Aquakultur

Werden Meerestiere, Süß- oder Salzwasserfische unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet und aufgezogen, spricht man von Aquakultur. Schon seit Jahrhunderten nutzen Menschen überall auf der Welt diese Möglichkeit, sich gezielt Fische, Krebs- und Weichtiere für den Verzehr heranzuziehen. Heute ist die Aquakultur ein wachsender Industriezweig: Etwa 46 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte stammen aus Zuchtanlagen rund um den Globus. Weltweit werden heute über 200 Fischarten, Muscheln, Krustentiere, Reptilien, Amphibien und Algenarten außerhalb ihrer natürlichen Lebensräume für die internationalen Märkte gezüchtet. Die meisten dieser Arten sind Flossenfische, gefolgt von Weich- und Krebstieren.

Je nachdem, ob die Tiere in Süß- oder Salzwasser leben, werden Limnokulturen (Süßwasser) und Marikulturen (Salzwasser) unterschieden. Etwas mehr als die Hälfte der weltweiten Produktion findet im Salzwasser an den Küsten statt. Über 90 % der weltweiten Aquakulturen sind dabei in Entwicklungsländern angesiedelt. Allein aus Asien stammen 90 % der weltweiten Produktionsmengen, Europa (4 %) und Lateinamerika (2 %) folgen mit deutlichem Abstand. Die "Top Ten" unter den Ländern, in denen weltweit Aquakultur betrieben wird, sind China, Indien, Japan, Philippinen, Indonesien, Thailand, Korea, Bangladesch, Vietnam und Norwegen.

Gemessen am Produktionsvolumen insgesamt, werden verhältnismäßig wenig Krebstiere (vor allem Garnelen) in Aquakulturen gezüchtet - nur etwa 4 % der in Aquakultur gehaltenen Meerestiere sind Krebstiere. Sie sind jedoch ungeheuer wertvoll. Allein Garnelen und Co. machen 17 % des Marktwertes aller in Aquakultur gezüchteten Tiere aus (Stand 2000). Sie werden unter vielfach enormen ökologischen und sozialen Kosten vor allem in Asien gezüchtet. Lachs, Forellen und andere Edelfische aus Aquakultur stammen dagegen überwiegend aus Zuchten in Norwegen, Chile, Schottland, Irland, Kanada, Japan und Australien. Etwa eine Milliarde Euro Jahresumsatz erwartet allein Marine Harvest, der größte Anbieter von Fischen aus Aquakultur, für das Jahr 2005.

Spanien, Frankreich und Italien verfügen ebenfalls über große Aquakulturen, in denen vor allem Weichtiere gezüchtet werden. In Deutschland herrscht Teichwirtschaft für Karpfen und Forellen vor, aber auch Aal und Stör werden so für den heimischen Markt herangezogen. In Mecklenburg-Vorpommern entsteht derzeit die größte Fischzuchtanlage der Welt. Störe sollen hier zukünftig über 30 Tonnen Kaviar im Jahr liefern.

Verfahren

Eine der ältesten, seit Jahrhunderten bekannten Methoden der Aquakultur ist die Teichwirtschaft. Dabei werden die Zuchtfische in künstliche oder auch abgegrenzte natürliche Teiche eingesetzt, in denen sie dann heranwachsen. Die Menge der Fische pro Kubikmeter Wasser variiert stark. Während sich in der ökologischen Teichwirtschaft sehr wenige Tiere den Platz teilen, ist die Besatzdichte in konventionellen Teichwirtschaften unter Umständen sehr hoch. Oft werden die Tiere mit speziellem Futter gemästet. Umwelteinflüsse sind kaum auszuschließen. In Deutschland werden vor allem Karpfen und Forellen in Teichwirtschaften gezüchtet.

In Durchflussanlagen wird Wasser aus Meeren oder Binnengewässern durch Rinnen oder Becken geleitet, in denen viele Tiere eng beieinander gehalten werden. Die Wasserqualität ist dabei kaum zu kontrollieren und oft ist großer Energieaufwand nötig, um das Wasser durch die Anlagen zu bewegen. Dieses Verfahren verursacht erhebliche Umweltbelastungen, da die Abwässer, die durch Futterreste, Exkremente und vielfach auch Medikamente verunreinigt sind, zurück in die Gewässer geleitet werden.

In der Netzhegehaltung werden die Tiere in Netzen oder Käfigen direkt im Gewässer gehalten. Die Besatzdichte ist vielfach sehr groß. Stoffwechselprodukte und die Rückstände von Medikamenten und Futtermitteln gelangen unmittelbar ins umgebende Gewässer.

Geschlossene Kreislaufanlagen machen den Fischzüchter völlig unabhängig von der natürlichen Umgebung. In riesigen Hallen werden die Fische in Becken gehalten, die über ein geschlossenes Wasserkreislaufsystem ständig mit sauberem Wasser versorgt werden. Da das Wasser innerhalb der Anlage aufbereitet wird, ist der Bedarf an Frischwasser gering. Zudem kann die Wasserqualität genauestens kontrolliert und an die Bedürfnisse der Art angepasst werden. Trotz der hohen Besatzdichten in diesen Anlagen, sind die Umwelteinflüsse verhältnismäßig gering. Antibiotika können, da die Wasseraufbereitung mit Hilfe biologischer Klärverfahren arbeitet, nicht verwendet werden. Alle anfallenden Abwässer werden gereinigt. Aus solchen Anlagen können die Fische zudem nicht in die Umgebung entkommen, so dass auch fremde Arten gefahrlos gehalten werden können. So wird zum Beispiel afrikanischer Wels in den Niederlanden in geschlossenen Kreislaufanlagen gezüchtet und auch die Stör-Zucht-Anlage im Mecklenburgischen Demmin arbeitet nach diesem Prinzip.

Ökologische Auswirkungen

Konventionelle Aquakultur bringt ökologische Probleme mit sich, die denen der Massentierhaltung an Land sehr ähnlich sind: Die Tiere haben zu wenig Platz und sind anfällig für Krankheiten. Daher werden Arzneimittel in großem Stil und vielfach vorbeugend eingesetzt. Energiefutter und Masthilfsmittel ersetzen die natürliche Nahrung. Gegen Algenwuchs und unerwünschte Lebewesen werden Chemikalien eingesetzt. Rückstände dieser Stoffe gelangen zusammen mit den Ausscheidungen der Tiere in die Umgebungsgewässer und beeinträchtigen dort das ökologische Gleichgewicht. Schon in einer kleinen Lachsfarm entstehen 500 t Abwasser im Jahr, in Shrimpsfarmen gehen die Abwässer in die Millionen Liter.

Erhebliche ökologische Probleme entstehen durch den Bedarf an Futtermitteln. Fischmehl und Fischöl sind für einige der in Aquakultur gehaltenen Arten als Futtermittel unersetzlich. Nach Angaben des WWF (World Wildlife Found) gefährdet der wachsende Bedarf an Fischmehl und -öl für Aquakulturen inzwischen die Bestände frei lebender Fische. Etwa ein Drittel der weltweit jährlich gefangenen Tiere wird zu Fischmehl und -öl weiterverarbeitet. Eine Studie des WWF-Norwegen (Stand 2003) ermittelte, dass 70 % des weltweit produzierten Fischöls und 34 % des Fischmehls in Aquakulturen an Lachs, Forellen, Kabeljau und Thunfisch verfüttert werden. Demnach sind etwa 4 kg frei lebender Fisch für ein Kilogramm Fischfleisch aus Aquakultur nötig. Als Folge dieser Praxis tritt auch bei Arten wie Sardine und Blauer Wittling Überfischung auf. Der drastische Rückgang ihrer Bestände hat Auswirkungen auf all jene Arten, die in der Nahrungskette auf diese kleinen Fische angewiesen sind. Konzepte zur nachhaltigen Fischereiwirtschaft und die ökologische Aquakultur setzen daher auch beim Problem der Futtermittel an: Der Einsatz von Fischmehl und -öl als Futtermittel wird beschränkt, die verwendeten Produkte dürfen zudem ausschließlich aus verarbeitetem Beifang oder den Resten der Speisefischverarbeitung stammen.