachweislich um natürliche Wege zur Nachzucht bemühen. Im Sinne einer größeren Vielfalt wird zudem empfohlen, in den Zuchten verschiedene Garnelenarten sowie Fische und Wasservögel zu halten.

Die Eigenproduktion der Zuchtbecken soll den Großteil des nötigen Futters decken. Daher wird das Wachstum von Zoo- und Phytoplankton gefördert. Der Anteil des Fischmehls in der Fütterung wird wie bei allen ökologischen Aquakulturen gering gehalten. Selbstverständlich ist auch der Einsatz von Antibiotika, Chemotherapeutika und anderen chemisch-synthetischen Medikamenten verboten.

Wenn die Teiche nach der Ernte der Garnelen abgelassen werden, tragen die ökologischen Zuchtbetriebe dafür Sorge, dass so wenig wie möglich organische Abfälle in die Umgebung ausgeleitet werden. Vögel müssen zudem die Möglichkeit bekommen, die auf dem Teichboden zurückbleibenden Fische und Weichtiere zu fressen.

Sozialstandards
Naturland hat als erster ökologischer Anbauverband auch Sozialstandards in seinen Richtlinien festgeschrieben und trägt damit der Tatsache Rechnung, dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit zusammen gehören. Diese Regeln kommen den Menschen in der Umgebung von Aquakulturen sowie den Arbeitern auf den Anlagen zugute. Alle Mitarbeiter sind demnach in den Verfahren der ökologischen Aquakultur zu schulen. Der Betreiber der Farmen ist zudem für die Lebens- und Wohnverhältnisse der Arbeiter verantwortlich, die auf dem Farmgelände leben. Grundlage dieser Verantwortung sind die internationalen Sozialstandards des Internationalen Dachverbandes des ökologischen Landbaus (International Federation of Organic Agricultural Movements, IOFAM). Die Farmbetreiber haben außerdem sicherzustellen, dass die Fischer und andere Menschen der Umgebung Zugang zu den an das Farmgelände angrenzenden Gewässern haben.

Die Richtlinien des ökologischen Anbauverbandes Bioland gelten für die ökologische Teichwirtschaft mit Karpfen und Forellen. Die Regeln entsprechen denen von Naturland. Sie finden daher in gut sortierten Bio-Läden und Bio-Supermärkten Lachs, Forelle, Karpfen, Garnelen und Muscheln aus ökologischer Aquakultur. Naturland hat sein Zeichen an Betriebe in Deutschland, Japan, Indonesien, Vietnam, Ecuador, Schweden und Irland vergeben. Karpfen und Forellen mit dem Zeichen Bioland kommen aus Deutschland.