Nüsse und Soziales

Während über die Anbau- und Erntebedingungen der meisten Nusssorten wenig bekannt ist, sind vor allem die Arbeitsbedingungen in den Haselnussplantagen in der Türkei in die Kritik geraten. Rund 80 Prozent der auf dem Weltmarkt gehandelten Haselnüsse stammen aus der Türkei, vor allem aus der Schwarzmeerküste, wo die Haselnusssträucher die idealen Witterungsbedingungen vorfinden: schwülwarme Sommer, nasskalte Winter und ausreichend Regen. Deutschland zählt zu den wichtigsten Abnehmerländern von Haselnüssen aus der Türkei.


Schlechte Arbeitsbedingungen


Geerntet werden die Haselnüsse im Spätsommer vor allem durch Wanderarbeiter, die als Erntehelfer in die Region kommen. Sie bringen häufig ihre Familien mit, die an den häufig zehn und mehr Stunden dauernden Arbeitstagen voll eingesetzt werden. Darunter sind auch viele Kinder. Die Arbeitsbedingungen an den zum Teil an steilen Berghängen befindlichen Plantagen sind gefährlich, Unfälle sind an der Tagesordnung. Die Wanderarbeiter leben oft unter widrigen Verhältnissen in Zeltlagern und verdienen sehr wenig Geld. Laut dem 1991 gegründeten Südwind-Institut, das sich vor allem mit Fragen der Weltwirtschaft beschäftigt, verdienen häufig Arbeitsvermittler mit. Gewerkschaftsähnliche Organisationen, die die Rechte der Arbeiter verteidigen oder einklagen, gibt es nicht, weil die Wanderarbeiter einerseits eine solche Organisation nicht gewohnt sind und andererseits sich die Gewerkschaften für sie in der Regel auch nicht interessieren.


Ungleiche Einkommen


Hinzu kommen laut Südwind-Institut unterschiedliche Einkommen bei den verschiedenen Gruppen der Wanderarbeiter. So erhalten kurdische und georgische Wanderarbeiter noch geringere Löhne als türkischstämmige.


Kinderarbeit


Viele der Kinder, die in den Haselnussplantagen arbeiten, sind unter 14 Jahre alt. Die beiden Nahrungsmittelkonzerne Kraft Foods und Nestlé haben im August 2011 den Umfang der Kinderarbeit bei der Haselnussernte untersuchen lassen. Danach war etwa die Hälfte der Beschäftigten in einer Plantage in der türkischen Provinz Ordu 16 Jahre oder jünger, und davon war wiederum die Hälfte jünger als 14 Jahre. Alle diese Kinder verlieren mindestens vier Monate pro Jahr Schulzeit. Natürlich herrscht in der Türkei Schulpflicht, die Einhaltung wird aber in den betroffenen Regionen kaum kontrolliert. Auch viele der lokalen Bauernfamilien setzen ihre Kinder bei der Ernte ein. Die Eltern argumentieren damit, dass die Löhne so niedrig seien, dass nur durch die Mitarbeit der Kinder die Ernährungsgrundlage der ganzen Familie gesichert werden könnte.


Hersteller und Regierungen unter Druck


Der Europäische Süßwarenverband (Caobisco) drängt auf Verbesserungen bei dieser Situation. Die türkische Regierung hat eine Verbesserung der Situation der Wanderarbeiter zugesagt. Südwind hat bei einer Untersuchung der Lage 2011 vereinzelte positive Ansätze beobachtet, mit denen die Unterbringung der Wanderarbeiter verbessert werden soll.

Viele Hersteller von Nussprodukten und Schokolade bangen angesichts der Meldungen über Kinderarbeit in der Türkei um ihren guten Ruf. 2012 erreichte das Thema die Schweiz, als Vertreter von namhaften Firmen wie Lindt & Sprüngli oder Chocolat Frey die Produktionsbedingungen ihrer Rohwaren untersuchten.
Auf Druck der Hersteller und der Herstellerverbände hat die türkische Regierung inzwischen offenbar eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die Lösungsvorschläge liefern soll.


Gefährliche Cashewnüsse


Ebenfalls schlechte Arbeitsbedingungen gibt es bei der Ernte von Cashewnüssen. Bei diesen besteht das Problem vor allem in der Schale, die ein giftiges Öl enthält, das zu schweren Verätzungen der Haut führen kann. Diesem Öl sind viele Arbeiter schutzlos ausgeliefert. Wie bei Haselnüssen gibt auch bei Cashewnüssen inzwischen Ansätze eines fairen Handels. Näheres dazu lesen Sie in der Rubrik Faire Nüsse.