"Kleidersammler sollen ehrlich informieren"

Voget01Zu kurz, zu bunt, zu eng: Den Wechsel der Jahreszeiten nehmen viele zum Anlass, ihren Kleiderschrank auszumisten. Und indem man die abgelegten Sachen eintütet und in die Kleidersammlung gibt, tut man nebenbei noch was Gutes, oder doch nicht? Andreas Voget, Geschäftsführer des Dachverbandes FairWertung e.V., setzt sich intensiv mit den kritischen Fragen des Altkleiderhandels auseinander. Mehr als 100 kirchennahe, aber auch nicht konfessionell gebundene Organisationen und Einrichtungen haben sich FairWertung angeschlossen.

oeko-fair.de: Altkleidersammlungen werden eher mit Mildtätigkeit und weniger mit Recycling à la Grüner Punkt in Verbindung gebracht. Meist wird geglaubt, die Sachen gehen an Bedürftige. Tatsächlich werden jährlich in Deutschland 750.000 Tonnen Altkleider abgegeben, damit könnte man eine von Hamburg bis Augsburg reichende Schlange von LKWs voll beladen. So viel Stoff braucht man hierzulande beim besten Willen nicht für soziale Zwecke. Was geschieht mit der Textilflut?

Andreas Voget: Gebrauchte Kleidung wird auf verschiedenen Wegen und zu unterschiedlichen Zwecken eingesammelt. Container- und Straßensammlungen nehmen den größten Teil auf. Die Textilien werden in der Regel unsortiert an gewerbliche Textilrecyclingfirmen verkauft. Daneben nehmen aber auch Kleiderkammern, Sozialkaufhäuser und häufig auch Hilfsgüterinitiativen Textilien an und sortieren die Sachen selbst, um sie danach umsonst oder zu sozialen Preisen abgeben zu können. Viele Einrichtungen erhalten allerdings mehr Kleidung, als sie selbst benötigen, weshalb auch sie ihre Überschüsse oft an gewerbliche Abnehmer verkaufen. Insgesamt wird also der weit überwiegende Teil der Gebrauchttextilien gewerblich verwertet. Anschließend wird die Kleidung in Textilsortierbetrieben Stück für Stück auf ihre weitere Verwendung geprüft. Gut erhaltene Sachen – weniger als die Hälfte der gesammelten Gebrauchttextilien – werden dann als Secondhand-Kleidung weltweit verkauft, vor allem an Händler in Osteuropa, Afrika und im mittleren Osten. Stark abgetragene oder völlig unmoderne Kleidungsstücke werden dagegen an Putzlappenhersteller oder Recyclingfirmen veräußert. Und immerhin bis zu 20 Prozent einer Kleidersammlung wandert in den Müll, da die Sachen nicht recycelt werden können oder es sich um textilfremde Störstoffe handelt.

oeko-fair.de: Der Altkleiderhandel wird als so undurchsichtig wahrgenommen wie eine blickdichte Strumpf-hose. Bei der kaum zu überblickenden Zahl von Textilsammlern resignieren viele und sind froh, dass sie ihre alten Kleider bequem loswerden. Warum sollte man genauer hinsehen, in wessen Hände man seine abgelegten Kleider gibt?

Voget: Immer häufiger verbergen sich hinter Sammlungen mit wohlklingenden Namen in Wirklichkeit gewerbliche Sammelfirmen. Sie arbeiten oft mit phantasievollen Vereinsnamen oder mit Symbolen, die an kirchliche oder gemeinnützige Organisationen erinnern. So soll der Eindruck erweckt werden, dass es sich um Kleidersammlungen für einen karitativen Zweck handelt, obwohl sie rein gewerblich sind. Problematisch ist zudem, wenn nicht klar wird, wer eine Kleidersammlung tatsächlich durchführt. Immer wieder überlassen gemeinnützige Organisationen ihren Namen einem gewerblichen Händler gegen ein Entgelt, ohne dass dies von außen erkennbar ist. Tatsächlich hat die Organisation aber weder mit der Sammlung noch mit der Verwertung oder Vermarktung der Kleidung etwas zu tun. Diese Vorgehensweise ist zwar juristisch zulässig, aber eben für diejenigen nicht zu durchschauen, die überschüssige Kleidung abgeben wollen. Wir bei FairWertung haben daher den Grundsatz, dass die uns angeschlossenen Organisationen ihren Namen nicht einer gewerblichen Firma für deren Sammlungen überlassen dürfen.

oeko-fair.de: Wie erkennt man einen seriösen Altkleidersammler und wann ist Misstrauen angebracht?

Voget: Seriös arbeitende Organisationen informieren ehrlich und umfassend über die Verwendung der Kleidung. Dazu gehört auch, dass sie nicht verschweigen, welchen Anteil sie an Textilrecyclingfirmen verkaufen. Außerdem sollten sie Auskunft über den weiteren Weg der Kleidung geben können, insbesondere darüber, wo die Sortierung stattfindet. Grundsätzlich ist Misstrauen angebracht, wenn beispielsweise in Sammelaufrufen an der Haustür sehr gefühlsbetont geworben wird mit Aussagen wie „Helfen Sie, damit wir helfen können!“. Gleiches gilt, wenn keine vollständige Anschrift angegeben ist, sondern nur eine Handynummer. Ein zunehmendes Problem sind Sammlungen mit Eimern oder Wäschekörben, die vor der Haustür oder auf dem Bürgersteig abgestellt werden. Auch das Aufstellen von Containern ohne Genehmigung hat stark zugenommen. Die Container werden absichtlich an Stellen platziert, für die sich niemand zuständig fühlt, zum Beispiel neben Bushaltestellen, an Straßeneinmündungen oder auf unbebauten Grundstücken. Auch Container sollte man sich deshalb genau ansehen. Aufsteller „wilder Container“ geben sehr häufig weder Namen noch Telefonnummer auf dem Sammelbehälter an.

oeko-fair.de: Es wird kritisiert, dass der Altkleiderhandel in afrikanischen Ländern die regionale Textilherstellung und den Kleiderhandel beschädigt, weil unsere gebrauchten Sachen günstiger als die vor Ort angefertigten Kleidungsstücke sind. Wie stehen Sie zur Kritik am Verkauf von Secondhand-Kleidung in „Entwicklungsländern“?

Voget: Die Mitglieder unseres Verbandes befassen sich seit Jahren intensiv mit der Frage der Altkleiderexporte. Anfangs teilten wir die Kritik an Gebrauchtkleiderexporten, kamen aber nach vielen Gesprächen mit afrikanischen Partnern zu einer anderen Einschätzung. FairWertung hat in dem zweijährigen Dialogprogramm „Gebrauchtkleidung in Afrika“ Vertreterinnen und Vertreter afrikanischer Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und anderer Gruppen gefragt, wie sie Secondhand-Importe beurteilen. Wir waren selbst von der Eindeutigkeit der Rückmeldungen überrascht: Secondhand-Kleidung wurde überwiegend sehr positiv bewertet, da sie gerade Menschen mit sehr geringem Einkommen eine günstige Möglichkeit bietet, sich mit Kleidung zu versorgen. Immer wieder wiesen die afrikanischen Partner auch auf die große Bedeutung hin, die der Gebrauchtkleiderhandel inzwischen für die Beschäftigung insbesondere von Jugendlichen und Frauen hat. Probleme gibt es an anderen Stellen. Wenn beispielsweise die importierte Kleidung falsch verzollt oder versteuert wird, was dazu führt, dass den Einfuhrländern wichtige Einnahmen entgehen. Zudem haben oft wenige Importeure den Markt unter sich aufgeteilt und können den Kleinhändlern die Abnahmepreise diktieren.

oeko-fair.de: Aber woran liegt es dann, dass es dort immer weniger einheimische Textilbetriebe gibt?

Voget: Die These, Secondhand-Kleidung habe die Textilindustrie in vielen afrikanischen Staaten zerstört, wird vielfach nicht geteilt. Vielmehr wird der Rückgang der heimischen Textilindustrie auf die schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, hohe Energiekosten, international vergleichsweise hohe Produktionskosten und einen schwierigen Zugang zu Kapital und Maschinen zurückgeführt. Heute wird ein Großteil der auf afrikanischen Märkten angebotenen Neutextilien in asiatischen Ländern hergestellt. Daher ist die Annahme nicht zutreffend, dass es ohne die Secondhand-Kleidung eine funktionierende einheimische Produktion von Textilien in vielen afrikanischen Ländern gäbe. Insgesamt hat die Nachfrage nach Secondhand-Kleidung in den letzten Jahren nicht nur in Afrika, sondern weltweit immer weiter zugenommen. Die in Deutschland geführte Diskussion und die pauschale Kritik an Altkleiderexporten nach Afrika stoßen bei Betroffenen daher sogar auf großes Unverständnis. „Eure Diskussion geht an den Lebensverhältnissen in Afrika und an unseren Interessen vorbei“, haben wir immer wieder gehört.

oeko-fair.de: Altkleidung kann auf verschiedene Weise verwendet werden. Wieso gehören meine löchrige Hose und mein schmutziges T-Shirt trotzdem nicht in die Altkleidersammlung und was soll man sonst noch beachten?

Voget: Kleidersammlungen stehen im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie: Einerseits sollen durch das getrennte Erfassen von Textilien Ressourcen geschont und Müllberge verkleinert werden. Andererseits besteht inzwischen mehr als die Hälfte einer Kleidersammlung aus minderwertigen Textilien, bei denen die Kosten für das Einsammeln, Transportieren und Sortieren höher sind als die Erlöse aus der Verwertung der aussortierten Reste. Es ist zwar möglich, minderwertige Textilien beispielsweise zu Putzlappen oder Recyclingmaterialien zu verarbeiten, aber die Erlöse aus der Verwertung sind nicht kostendeckend. Es muss daher in den nächsten Jahren eine Diskussion geführt werden, wie das Verwerten von minderwertigen Textilien langfristig finanziert werden soll. Bisher kann jeder aussortierte Kleidung kostenlos abgeben, während bei vielen anderen Artikeln des täglichen Bedarfs schon lange das Recycling beim Einkauf mit bezahlt werden muss. Wer Textilien und Schuhe ausrangiert, sollte sich daher von dem Gedanken lösen, dass grundsätzlich alles in die Kleidersammlung gehört. Bei sehr alten, abgetragenen oder zerrissenen Textilien oder ausgelatschten Schuhen ist es sinnvoller, sie direkt in den Hausmüll zu entsorgen, anstatt sie noch in einen Container zu werfen.

oeko-fair.de: Viele stöbern nicht in Secondhandläden, weil sie keine Mode erwarten, die im Trend liegt. Findet man dort wirklich nur fransenbesetzte Stonewashed-Blazer mit dicken Schulterpolstern?

Voget: Der Secondhand-Markt hat sich in den letzten Jahren sehr dynamisch entwickelt. Es gibt heute eine große Angebotsvielfalt vom klassischen Secondhand-Laden über den edlen Vintage-Shop, der Kleidung aus den 1930er bis 1970er Jahren verkauft, bis zu Fashion-Läden mit Designer-Mode. Dabei arbeiten die Läden heute sehr viel professioneller als noch vor einigen Jahren. Inzwischen gibt es ein breites Angebot an modischen Sachen zu erschwinglichen Preisen. Insgesamt ist Secondhand-Kleidung „salonfähig“ geworden. Dazu beigetragen hat auch, dass es durch Ebay selbstverständlicher geworden ist, gebrauchte Sachen zu kaufen oder zu verkaufen. Muffig riechende Secondhand-Läden mit einem verstaubten, semiprofessionellen Touch verschwinden immer mehr. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele fantasievoll eingerichtete Läden es inzwischen gibt und selbst zum begeisterten Secondhand-Kunden geworden. Viele Läden werden übrigens von gemeinnützigen Beschäftigungsgesellschaften betrieben, das heißt, sie sind gleichzeitig Projekte zur Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen. Wer dort einkauft, fördert also gleichzeitig ein Beschäftigungsprojekt.

veröffentlicht am 12. Dezember 2010

Foto: FairWertung e. V.

www.fairwertung.de