"Engagement des Einzelhandels beim Kauf berücksichtigen"
Im Frühsommer 2009 hat die VERBRAUCHER INITIATIVE eine ambitionierte Untersuchung zum Thema „Umwelt- und Sozialverantwortung im Einzelhandel“ durchgeführt. Ziel war es, Transparenz über das soziale und ökologische Engagement der Unternehmen zu schaffen. Einzelhandelsunternehmen aus den sechs umsatzstärksten Branchen waren aufgefordert, in einem 25-seitigen Fragebogen über entsprechende Aktivitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu berichten. Nach Auswertung der Fragebögen vergab die VERBRAUCHER INITIATIVE 30 mal die Auszeichnung „Nachhaltiges Einzelhandelsunternehmen 2009“. Oeko-fair sprach mit dem Bundesvorsitzenden Dieter Schaper über das Projekt, das vom Bundesumweltministerium und vom Umweltbundesamt gefördert wurde.
Warum ist „Nachhaltigkeit in Unternehmen“ für Verbraucher ein wichtiges Thema?
Dieter Schaper: Jeder Verbraucher kann entscheiden, Produkte und Dienstleistungen nur von nachhaltigen Unternehmen zu wählen. Verbraucher haben Macht, die sie sozial und ökologisch einsetzen können und sollten.
Reicht es nicht aus, dass Verbraucher auf nachhaltige Produktlabel achten? Warum sollen sie das gesamte Unternehmen unter die Lupe nehmen?
Der Einkauf von biologisch angebauten und fair gehandelten Produkten ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Noch besser ist, solche Produkte dort zu kaufen, wo sichergestellt ist, dass Mitarbeiter gut behandelt und Umwelt- und Sozialverantwortung groß geschrieben wird. Wenn das verantwortliche Handeln von Unternehmen vom Kunden honoriert wird, werden mehr Unternehmen diesem Beispiel folgen.
Die VERBRAUCHER INITIATIVE hat bundesweit Einzelhandelsunternehmen aus sechs Branchen nach ihrem Umwelt- und Sozialengagement befragt. Was haben Sie herausgefunden?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass einige Unternehmen ein umfangreiches Nachhaltigkeitsmanagement betreiben. Sie erkennen den Mehrwert von Nachhaltigkeit für ihr Unternehmen, sie sehen auch den damit verbundenen Wettbewerbsvorteil. Trotzdem bleibt noch viel zu tun. Vor allem wenn es darum geht, das gesamte Unternehmen dauerhaft nachhaltig aufzustellen und sich nicht nur einmalig für Klimaschutz oder Mitarbeiter zu engagieren.
Unternehmen können in verschiedenen Bereichen Verantwortung übernehmen. Welche Bereiche wurden untersucht?
Sozial- und Umweltverantwortung umfasst die gesamte Wertschöpfungskette, angefangen bei den sozialen und ökologischen Bedingungen der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung der Produkte. Im Fragebogen haben wir die gesamte Kette anhand der drei Handlungsfelder Geschäftstätigkeit, Lieferkette und Förderung des nachhaltigen Konsums erfasst. Der Fragebogen ist als Checkliste konzipiert und bietet damit zusätzlich Hilfestellung für das Nachhaltigkeitsmanagement für Unternehmen, die erst anfangen sich mit dem Thema zu beschäftigen.
Bietet die Befragung Verbrauchern praktische Unterstützung bei der Wahl eines nachhaltigen Supermarkts oder Möbelgeschäfts?
Das war das Ziel der Befragung. Verbraucher können sich auf unserer Seite www.nachhaltig-einkaufen.de über das nachhaltige Engagement von Einzelhandelsunternehmen aus sechs Branchen informieren. Auf Basis der ausgewerteten Fragebögen wurden Unternehmen entsprechend der erreichten Punktzahl bewertet. Unternehmen, die in allen Nachhaltigkeitsbereichen gut abschneiden, erhielten eine Auszeichnung in Gold, Silber oder Bronze. Wir zeigen ergänzend die Einzelbewertungen der Aspekte „Lieferkette“, „Geschäftstätigkeit“ und „Förderung nachhaltiger Konsum“. Bisher war selbst für sehr engagierte Verbraucher schwer nachvollziehbar, welche Bedingungen in der Zuliefererkette eines Unternehmens herrschen und was es für die Umwelt oder seine Mitarbeiter tut. Die Übersicht ausgezeichneter Einzelhandelsunternehmen schafft Transparenz und gibt Verbrauchern ein praktisches Werkzeug für die Auswahl nachhaltiger Einzelhandelsunternehmen an die Hand.
Wieso wurde gerade der Einzelhandel befragt?
Einzelhandelsunternehmen standen immer wieder in der öffentlichen Kritik, zum Beispiel durch Mitarbeiterbespitzelungen oder schlechte Arbeitsbedingungen in der Zuliefererkette. Der Einzelhandel ist einer der drei größten Wirtschaftszweige in Deutschland, insofern hat das verantwortliche Handeln dieser Branche großen Einfluss. Nicht zuletzt ist der Einzelhandel eine zentrale Schnittstelle zwischen Verbrauchern und Herstellern. Kein Einzelhändler ist gezwungen, Produkte im Sortiment aufzunehmen, die unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden.
Können Verbraucher mit ihrer Entscheidung, nur noch bei „guten“ Unternehmen einzukaufen, wirklich etwas bewirken?
Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass Verbraucher Macht durch ihre Kaufentscheidung ausüben. So haben biologisch angebaute Lebensmittel durch die steigende Nachfrage den Sprung vom Nischendasein im Naturkostladen in den Supermarkt und sogar zum Discounter geschafft.
Wie können Verbraucher überprüfen, ob Unternehmen wirklich umwelt- und sozialverantwortlich handeln oder nur vorgeben, sie würden dies tun?
Wenn es um Produkte geht, können Verbraucher auf zertifizierte Labels wie den Blauen Engel und das Fairtrade- oder Bio-Siegel achten. Hier bietet die VERBRAUCHER INITIATIVE mit www.label-online.de ein entsprechendes Informationsangebot. Wenn es um das nachhaltige Handeln von Unternehmen geht, wird es schon schwieriger, ein umfassendes Bild zu bekommen. Unsere Untersuchung ist so angelegt, dass Unternehmen ausführliche Angaben über ihr nachhaltiges Engagement entlang der Lieferkette und im eigenen Unternehmen geben. Aus dem Rücklauf wurden dann engagierte Unternehmen ermittelt, die ausgezeichnet wurden. Die Übersicht dieser ausgezeichneter Unternehmen auf www.nachhaltig-einkaufen.de beruht auf einer unabhängigen Bewertung des Einzelhandels und stellt damit eine glaubwürdige Quelle bei der Wahl nachhaltiger Einzelhändler dar.
Wie werden die Aussagen der Unternehmen kontrolliert?
Die Unternehmen bürgen mit ihrer Unterschrift für die Richtigkeit der Angaben. Sie wurden zusätzlich aufgefordert, Belege für Ihre Antworten mitzuschicken, zum Beispiel wenn es einen Nachhaltigkeitsbericht gibt oder sie Mitglied in einer Nachhaltigkeitsinitiative sind. Die Angaben wurden darüber hinaus stichprobenartig geprüft.
Wieso gibt es keine einheitlichen Standards für „gute Unternehmensführung“? Dann wären alle Unternehmen gleichermaßen verpflichtet, ihrer Umwelt- und Sozialverantwortung gerecht zu werden und nicht die Verbraucher hätten die „Qual der Wahl“.
Umwelt- und sozialverantwortliches Handeln wird oft als „zusätzliche“ Leistung verstanden, die häufig über gesetzliche Mindeststandards wie ein Verbot von Giftstoffen am Arbeitsplatz nicht hinausgeht. Da es weitergehende verbindliche Standards nicht gibt, sollten Verbraucher mit ihrer Auswahl die gut aufgestellten von den weniger guten Unternehmen trennen. So kommt der Markt in Bewegung, gerade angesichts gesättigter und rückläufiger Märkte. Unternehmen entdecken so verstärkt nachhaltiges Handeln als wichtigen Bestandteil ihres Handelns. Mit der Übersicht ausgezeichneter Einzelhandelsunternehmen liefert die VERBRAUCHER INITIATIVE eine wichtige Hilfestellung für Verbraucher bei der Suche nachhaltiger Unternehmen.
Beschäftigt sich die VERBRAUCHER INITIATIVE weiterhin mit dem Thema Unternehmensverantwortung?
Wir setzen uns auch zukünftig für mehr Umwelt- und Sozialverantwortung von Unternehmen ein, sowohl durch Pressearbeit als auch durch weitere Untersuchungen. Für 2010 ist eine zweite Einzelhandelsbefragung vorgesehen. Zu den sechs bereits befragten Branchen kommen drei weitere hinzu. Die Ergebnisse finden Sie dann ebenfalls auf www.nachhaltig-einkaufen.de.
Dieter Schaper arbeitet als Rechtsanwalt in Bonn und ist seit 2007 Bundesvorsitzender der VERBRAUCHER INITIATIVE. Er ist außerdem Mitglied des Beirates des Mietervereins Bonn/Rhein-Sieg. Seit 2002 ist er Mitglied des Bonner Stadtrats.







