Das tägliche Glas

Angesichts herzgesunder Franzosen stießen Wissenschaftler auf das so genannte French Paradoxon: In Frankreich trinken viele Menschen regelmäßig Wein. Gleichzeitig sterben Franzosen seltener an Herz-Kreislauferkrankungen als beispielsweise Deutsche, obwohl erhöhte, ungünstige Cholesterinwerte, Bluthochdruck und Übergewicht genauso weit verbreitet sind wie in anderen Industriestaaten. Inzwischen lesen Verbraucherinnen und Verbraucher immer häufiger, dass mäßiger Alkohol- und speziell Rotweingenuss der Gesundheit zuträglich sei.

Rotwein enthält große Mengen so genannter sekundärer Pflanzenstoffe, vor allem Polyphenole. Diesen starken Antioxidantien werden vorbeugende Wirkungen gegen Arterienverkalkung und damit Herzinfarkt zugeschrieben. Darüber hinaus sollen sie krebshemmend (anticancerogen) wirken und einen günstigen Einfluss auf den Cholesterinspiegel haben. Gute Effekte auf das Herz-Kreislaufsystem scheint auch der Alkohol an sich zu haben. So verbesserte sich in Studien der Cholesterinspiegel der Teilnehmer, die 10 bis 40 g Alkohol pro Tag zu sich nahmen. Zum Vergleich: 10 g Alkohol sind in einem halben Glas Wein enthalten, 20 g entsprechen 0,5 l Bier, 0,25 l Wein oder 0,06 l Weinbrand. Ist Wein nun also gesund, und das tägliche Glas ein wichtiger Beitrag?

Neben den beschriebenen förderlichen Effekten bringt Alkohol, egal ob aus Wein, Bier oder Spirituosen, einige Nachteile mit sich: Schnell spürbare Folgen langer Weinabende sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindelgefühle. Schon geringe Alkoholmengen mindern die Muskelleistung. Auch Reaktions- und Gleichgewichtsstörungen sind allseits bekannte Folgen des Alkoholkonsums. In größeren Mengen führt Alkohol zu Bluthochdruck und schädigt Leber, Bauchspeicheldrüse und Herz. Regelmäßiger Alkoholgenuss erhöht das Risiko für Krebserkrankungen des Mundes, Rachens, Kehlkopfes sowie in Speiseröhre, Magen und Leber. Bei Frauen steigt das Risiko für Brustkrebs schon bei einer Aufnahme von täglich 10 g Alkohol deutlich an. In den vielzitierten Studien zum Wein- und Alkoholgenuss, sank das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen darüber hinaus nur bei älteren Menschen (über 50 Jahre) durch täglichen mäßigen Alkoholgenuss. Bei jüngeren Menschen überwiegen gesundheitliche Risiken einschließlich erhöhter Unfall- und Verletzungsgefahr.

Wer Empfehlungen für ein tägliches Glas liest, sollte auch den Energieinhalt von Alkohol und Wein nicht vergessen. Immerhin entspricht 1 g Alkohol 7 kcal. 65 bis 70 kcal sind in 100 ml Wein enthalten. Ein Viertele Wein enthält also 162,5 bis 210 kcal - das entspricht etwa einer ordentlichen Portion Eis.

Zweifellos hat Wein, und vor allem Rotwein, in geringen Mengen schützende Wirkungen bei einigen Personengruppen. Doch ein "gesundes Lebensmittel" ist Wein, wie anderer Alkohol, auf keinen Fall. Die beschriebenen Nachteile überwiegen die möglichen Vorteile deutlich, zudem birgt Alkohol eine nicht zu unterschätzende Suchtgefahr. Und leider ist es in Deutschland weniger ein Problem, ein Glas täglich zu sich zu nehmen, als es bei diesem einen Glas zu belassen.

Genießen Sie Wein mit Freude und Augenmaß. Für Ihr Herz-Kreislaufsystem sind die anderen Elemente der Mittelmeerküche, Gemüse, Obst Fisch und Olivenöl, sowie Bewegung und Entspannung die bessere Wahl.