Welthandelsabkommen

Neben den steuerlichen Vergünstigungen und rechtlichen Rahmenbedingungen gab es für Textilunternehmen lange Zeit noch einen weiteren Grund, sich in den Freihandelszonen anzusiedeln: Das Welthandelstextilabkommen (Multi-Fibres Arrangement, MFA). 1974 in Kraft getreten, waren in diesem Abkommen Quoten vereinbart, die die Importe von Textilien und Schuhen aus einem bestimmten Land in ein anderes bestimmten. Durch das 1995 in Kraft getretene ATC-Abkommen (Agreement on Textiles and Clothing) liefen diese Quotenregelungen zum Ende des Jahres 2005 zwar vollständig aus. Die Folgen der jahrzehntelangen Regulierungen wirken jedoch bis heute nach.

Die einstigen Mengenbeschränkungen für den weltweiten Handel mit Textilien und Garnen diente den Industriestaaten vor allem dem Schutz der heimischen Textilindustrie vor billigen Konkurrenz-Produkten aus dem Ausland. Im Rückblick konnte dieses Ziel nicht erreicht werden, die Textilindustrie vieler Industriestaaten ist mit ihren Produktionen dennoch in günstigere Standorte gezogen. Jedoch konnten nicht alle Produktionsstandorte dort errichtet werden, wo entsprechende Rohstoffe zur Verfügung standen, da die Exportquoten dieser Nationen bereits sehr schnell ausgeschöpft waren. Im Laufe der Zeit eröffneten die Produzenten daher auch Fabriken in Ländern, die auf den ersten Blick kaum geeignete Voraussetzungen für die Textilherstellung hatten - zum Beispiel Bangladesch, das die Rohstoffe für die Produktion der Kleidungsstücke nicht aus heimischer Erzeugung beziehen kann, sondern aus anderen Staaten importieren muss. Bis zum Jahr 1985 unterlag Bangladesch keiner Quote aus dem MFA. So gelang es den Produzenten, die Importquoten des Multifaserabkommens zu umgehen und die eigenen Produkte in großen Stückzahlen einzuführen. Dazu musste aber jede Fabrik als eigener Produzent auftreten und agieren können, so dass Importeure bis zum Auslaufen des Multifaserabkommens im Jahr 2005 bis zu 1.000 Zulieferer hatten.  

Mit dem Ende der Textil-Quoten änderten sich die Handelsbeziehungen auf dem Weltmarkt erheblich. Die Händler beziehen ihre Ware nun von deutlich weniger Zulieferern, ganze Staaten, die einst wichtige Lieferanten waren, verlieren an Bedeutung. Vor allem Staaten, die auf den Import von Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen und damit weniger flexibel sind, haben für Auftraggeber in Industriestaaten deutlich an Attraktivität verloren. So mussten etwa an der Ostküste Afrikas Textilfabriken aufgeben, weil sie nicht an den großen Schifffahrtswegen zwischen Asien, Europa und der USA liegen. Entsprechend unattraktiv sind die Standorte im Vergleich zu China, das heute bereits mehr als 50 Prozent der weltweiten Textilexporte zur Verfügung stellt. Auch in Kambodscha schlossen Textilfabriken: Das Land war vom Import der Rohstoffe abhängig und konnte so seine Kleidungsstücke nicht mehr so billig anbieten, wie die chinesische Bekleidungsindustrie, die alle Produktionsstufen im eigenen Land hat.

Der Verlust dieser in wenigen Jahren künstlich aus dem Boden gestampften Industriezentren, macht innerhalb kürzester Zeit Tausende arbeitslos. Auffangprogramme für die Arbeitnehmer gibt es nicht und auch die einstigen Auftraggeber, die jahrelang von den niedrigen Löhnen und geringen Arbeitsschutzstandards in den Betrieben profitierten, beteiligen sich bisher nicht an Auffangprogrammen. 

Die Forderungen von Nichtregierungsorganisationen (NRO) und Gewerkschaften sind daher deutlich: "kein cut & run". Unternehmen, die in Folge des Auslaufens des Multifaserabkommens ihre Lieferantenlisten kürzen und sich auf wenige Zulieferer konzentrieren, sollen sich zusammen mit den Produzenten vor Ort verständigen, wie der Übergang in einer Region gestaltet werden kann. Es geht um die Entwicklung von Zukunftsperspektiven und die Zusicherung, diesen Prozess aktiv zu unterstützen. Händler, die über Jahre oder Jahrzehnte von den günstigen Preisen profitiert haben, sind nach Meinung von NRO wie der "Kampagne für ′saubere′ Kleidung" verpflichtet sich hier einzubringen und den Menschen Chancen auf eine lebenswerte Zukunft zu eröffnen.

Mit dem Ende der Welthandelsabkommen im Dezember 2004 fielen die vielerorts noch geltenden Quotenregelungen endgültig. Die Folgen waren beinahe sofort spürbar: China exportierte bis zum September 2005 fünfmal so viele T-Shirts wie im Jahr zuvor und steigerte den Export von Leinengarn im gleichen Zeitraum um 59 %. Allein die USA steigerten ihr Importvolumen für chinesische Hosen um 1500 %. Im Rahmen des Beitritts Chinas zur WTO war jedoch bereits im Jahr 2001 festgelegt worden, dass Staaten noch bis zum Ende des Jahres 2008 Quoten für die Einfuhr chinesischer Produkte festlegen dürfen, wenn die heimischen Märkte durch diese Importe massiv gestört wurden. Die USA und auch die Europäische Union machen derzeit davon Gebrauch.