"In Ägypten ist Bio-Anbau heute als sinnvolle Alternative anerkannt"

Christina Boecker_SEKEMIn Ägypten gibt es komplex miteinander verwobene Probleme. Die Entwicklungsinitiative SEKEM zieht an verschiedenen Strängen zugleich, um die Probleme zu lösen. Ihr Gründer Dr. Ibrahim Abouleish wurde 2003 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Christina Boecker arbeitet seit 1993 für SEKEM, die ersten neun Jahre dieser Zeit in Ägypten. Heute betreut sie in Deutschland die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Initiative.

oeko-fair.de: SEKEM will den Teufelskreis aus Armut, Bildungsmangel, Umweltzerstörung und Krankheiten durchbrechen und setzt dabei als Schlüssel auf den ökologischen Anbau. Wieso kann nachhaltige Landwirtschaft ein Ausweg aus der Armut sein?

Christina Boecker: Den einzelnen Bauern bringt die ökologische Landwirtschaft mit SEKEM eine Reihe von Vorteilen, wie feste Preise und Verträge. Hinzu kommt, dass keine gesundheitsschädigenden Pestizide eingesetzt werden, was die Arbeit sicherer und die Produkte gesünder macht. Auch das kommt den Bauern zugute, weil sie einen Teil der Ernte für den Eigenbedarf verwenden. Bei der Umstellung auf den ökologischen Anbau nach demeter-Standards erhalten die Bauern Hilfestellungen von SEKEM, das mehrt ihr Wissen und hebt ihren Bildungsstand.

Auch gesellschaftlich betrachtet ist der biologische Anbau hilfreich: Weil er arbeitsintensiver ist, steigt die Beschäftigungsquote auf dem Land und das beugt Landflucht vor. Durch das Verzichten auf Pestizide, gibt es weniger Erkrankungen und es werden Wasser und Umwelt geschont. Außerdem spart der ägyptische Staat viele Subventionen, die zum Beispiel für den Kauf von Kunstdünger vergeben werden, den demeter-Bauern aber nicht einsetzen. Er spart auch bei den Subventionen für künstliche Bewässerung und Energieeinsatz, weil Bio-Bauern durch eine nachhaltigere Bewirtschaftung von beidem weniger benötigen. Dem Staat steht durch den biologischen Anbau mehr Geld zur Verfügung. Auch die Verbesserung der Bildung hat positive Effekte, die allen zugute kommen.

oeko-fair.de: Wie hoch ist der Anteil der Produkte, die SEKEM auf dem einheimischen Markt vertreibt und warum ist es wichtig, die Erzeugnisse auch vor der eigenen Haustür zu verkaufen?

Boecker: SEKEM erzielt einen Anteil von etwa 60 Prozent des Gesamtumsatzes in Ägypten und das mit steigender Tendenz. Es ist wichtig, die Produkte auf dem einheimischen Markt anzubieten, damit sie auch für jene verfügbar sind, die sie erzeugt haben. Mit dem Inlandsverkauf wird zudem die Verankerung von SEKEM in der Gesellschaft gefördert. Die Balance aus einheimischem Vertrieb und Exportgeschäft macht natürlich auch unabhängiger von unvorhersehbaren Launen der Märkte, wie schwankenden Währungskursen. Nachteile aus solchen ökonomischen Unwägbarkeiten lassen sich durch diese beiden Handelsstandbeine besser ausgleichen. Ohne unsere Kunden in Europa hätte sich SEKEM nie so entwickelt und zum Beispiel das Inlandsgeschäft aufbauen können. Nicht nur aus diesem Grund sind wir ihnen sehr dankbar.

oeko-fair.de: Wie viele Menschen arbeiten für SEKEM und welche sind die wichtigsten Produkte?

Boecker: Es arbeiten ungefähr 2.000 Menschen in der Landwirtschaft, in verarbeitenden Betrieben sowie den sozialen und kulturellen Einrichtungen von SEKEM. Die bedeutendsten Produkte sind unsere Bio-Kräutertees, die in ganz Ägypten verkauft werden. Teilweise sind das traditionelle Sorten, wie die beliebten Anistees. Teils sind es neue Mischungen, wie die zehn Sorten Heiltee im Sortiment. Mit unseren Kräutertees sind wir Marktführer in Ägypten. Ansonsten hat SEKEM einen weit gefächerten Produktmix, der schon deshalb entsteht, weil die Bauern keine Monokulturen anbauen, sondern Vielfältiges erzeugen.

oeko-fair.de: Der Verlust von fruchtbaren Böden und die Ausbreitung von Wüsten ist auch in Ägypten ein großes Problem. SEKEM ringt den Wüsten urbaren Boden ab. Wie gelingt das?

Boecker: Das ist vor allem dem Fleiß und Einsatz der Mitarbeiter auf den SEKEM-Farmen zu verdanken, die wirklich Pionierleistungen erbringen. Aber Einsatz allein genügt nicht, auch die richtigen Methoden der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sind entscheidend. Bei SEKEM wurde die Produktion von Kompost professionalisiert und es werden sehr große Mengen dieses natürlichen Düngers ausgebracht. Die Bodenfruchtbarkeit wird durch die richtige Fruchtfolge erhalten und gesteigert. So werden Klee oder Bohnen als Pflanzen gesät, die Stickstoff auf natürliche Weise im Boden binden. Der gemischte Anbau schützt die Bodenfruchtbarkeit ebenfalls.

oeko-fair.de: Was kann man bei uns von SEKEM kaufen?

Boecker: Es gibt ein Sortiment an Köstlichkeiten aus dem Orient: Datteln, Sesam-Krokant-Riegel und Fruchtaufstriche. Rohstoffe von SEKEM sind außerdem als Zutaten in Produkten unserer Partner enthalten: Alnatura, Lebensbaum und Rapunzel. Wir sind sehr dankbar für die Menschen, die SEKEM hier unterstützen, indem sie unsere Produkte kaufen oder den Förderverein unterstützen.

oeko-fair.de: Das ist der „Verein zur Förderung kultureller Entwicklung in Ägypten e. V.“, der die sozialen und kulturellen Einrichtungen der SEKEM-Initiative unterstützt. Unter anderem gehören dazu eine Poliklinik, die 30.000 Menschen ärztliche Versorgung bietet, ein Berufsbildungszentrum, eine Akademie und bald auch eine Universität. Auf besondere mediale Resonanz stieß das Kamillekinderprojekt als Alternative zur Kinderarbeit. Welche Idee steckt dahinter?

Boecker: Das Projekt ist SEKEMs Antwort auf das in Ägypten leider sehr ausgeprägte Problem der Kinderarbeit. Viele Familien sind darauf angewiesen, dass die Kinder mitverdienen. Das Problem löst nicht durch Wegschauen indem man Kinder einfach nicht beschäftigt. Deswegen bieten wir etwa 60 Kindern leichte und kindgerechte Arbeit. Meistens handelt es sich dabei um das Pflücken von Blüten oder Kräutern, daher kommt auch der Name des Projekts. Die Kinder sind festangestellt und machen während der Hälfte der offiziellen Arbeitszeit ihren Grundschulabschluss, wobei sie von eigenen Lehrern begleitet werden. Neben ihrem Gehalt bekommen sie unter anderem auch eine medizinische Versorgung. Bei alledem werden sie stets als Kinder behandelt. Wir sind begeistert zu sehen, wie sie sich entwickeln, wenn man sie Kind sein lässt. Viele von ihnen finden später Arbeit in landwirtschaftlichen oder weiterverarbeitenden Betrieben von SEKEM, manche schaffen es auf eine weiterführende Schule. Auch außerhalb der Initiative haben die Kinder deutlich bessere Chancen, eine angemessene Arbeit zu finden.

oeko-fair.de: Welche Impulse für ganz Ägypten gehen von so viel Engagement aus?

Boecker: SEKEM ist das lebendige Beispiel dafür, dass eine positive Entwicklung in Ägypten möglich ist und sich jeder Einzelne dafür einbringen kann. SEKEM wirkt der vorherrschenden Resignation im Land entgegen. Ein konkretes Beispiel für die Auswirkungen des biologischen Anbaus ist, als Anfang der 90er Jahre verboten wurde, Pestizide mit Flugzeugen zu verspritzen. In Ägypten werden die meisten Pflanzenschutzmittel im Baumwollanbau eingesetzt. Als sie mit Flugzeugen verteilt wurden, gelangten viele Pestizide auch auf benachbarte Felder. Es kam zu Artensterben, Gesundheitsproblemen und Schäden für die Wirtschaft, weil Kräuterexporte wegen ihrer Giftbelastung nicht mehr angenommen wurden. SEKEM hatte gezeigt, dass Baumwollanbau auch ohne Pestizide funktioniert, was ein Umdenken bewirkt hat. Dadurch wurde der Pestizideinsatz in Ägypten um 90 Prozent reduziert. Mittlerweile ist biologischer Anbau als sinnvolle Alternative anerkannt und wird nicht mehr als „Freak“ belächelt.

veröffentlicht am 19. Oktober 2010

Foto: SEKEM

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