Wer fair kauft, tut das auch in der Krise

foto_antje_edlerAntje Edler ist seit 2004 Projektkoordinatorin beim Forum Fairer Handel. Dort betreut sie vor allem die politische Arbeit und die Bildungsarbeit. Mit dem Umzug in die Hauptstadt rückte das Forum unlängst räumlich näher an die Bundespolitik – auch mit dem Ziel, seine politische Arbeit künftig zu verstärken. Als Gesicht des Forums Fairer Handel füllt insbesondere Antje Edler die verbindende Idee mit Leben, die hinter dem Netzwerk des Fairen Handels in Deutschland steht. Die bekannteste gemeinsame Aktion der vom Forum Fairer Handel geförderten Netzwerkarbeit von Organisationen und anderen Akteuren des Fairen Handels ist die bundesweite Faire Woche.

oeko-fair.de: Das Forum Fairer Handel hat eine Verbraucherstudie durchgeführt, die die Entwicklung des Fairen Handels aus Verbrauchersicht nachvollziehbar macht. Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Studie?

Antje Edler: Wir sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Erfreulicherweise wurde durch die Studie deutlich, dass die Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit für den Fairen Handel Früchte trägt. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass mehr Menschen sowohl über den Fairen Handel Bescheid wissen als auch zu fair gehandelten Produkten greifen. Die Studie legte aber auch offen, dass der Faire Handel noch ein großes Wachstumspotenzial hat. Einerseits wurde also viel erreicht und andererseits bleibt noch viel zu tun.

oeko-fair.de: Sie haben es gerade schon angesprochen: Beinahe 30 Prozent der Verbraucher halten den Fairen Handel für eine sinnvolle Sache, kaufen aber noch keine fair gehandelten Produkte. Viele andere Handelsbranchen kämpfen mit einer Marktsättigung, für sie wäre ein solches Wachstumspotenzial traumhaft. Welche Schritte halten Sie für sinnvoll, um die am Fairen Handel interessierten Menschen als Käufer zu gewinnen?

Edler: Die Studie gibt bereits Anhaltspunkte wie der Faire Handel auf Wachstumskurs gehalten werden kann. So kaufen zum Beispiel 24 Prozent der befragten Nicht-Käufer keine fair gehandelten Produkte, weil sie sich nicht ausreichend über den Fairen Handel informiert fühlen. Das heißt für uns, dass Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen weiterhin wichtig bleiben und dass die Schärfung des Profils des Fairen Handels in der öffentlichen Wahrnehmung eine bedeutende Herausforderung ist. Ein anderer häufig genannter Grund für den Nichtkauf ist, dass Verbraucher nicht wissen, wo sie fair gehandelte Produkte bekommen können. Ein weiteres wichtiges Ziel ist also, die Zahl der Verkaufsstellen auszuweiten.

oeko-fair.de: Welche Entwicklung fanden Sie besonders überraschend?

Edler: Ich finde es sehr bemerkenswert, dass es keine Anzeichen dafür gibt, dass sich Menschen in der Finanz- und Wirtschaftskrise beim Kauf fairer Produkte zurückhalten wollen. Was uns zuerst positiv überraschte, lässt sich bei näherer Betrachtung logisch erklären. Schließlich macht es Sinn, dass gerade in der Krise Formen nachhaltigen Wirtschaftens Konjunktur haben. Für uns ist es zudem sehr ermutigend zu beobachten, dass sich Käufer, die erst einmal von der Idee des Fairen Handels überzeugt sind, nicht so leicht wieder vom Kauf fair gehandelter Produkte abbringen lassen. Das ist besonders erfreulich, weil die weltweite Krise Menschen in den armen Ländern des Südens viel härter trifft. Gerade in dieser Situation sind die Produzenten auf Fairen Handel angewiesen. Umso erfreulicher, dass es bewusste Verbraucher gibt, die ihren Konsum nicht allein vom Geldbeutel abhängig machen.

oeko-fair.de: Dennoch hört man noch immer das Vorurteil, dass fair gehandelte Produkte deutlich mehr als konventionelle kosten, dass sie sich nicht jeder leisten kann. Kaufen denn nur Gutverdiener fair?

Edler: Zunächst einmal: Fair gehandelte Produkte sind ihren Preis wert. Sie haben in der Regel eine hohe Qualität, und ihr Preis sollte ehrlicherweise nur mit qualitativ hochwertigen Produkten verglichen werden. Beim Kaffee haben wir das Problem, dass in Deutschland ein Großteil des konventionell gehandelten Kaffees als Sonderangebot verkauft wird. Dies lässt den Preis für fair gehandelten Kaffee besonders hoch erscheinen. Aber selbst bei diesem Produkt beträgt der Preisunterschied auf die Tasse gerechnet nur wenige Cent.
Unsere Marktstudie kam zum klaren Ergebnis, dass fair gehandelte Produkte Käufer in allen Einkommensschichten finden. Gerade bei Menschen mit geringerem Einkommen verzeichnete der Faire Handel in den letzten Jahren ein starkes Wachstum. Diesen Zuwachs erklären wir uns einerseits mit der Ausweitung des Angebots fair gehandelter Produkte in Supermärkten und Discountern. Andererseits trägt aber anscheinend auch die Bildungsarbeit Früchte, denn hinter den Neu-Käufern mit weniger Geld dürften sich auch viele Schüler und Studenten verbergen.

oeko-fair.de: Der Faire Handel ist im positiven Sinn auf dem besten Weg zum „Mainstream“. Wie erklären Sie sich den Erfolg fair gehandelter Produkte?

Edler: Wir begrüßen, dass der Faire Handel im so genannten Mainstream ankommt. Seinen Erfolg erklären wir uns mit einer ganzen Reihe von Faktoren. Wichtig ist zum einen die unheimlich hohe Glaubwürdigkeit, die der Faire Handel genießt. Immer mehr Verbraucher verstehen, dass Fairer Handel tatsächlich die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Bauern und Arbeitern im Süden verbessert. Die gute Qualität fair gehandelter Waren sorgt außerdem für eine dauerhafte Akzeptanz bei Käufern. Ein großes Plus ist mit Sicherheit, dass jeder Einzelne mit dem Kauf fair gehandelter Produkte konkret etwas bewirken kann und dass sich die Unterstützung dieser guten Sache so unheimlich leicht in den Alltag integrieren lässt. Vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise sind Modelle des nachhaltigen Wirtschaften „in“. Dass der Faire Handel auch in der Krise ein Erfolgsmodell ist, ist zudem ein wichtiges Signal an Unternehmen. Immer mehr Wirtschaftsakteure steigen in den Fairen Handel ein und das ist auch gut so.

oeko-fair.de: Bei der Fairen Woche haben kürzlich mehr als 4.200 Veranstaltungen bundesweit das Engagement für den Fairen Handel sichtbar gemacht, eine halbe Million Menschen wurde mobilisiert. Wie bewerten Sie die diesjährige Faire Woche?

Edler: Die Faire Woche war ein Riesenerfolg, noch nie zuvor gab es so viele Veranstaltungen wie in diesem Jahr und auch die Presseresonanz war sehr positiv. Die Faire Woche lebt von einer breiten Basis. Vom Einzelnen über Gruppen wie zum Beispiel Weltläden oder Kirchengemeinden bis hin zu Organisationen – jeder kann mitmachen und jede Aktion ist ein Beitrag, der zählt und in der Summe mit allen anderen Aktivitäten die Faire Woche ausmacht. Dabei gelingt es, ganz unterschiedliche Akteure ins Boot zu holen. Jedes Mal wird zwar auch ein thematischer Schwerpunkt gesetzt, aber man kann sich natürlich auch außerhalb dieses Schwerpunkts beteiligen. Ein schönes Beispiel für eine Aktion, bei der jeder mitmachen konnte, war der Weltrekordversuch von TransFair, mindestens 100.000 Tassen fair gehandelten Kaffee in einer Stunde zu trinken. Tatsächlich wurden 122.566 Tassen getrunken. Abgesehen von der umwerfenden Beteiligung fiel in diesem Jahr auch an scheinbar beiläufigen Details auf, wie etabliert die Faire Woche mittlerweile ist. Sie fand zum Beispiel Eingang in vielen, ganz normalen Hauswurfsendungen von Supermärkten mit Fairtrade-Sortiment.

oeko-fair.de: Obwohl es bei dieser Fülle sicher schwerfällt: Können Sie eine Aktion der Fairen Woche hervorheben, die Ihnen besonders gefallen hat?

Edler: Immer wieder beeindruckend finde ich persönlich die Veranstaltungen, wo Produzenten aus dem Süden hautnah berichten, wie der Faire Handel für sie Perspektiven schafft. In diesem Jahr waren wieder fünf Produzenten aus Ecuador, Peru und den Philippinen während der Fairen Woche unterwegs und besuchten über 100 Veranstaltungen in Schulen und Weltläden, bei Andachten und Ausstellungen und gaben zahlreiche Radio- und Zeitungsinterviews. Und die Weltläden haben sich zum Abschluss der Fairen Woche eine witzige Idee einfallen lassen: In rund 100 deutschen Städten haben Weltläden am Abend der Bundestagswahl die Wahlplakate der Parteien mit Wahlplakaten für den Fairen Handel überklebt. Ihr Slogan: Wählen Sie fair. Jeden Tag.

veröffentlicht am 22. Oktober 2009

Foto: Forum Fairer Handel e. V.

www.forum-fairer-handel.de