Der Nestlé Cocoa Plan

Bei der Produktion von Kakao gibt es häufig ökologische und soziale Missstände. In Deutschland beschäftigt sich das 2012 gegründete Forum Nachhaltiger Kakao mit rund 60 Mitgliedern aus Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft etc. mit der Verantwortung in der Lieferkette vom Anbau bis zum Einzelhandel. Einer der Beteiligten ist das Schweizer Unternehmen Nestlé mit dem 2009 aufgelegten Qualitätsprogramm „Nestlé Cocoa Plan“ auf sich hat, fragten wir Achim Drewes, Public Affairs Manager von Nestlé Deutschland.
Foto Achim Drewes Nestlé1

oeko-fair.de: Die weltweite Nachfrage nach Kakao wächst, die Bauern profitieren aber davon eher wenig. Nestle verarbeitet rund 11% der jährlichen Ernte. Woher beziehen sie den Kakao?

Drewes: Für unser Schokoladenwerk in Hamburg mit  Marken wie KitKat, Smarties, Choco Crossies und After Eight beziehen wir vor allem Kakao aus Elfenbeinküste und Ghana. Mittlerweile bilden alleine in Elfenbeinküste 57 Partnerkooperativen die Lieferbasis für unseren Cocoa Plan. Wir beziehen international über 90.000 Tonnen Kakao aus diesem Programm. Wir wollen auch in Zukunft qualitativ guten Kakao aus Elfenbeinküste beziehen. Dafür müssen die Menschen vom Anbau gut leben können und darin eine attraktive Zukunft für sich und ihre Familien sehen. Der Kakaoanbau ist von den Regierungen und auch den Unternehmen zu lange vernachlässigt worden – und in dem langen Bürgerkrieg haben Flüchtlingsströme und Unsicherheit für die Bauern die Probleme verschärft. Wir müssen als Branche jetzt den Kakaoanbau wieder zukunftsfähig zu machen. Dazu gehört auch, dass wir soziale Herausforderungen in der Lieferkette konsequent angehen – Stichwort Zugang zu Bildung, Kinderarbeit, die Rolle von Frauen, Arbeitsbedingungen und Arbeitssicherheit im Anbau.

oeko-fair.de: Die Elfenbeinküste entwickelt sich nach jahrelangen Unruhen und dem Friedensvertrag von 2007 langsam wieder. Probleme sind die Exportabhängigkeit von der Landwirtschaft, die geringe Produktivität und damit die niedrigen Familieneinkünfte.  Was kann, was will Nestle daran ändern?

Drewes: Das Land hat eine schwierige Zeit hinter sich.  Die Reformen im Kakaosektor – mit einer Registrierungspflicht für Zwischenhändler und höheren gesetzlich festgelegten Mindestpreisen – und die Programme gegen Kinderarbeit sind vielversprechend. Nestlé ist seit den 60er Jahren im Land, mit zwei Werken für löslichen Kaffee sowie für Brühwürfel und rund 1000 lokalen Mitarbeitern. Für uns ist Elfenbeinküste also mehr als nur ein Lieferant für Kakao. Lokal kaufen und verarbeiten wir vor allem Kaffee – nach dem 4C Standard – und Kassava für unsere dortigen Werke. Außerdem haben wir in Abidjan ein Agrarforschungszentrum mit hoch qualifizierten Agronomen – dort arbeiten wir unter anderem an Qualitätssteigerung für lokale Agrarprodukte wie Getreide und Kassava, vor allem aber auch an leistungsfähigen Kakaopflanzen mit einer natürlichen Resistenz gegen Schädlinge und deutlich höheren Erträgen. 2013 haben wir dazu auch eine Versuchsfarm im Hinterland von Yamoussoukro eröffnet. Hier werden „unsere“ Kakaosetzlinge erprobt, bevor sie an die Baumschulen und Kooperativen abgegeben werden.Unsere Präsenz im Land ist auch eine Stärke unseres „Nestlé Cocoa Plan“: Wir haben Mitarbeiter vor Ort, die Land und Kultur kennen. Unsere Agrarforschungseinrichtungen sind für uns eine wichtige Plattform, um den Cocoa Plan voranzutreiben, und über die von uns mit betreuten Baumschulen haben wir guten Zugang zu den Kooperativen und den Menschen.


oeko-fair.de: Nun ist der Anbau die eine Herausforderung. Verbraucher in Deutschland erwarten nicht nur hier Verbesserungen, sondern wollen auch Transparenz in der gesamten Lieferkette. Die vielstufige Lieferkette macht die Rückverfolgbarkeit aber schwierig. Wie sorgt Nestle für die notwenige Information?

Drewes:
Ein Teil des Problems sind tatsächlich die Zwischenhändler.  Kleinbauern, die nicht einer Kooperative angeschlossen sind, sind auf kleine Aufkäufer, die so genannten Pisteurs, angewiesen, die aber nicht immer faire Konditionen bieten. Dies schafft Abhängigkeiten zu Lasten der Bauern und schadet letztendlich auch der Qualität des Kakaos.
Um die Bauern und ihre Kooperativen gezielt unterstützen zu können, benötigen wir transparente Lieferketten bis in den Anbau. Gemeinsam mit unseren Partnern identifizieren wir Kooperativen, die in der Lage sind, die Maßnahmen mit zu tragen. Wir treffen mit den Kooperativen dann entsprechende Vereinbarungen zu Zielen, Schulungsmaßnahmen, Leistungen von unserer Seite – wie Pflanzensetzlinge, Baumschulen und technische Unterstützung - und zur Höhe von Prämien für Qualitätsverbesserungen. Durch Partnerorganisationen und eigene Agronomen vor Ort begleiten wir die Umsetzung und überwachen auch, dass die von uns bereitgestellten Setzlinge nur zur Erneuerung bestehender Pflanzungen, nicht aber zur Anlage neuer Plantagen auf Rodungsflächen eingesetzt werden. Und wir erwarten von unseren Partnern, dass sie Transparenz herstellen und die Umsetzung unserer Anforderungen, einschließlich Arbeits- und Sozialstandards, unterstützen – ansonsten haben sie in unserer Lieferkette keinen Platz.
Zertifizierung ist im Cocoa Plan ein wichtiges Instrument – sie sorgt zumindest für ein gewisses Maß an Transparenz und Rückverfolgbarkeit, fördert die Professionalisierung der Kooperativen und bildet einen Rahmen für systematische Schulungen der Bauern in besseren Anbaumethoden. Wir arbeiten dabei erfolgreich mit UTZ Certified und Fair Trade zusammen. Eines muss aber auch klar sein: Zertifizierung alleine ist keine Garantie dafür, dass der Anbau „nachhaltig“ ist, und kann auch z.B. Kinderarbeit nicht 100% zuverlässig verhindern. Wir gehen daher im Cocoa Plan deutlich über Zertifizierung hinaus.

Nestle Cocoa Plan2oeko-fair.de: Nestle will mit seinem im Jahr 2009 veröffentlichten Cocoa Plan die Lebensbedingungen der Kakaobauern verbessern. was kann man sich darunter vorstellen?

Drewes: Zum einen unterstützen wir die Bauern und ihre Kooperativen direkt – über Trainings für die Farmer, Professionalisierung der Kooperativen, leistungsfähige Pflanzen für die Erneuerung überalterter Plantagen. Wir zahlen Prämien für Qualität und Zertifizierung und helfen den Bauern, ihre Erträge zu steigern: Mit den Kakaosetzlingen, die wir kostenlos abgeben, sind Erträge von 1.200 kg und mehr je Hektar möglich, statt der sonst üblichen rund 400 kg. Rund 1,5 Millionen dieser Setzlinge haben wir alleine letztes Jahr verteilt. Wir investieren auch in die soziale Infrastruktur in den Dörfern, von denen wir Kakao beziehen. In den letzten Jahren haben wir 40 Schulen gebaut oder instand gesetzt, und mit dem Roten Kreuz unterstützen wir Wasser- und Sanitärprogramme in den Dörfern, aus denen wir Kakao beziehen. Parallel laufen Programme zur Stärkung der Rolle von Frauen - durch die Einbeziehung in die Arbeit der Kooperativen, das Schaffen zusätzlicher Einkommensquellen z.B. durch den Aufbau von Baumschulen oder Anbauprogramme für Kassava, Bildungsangebote für Erwachsene in den Dörfern und mehr. Gerade den Frauen kommt eine Schlüsselrolle zu, wenn wir Veränderungen erreichen wollen. Und Geld in den Händen der Frauen wird häufiger in die Schulbildung der Kinder investiert, als wenn alleine die Männer das Einkommen der Familie verwalten.
Zum anderen bauen wir mit der International Cocoa Initiative und mit Unterstützung der Fair Labor Association ein Monitoring- und Remediation System auf, in dem Verbindungspersonen in den einzelnen Dörfern geschult werden und bei Verstößen aktiv werden. In 20 von unseren Partnerkooperativen ist dieses System bereits umgesetzt, und die Fair Labor Association hat die Wirkung der Maßnahmen vor Ort überprüft. Wir sind jetzt in der Lage, Missstände effektiv zu beseitigen. Bis Ende 2016 soll das System in allen Partnerkooperativen laufen.

Nestle Cocoa Plan3oeko-fair.de: Was hat sich denn am anderen Ende, bei der Produktion in Deutschland, verändert und wie sehen die Planungen für die kommenden Jahre aus?

Drewes: Wir haben es Ende 2014 geschafft, die gesamte Süßwaren-produktion in Deutschland – in unserem Schokoladenwerk in Hamburg – auf Kakao aus dem Cocoa Plan und UTZ-Zertifizierung umzustellen. Auch der Kakao für unser Eiskrem-Werk in Uelzen stammt schon seit Mai 2014 aus dem Cocoa Plan. Die Verbraucher finden also nicht nur auf KitKat, Smarties, Choco Crossies und After Eight das Cocoa Plan Logo, sondern auch auf Mövenpick Eiskrem. Als nächstes folgt bei uns Trinkschokolade – das Werk Mainz, in dem neben Nescafé auch Nesquik hergestellt wird, ist bereits von UTZ zertifiziert, und Nesquik kommt in Kürze mit „Cocoa Plan inside“ auf den Markt. Parallel arbeiten wir an der Umstellung einiger Produkte, die wir aus anderen Nestlé Werken im Ausland beziehen. Es bleibt also noch genug zu tun. Das gilt auch für die Kommunikation – wir weisen auf den Produkten mit einem Cocoa Plan Logo und einem Link auf die Cocoa Plan Website auf das Programm hin. Parallel arbeiten wir an der Einführung von QR Codes, über die die Verbraucher Informationen zu ihren Produkten abrufen können. Wichtig ist für uns auch die Arbeit im Forum Nachhaltiger Kakao, in dem alle Stakeholdergruppen für Nachhaltigkeit im Kakaosektor zusammenarbeiten.

Links

Nestlé Cocoa Plan online: www.nestlecocoaplan.com
Fair Labor Association und Berichte zur Evaluierung des Cocoa Plan: www.fairlabor.org/affiliate/nestle
Forum Nachhaltiger Kakao: www.kakaoforum.de
UTZ Certified: www.utzcertified.org/de

Fotos: Nestlé