Fangquoten und Fischereiabkommen

Jedes Land kann in seinem Staats- und Wirtschaftsgebiet die Vorschriften für die Fischerei bestimmen. Dieses Wirtschaftsgebiet endet 200 Meilen vor der Küste des Landes, dahinter beginnen die Internationalen Gewässer, auf denen die einzelstaatlichen Vorschriften keine Gültigkeit haben. Welche Flotte in welchem Gebiet wann welchen Fisch mit welchen Methoden in welchen Mengen jagen darf, wird für die Staaten der Europäischen Union im Rahmen der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) bestimmt. Gemeinsam mit Norwegen legt der Ministerrat der Europäischen Union jährlich die zulässigen Gesamtfangmengen für die wichtigsten Konsumfischarten fest. Diese Vorschriften über den Total Allowable Catch (TAC) schreiben vor, welche Höchstmenge Fisch in einem bestimmten Zeitraum aus einem bestimmten Bestand entnommen werden darf. Sie stützen sich auf die wissenschaftlichen Empfehlungen des Internationale Rates für Meeresforschung (International Council for the Exploration of the Sea), ICES, in Kopenhagen.

Diese wissenschaftlichen Daten sind jedoch lediglich die Ausgangswerte der Überlegungen. Die festgelegte Höhe der Fangquoten ist zu großen Teilen politisch motiviert. Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Spanien und Portugal, in denen die Fischerei eine wichtige Industrie mit vielen Arbeitsplätzen ist, haben traditionell ein Interesse an höheren Fangquoten. Daher liegen die realen Quoten in der Regel über den wissenschaftlichen Empfehlungen. So empfahl der ICES für den Kabeljau (Dorsch) eine Fangmenge von höchstens 13.000 t im Jahr 2004. Die Fischereiminister legten schließlich eine Fangquote von 32.000 t fest. Die Überwachung der Fangmengen ist zudem schwach. Lediglich Fänge, die ordnungsgemäß angemeldet und angelandet wurden, gehen in die Kontrollen ein. Beifänge werden nicht erfasst und gehen nicht in die Festlegung der TAC ein.

Fischereiabkommen

Ein wesentlicher Teil der Europäischen Fischereipolitik sind die so genannten bilateralen Fischereiabkommen. Die Europäische Kommission handelt dabei mit interessierten Drittstaaten Fischereiprotokolle aus, in denen festgelegt wird, unter welchen technischen und finanziellen Bedingungen Schiffe der EU-Fangflotte in den Gewässern dieses Landes fischen dürfen. In die Verhandlungen fließen die Angaben der europäischen Reeder über frühere Fangmengen, der Grad der Nutzung der betreffenden Gewässer und die Schätzungen der Mitgliedstaaten darüber ein, wie viel Fangmöglichkeiten sie brauchen. Denn die Fischereiabkommen haben vor allem das Ziel, die Europäische Fangflotte auszulasten, die Arbeitsplätze der Fischereiindustrie zu erhalten und die Nachfrage nach Fisch zu befriedigen. Der Zustand der betreffenden Fischbestände sowie die Auswirkungen der Fischerei auf die maritime Umgebung, die Nicht-Zielarten und ihre Lebensräume werden bei den Verhandlungen um Fischereiabkommen kaum berücksichtigt.

Die Fischereiabkommen lassen sich grob in drei Gruppen aufteilen:

Abkommen auf Gegenseitigkeit
Abkommen mit finanziellem Ausgleich
Abkommen mit finanziellem Ausgleich und erleichtertem Marktzugang


Abkommen auf Gegenseitigkeit werden zwischen der EU und Staaten abgeschlossen, die ihre Fischereiressourcen für gewöhnlich selbst voll ausschöpfen. Diese Staaten erhalten die Erlaubnis in den Gewässern der EU zu fischen, während sie der europäischen Fangflotte Zugang zu ihren Hoheitsgewässern gewähren. Solche Abkommen gelten derzeit mit

  • den Färöer Inseln für Kabeljau, Schellfisch, Seelachs, Rotbarsch, Leng und Plattfisch,
  • Island für Rotbarsch,
  • Norwegen für Kabeljau, Schellfisch, Seelachs, Seehecht, Scholle, Makrele und Hering.

Im Falle der Abkommen mit finanziellem Ausgleich erhalten Staaten, die den Fangschiffen der Europäischen Union Zugang zu ihren Gewässern und Fischbeständen gewähren, Ausgleichszahlungen. Das betrifft besonders Staaten Afrikas und des Indischen Ozeans. Dieser finanzielle Ausgleich wird zu 80 % von der Europäischen Union und zu 20 % von den Reedern bezahlt, die die Lizenz zum Fang in den Gewässern erhalten. Er setzt sich zusammen aus Beiträgen zum Staatshaushalt der Länder, Beiträgen für Maßnahmen zur Entwicklungszusammenarbeit und Maßnahmen zur Förderung öffentlicher Dienstleistungen im Fischereisektor, wie zum Beispiel Fortbildungsmaßnahmen. Im Jahr 2005 gelten Fischereiabkommen mit

  • Gabun (Thunfisch)
  • Guinea (Garnelen, Thunfisch)
  • Kap Verde
  • Kiribati (Thunfisch)
  • Mauritius
  • Mauretanien (Langusten, Tintenfische, Bodenfische, Thunfisch)
  • Mosambik (Thunfisch, Tiefseegarnelen)
  • Salomonen
  • Sao Tomè und Principe
  • Senegal (Thunfisch, Küstenfischerei, Tiefseefischerei).

Die Ausgleichszahlungen für den Senegal belaufen sich auf insgesamt 16 Mio Euro pro Jahr, Mosambik erhält 4,09 Mio Euro/Jahr und Mauretanien 86 Mio Euro/Jahr. Nach Angaben des WWF liegt der Verkaufswert der Fänge in der Regel deutlich über den Ausgleichszahlungen.


Im Rahmen der Abkommen mit finanziellem Ausgleich und erleichtertem Marktzugang erhält die Fangflotte der Europäischen Union Fischereirechte in den Gewässern anderer Staaten und gewährt ihnen im Gegenzug neben Ausgleichszahlungen das Einführen von Fischereierzeugnissen ohne Zölle oder Mengenbegrenzungen. An diesen Ausgleichszahlungen sind die Reeder nicht beteiligt. Derzeit gilt ein solches Abkommen mit Grönland über Rotbarsch, Garnelen, Heilbutt und Grenadierfisch. Das Land erhält dafür jährliche Ausgleichszahlungen in Höhe von 42,82 Mio Euro.

Da die Ausgleichszahlungen pauschal festgelegt werden, hat die Europäische Kommission ein finanzielles Interesse daran, dass die so errungenen Fangquoten vollständig ausgeschöpft werden. Die Kontrollen für die Einhaltung der Fischereiprotokolle sind nach Angaben des Europäischen Rechnungshofes unzureichend. So richten nur sehr wenige Staaten Dienstleistungen zur Förderung ihres Fischereisektors ein - die einheimischen Fischer haben daher kaum etwas von den Abkommen. Die Einnahmen aus den Ausgleichzahlungen kommen in den meisten Staaten nicht im Fischereisektor an. Längst nicht alle Staaten akzeptieren zudem externe Kontrollen. Und auch die Fischereifahrzeuge selbst halten die Vorschriften der Abkommen nicht immer ein. Immer wieder werden Fangmengen falsch angegeben, Jungfische widerrechtlich mitgefangen oder in den Mannschaften entgegen den Abkommen keine einheimischen Arbeitskräfte eingesetzt. Derzeit gibt es keine hinreichenden Informationen darüber, wie viel Fisch im Rahmen der Fischereiabkommen tatsächlich angelandet wird, welchen Verkaufswert diese Anlandungen hatten oder inwieweit die Abkommen den Arbeitsplätzen in der Europäischen Fischerei wirklich nutzen.