Das Problem

Schätzungen zufolge wird die weltweite Nachfrage nach Papier bis zum Jahr 2015 jährlich um 2,2 % steigen - auf dann 440 Millionen Tonnen. Die Nachfrager jedoch werden die gleichen sein: Wie schon heute werden in den Industriestaaten Westeuropas und Nordamerikas voraussichtlich auch künftig zugleich die größten Mengen Papier hergestellt und verbraucht. Die ökologischen und sozialen Probleme, die der Papierhunger verursacht, entstehen jedoch dort, wo Holz- und Zellstoff gewonnen werden: In Asien und Lateinamerika.

Für die deutsche Papierindustrie ist Altpapier der mengenmäßig wichtigste Faserrohstoff - 66 % der hier im Jahr 2005 eingesetzten Fasern waren aus Altpapier. Doch jede Papierproduktion braucht, weil Altpapierfasern nicht unbegrenzt weiterverwendet werden können, auch Primärfasern. Holz- und Zellstoff werden jedoch größtenteils aus anderen Staaten importiert und nur zu geringen Teilen aus heimischen Hölzern gewonnen. Und noch ein Umstand macht es notwendig, die Auswirkungen der Papierherstellung global zu betrachten: Außer Rohstoffen importiert Deutschland auch Papierprodukte aus anderen Ländern. Allein im Jahr 2005 stammten über 50 % der hierzulande verbrauchten Papiere, Pappen und Kartonagen aus Importen, so dass sich die Frage nach den Bedingungen der Papierherstellung in anderen Staaten stellt.

Als Holz- oder Zellstoff gehen heute schätzungsweise 47 % der weltweiten Holzernten in die Produktion von Papier, Pappe und ähnlichen Produkten. Und in Folge der steigenden Nachfrage nach Papier steigt der Druck auf die Wirtschafts- und Urwälder weiter. Besonders bedroht sind die borealen Urwälder im Norden Alaskas, Kanadas, Skandinaviens und Russlands sowie die tropischen Urwälder in Asien und Lateinamerika. Etwa 15 % des weltweit produzierten Zellstoffs stammen aus den nördlichen Urwäldern, Urwald-Bäume aus den tropischen Gebieten Asiens und Lateinamerikas sind der Rohstoff für weitere 10 - 20 % des Zellstoffs.

Nicht selten werden die Jahrtausende alten Urwälder durch Kahlschlag "geerntet" und gehen so als Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Menschen für immer verloren. So verkauft beispielsweise die kanadische Regierung Holznutzungslizenzen für Land, das nach der kanadischen Verfassung verschiedenen indianischen Gemeinschaften gehört. Mit den Urwäldern verlieren sie ihre Lebensgrundlage. Der chilenische Validiva-Urwald wird für die Produktion von Zellulosechips gerodet, in Indonesien verschwinden jedes Jahr 30.000 - 35.000 Quadratkilometern Urwald durch Abholzung in der Herstellung von Zellstoff und Papier. Über weltweit tätige Handelspartner gelangen die Rohstoffe aus tropischem Holz auch in die deutsche Papierindustrie. So stammen etwa 9 % des hierzulande weiterverarbeiteten Zellstoffs aus Brasilien. Wie in Indonesien ist auch dort illegaler Holzeinschlag in geschützten Waldgebieten an der Tagesordnung. Die Zerstörung der Urwälder sowie die Zerschneidung der letzten zusammenhängenden Gebiete durch Straßen vernichtet den Lebensraum tausender Tier- und Pflanzenarten.

An Stelle unwiederbringlich abgeholzter Urwälder befriedigen danach Holz-Plantagen die Nachfrage. So entstehen unter anderem in Brasilien Eukalyptus-Plantagen, die als Monokulturen keinen Platz mehr für heimische Tier- und Pflanzenarten bieten. Der hohe Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide und Düngemittel beeinträchtigt das Trinkwasser und die umliegenden Ökosysteme. Das Land geht zudem für die Landwirtschaft verloren: Statt Grundnahrungsmitteln wird zum Nachteil der lokalen Bevölkerung Holz für den Export produziert. Nicht selten geht der Aufbau der Plantagen mit massiven Verletzungen der Landrechte der lokalen Bevölkerung und insbesondere indianischer Gemeinschaften einher.