"Auch Wohlhabende sollen Teil der Bewegung sein dürfen"

Dürfen Umweltbewegungen und andere Organisationen und Personen der ökologischen und sozialen Basisbewegungen mit Unternehmen reden? Oder ist das Verrat an den eigenen Prinzipien und Hilfe zum "Greenwashing"? Für Christoph Harrach, den Gründer von KarmaKonsum, ist das keine Frage: Seiner Ansicht nach macht nur Kooperation die Welt nachhaltiger.

Christoph Harrach 2010

oeko-fair.de: Herr Harrach, Sie führen den buddhistischen Begriff „Karma“ im Namen Ihres Unternehmens, zitieren Ghandi und bieten auf der KarmaKonsum-Messe eine Yoga-Pause an. Wie viel Esoterik braucht die Nachhaltigkeitsbewegung?

Christoph Harrach: Ich sehe mich als Teil einer Bewegung, die in den USA „spiritual activism“ genannt wird. Das sind spirituell orientierte Menschen, die eine bestimmte Bewusstseinsstufe nicht nur für ihr eigenes Seelenheil erreichen wollen, sondern um sozial-ökologisch aktiv zu werden. Ghandi war auch so einer. Er hat sich auch nicht als Mönch in eine Höhle zurückgezogen sondern sich aktivistisch für eine bessere Welt eingesetzt.

oeko-fair.de: Was ist KarmaKonsum eigentlich: ein Consulting-Unternehmen, ein Lobbyverband oder eine Coaching-Stelle?

Harrach: Sowohl als auch. Im Prinzip haben wir drei Geschäftsbereiche: Erstens sind wir eine Informationsplattform für nachhaltigen Konsum, indem wir unter anderem Trendforschung und Bewusstseinsarbeit betreiben. Daraus resultieren – als Zweites – Beratungsaufträge für Unternehmen. Und drittens bringen wir Menschen zusammen. Wir helfen also dabei, ein Netzwerk an stark involvierten Leuten zu schaffen.

oeko-fair.de: Welche Unterstützung brauchen denn noch diejenigen, die sich ohnehin für einen nachhaltigen Weg entschieden haben?

Harrach: Viele kommen aus der sogenannten „Graswurzelbewegung“, also aus der Basis, und sind noch gar nicht in der Öffentlichkeit bekannt. Wir helfen ihnen, ihre verborgenen Potentiale zu heben und bauen Brücken, indem wir die Leute in Kontakt mit einem breiteren Publikum bringen und versuchen, die Medien für sie zu interessieren.

oeko-fair.de: Nennen Sie uns ein Beispiel?

Harrach: Zum Beispiel die Handarbeitsbewegung. Das ist in den USA schon ein ziemlicher Trend, hier wurschteln die Leute noch eher einzeln vor sich hin. Wir zeigen ihnen: Ihr seid nicht allein!

oeko-fair.de: Sie versuchen den Spagat zwischen Unterstützung der ökologischen Basis und Unternehmensberatung. Funktioniert das überhaupt?

Harrach: Momentan arbeiten wir ja nur mit Nachhaltigkeitspionieren wie Hess Natur oder Dr. Hauschka-Kosmetik zusammen. Da gibt es keinen Widerspruch zur Graswurzelbewegung. Ich sehe die Unternehmen ohnehin vor allem von den Menschen her. Solche Stempel wie „böser Nike“ oder „guter Hess Natur“ funktionieren meiner Ansicht nach nicht. Ich schaue, welche Menschen in den Konzernen arbeiten. Auch in der Frankfurter Finanzwirtschaft gibt es eine ganze Menge Menschen, die privat nachhaltig leben. Wir unterstützen sie dabei, das in ihr Arbeitsleben einzubringen.

oeko-fair.de: Was kommt für die Unternehmen dabei heraus?

Harrach: Unternehmen, die einen Corporate Social Responsibility (CSR)-Prozess betreiben, sollten sich in ihrer Mitarbeiterschaft umschauen und versuchen herauszufinden, wer ein persönliches Interesse an diesem Thema hat und das dann nutzen, um ihre CSR-Strategie voran zu bringen. Damit kommen sie raus aus der Greenwashing-Falle, bei der ihnen vorgeworfen wird, dass sie sich nur um Nachhaltigkeit kümmern, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen, aber nicht, weil sie ein wirkliches Interesse daran haben.

oeko-fair.de: Wird das in den Unternehmen auch so verstanden?

Gestricktes Werkstück in Regenbogenfarben mit Stricknadeln_by_Andrea Kusajda_pixelio.de

Harrach: Auf jeden Fall. Schon allein wegen des zunehmend schwierigen Personalmanagements. Viele Hochschulabsolventen kommen heute in die Unternehmen und sagen: Ich will zwei Jahre arbeiten und dann ein Jahr freigestellt werden, um ein soziale Projekt machen zu können. Sie haben einfach das Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun. Schon allein, weil der Kampf um die besten Mitarbeiter in den Unternehmen immer stärker wird, müssen diese sich auf solche Forderungen einlassen.

oeko-fair.de: Sie verstehen sich als Vordenker der sogenannten „Lohas“. Das ist die Abkürzung für diejenigen, die einen „Lifestyle of Health and Sustainability“, also einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil pflegen. In Deutschland ist dieser Begriff schon fast ein Schimpfwort. Kommen Sie damit an?

Harrach: Ich finde, dass „Lohas“ nach wie vor der beste Begriff ist, um diesen Lebensstil zu beschreiben. Er ist übrigens auch nur in Deutschland negativ besetzt, mit einem Image, das anderswo eher „Green Glamour“ genannt wird. Damit sind diejenigen gemeint, die mit ihrem SUV-Geländewagen zum Bioladen fahren oder zum Urlaub ins Öko-Ressort nach Jamaika fliegen und ihre Flugmeilen kompensieren. Ich finde aber, es bringt nicht, die Wohlhabenden zu bashen. Jeder sollte tun, was seiner Wesensart entspricht. Auch die, die über mehr Geld verfügen, sollten Teil der Bewegung sein dürfen. Sonst entsteht eine Spaltung und das ist nicht gut. Denn dafür ist die ökologische Bewegung noch zu klein.

oeko-fair.de: Das klingt sehr großherzig.

Harrach: Ich konzentriere mich als Yogalehrer immer auf das Positive. Ich suche nach Lösungsalternativen. Alles andere ist für mich Zeitverschwendung. Es gibt eine Menge Leute, die sich damit beschäftigen, die Wirtschafts- und Finanzkrise abzuschwächen. Ich frage eher: Wie wollen wir danach leben?

oeko-fair.de: Es gibt aber auch immer wieder Stimmen, die sagen: Über den Konsum lässt sich überhaupt nichts verändern.

Harrach: Die Frage ist doch: Wäre alles nicht noch viel schlechter, wenn keiner etwas tun würde? Die Menschen brauchen Möglichkeiten, sich zu engagieren, handeln zu können. Nachhaltiger Konsum ist ein einfacher erster Schritt, im Alltag sinnvoller zu handeln.

oeko-fair.de: Riskieren Sie mit dieser Haltung nicht manchmal Ärger mit der Graswurzelbewegung, für die Sie sich so einsetzen?

Harrach: Das kam bisher nur einmal vor. Bei einer der letzten KarmaKonsum-Konferenz habe ich eine Art politische Stadtführung per Rad angeboten. Ich hatte dann die Idee, diese genau am Startpunkt der regelmäßig in Frankfurt stattfindenden Critical Mass pausieren zu lassen. Critical Mass ist eine spontane Aktionsform, bei der eine großen Anzahl Radfahrer gemeinsam in eine Richtung fährt und auf ihre Rechte im Straßenverkehr aufmerksam machen. Als wir auf den Opernplatz kamen, wo die Teilnehmer der Critical Mass standen, wollten diese nicht mit uns zusammen fahren. Sie hatten Angst, ihre Art des Protestes würde für irgendetwas Kommerzielles missbraucht.

oeko-fair.de: Was folgern Sie daraus?

Harrach: Es ist eben nicht jeder Mensch kooperationsfähig. Manche haben Angst vor dem Ausverkauf ihrer Subkultur. Davon halte ich nichts, mit solchen Menschen möchte ich mich nicht umgeben. Schon deshalb, weil das für mich eine Frage der Effizienz ist: Das was ich tue, soll einen möglichst hohen Einfluss auf meine Umgebung haben. Alles andere ist, wie bereits gesagt, Zeitverschwendung. Die Situation der Welt duldet keinen Aufschub.

veröffentlicht am 30. Mai 2012

Foto oben: KarmaKonsum

Foto unten: © Andrea Kusajda / PIXELIO

www.karmakonsum.de