Eine Welt ohne Abfall

Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen, Gründer und Geschäftsführer des gemeinnützigen Cradle to Cradle e.V. über die Idee einer Gesellschaft ohne Abfall

Cradle to Cradle e. V. Janßen u. Griefahnoeko-fair.de: Frau Griefahn, Herr Janßen, Sie haben 2012 den Verein Cradle to Cradle e. V. gegründet. Worum geht es bei Cradle to Cradle?


Griefahn: Es geht bei dem Prinzip Cradle to Cradle (von der Wiege zur Wiege, Anm. d. Red.) zunächst einmal um ein ganz anderes Menschenbild, als es durch die momentane Nachhaltigkeitsdebatte geprägt ist. Nämlich Menschen als Nützlinge statt als Schädlinge zu betrachten. Dabei sollen Produkte von Anfang an so konzipiert werden, dass alle verwendeten Materialien am Ende der Nutzung wieder als Nährstoffe in biologische oder in technische Kreisläufe fließen können. Und Menschen einen positiven Fußabdruck auf diesem Planeten hinterlassen.

oeko-fair.de: Ein positiver Fußabdruck, wie ist das gemeint?

Griefahn: Die Idee ist, wegzukommen von dem klassischen Nachhaltigkeitsgedanken, bei dem es nur darum geht als Mensch weniger schädliche oder gar keine Auswirkungen auf die Umwelt zu haben. Sondern positiven Einfluss auf sie zu nehmen. Bei Cradle to Cradle sollen alle Materialien, wie z. B.  Teppiche oder Farben die dazu beitragen eine gute Raumluft erzeugen, so hergestellt werden, dass sie sich gut auf die Umwelt auswirken. So wie ein Baum, der einen positiven Einfluss auf das restliche Ökosystem hat.
oeko-fair.de: Welche Rolle spielt dabei ihr Verein?

Janßen: Uns ist aufgefallen, dass bisherige Nachhaltigkeitsbemühungen an gewisse Grenzen stoßen. Nämlich dann, wenn es darum geht schädliche Verhaltensweisen einfach nur etwas weniger schädlich auszuführen. Im Gegensatz dazu setzt sich  in der Wissenschaft und Wirtschaft zunehmend das Cradle to Cradle Prinzip durch. Allerdings existiert dafür in anderen Teilen der Gesellschaft noch so gut wie gar kein Bewusstsein. Wir wollen diesen Gedanken in die Mitte der Gesellschaft bringen, so dass auch der einzelne Bürger davon erfährt.

oeko-fair.de: Wie wollen Sie das erreichen?

Janßen: Vor allem durch Vernetzungs- und Bildungsarbeit. Aktuell bauen wir Regionalgruppen in Deutschland auf und bringen verschiedene Akteure wie Stiftungen, Bildungs- und Umweltinstitutionen zusammen, die zu Cradle to Cradle arbeiten. Inzwischen kooperieren wir auch mit weiteren Partnern wie der  Giordano-Bruno-Stiftung (GbS), die Michael Schmidt Salomon gegründet hat. Er ist Pionier der C2C Denkschule und  verfolgt den philosophischen Ansatz „Survival of the Sexiest“ – also nicht die Schiene des Sparens und Verzichtens, sondern die Frage nach der guten Qualität und ansprechender Gestaltung die dazu führen, dass man am Ende gar keinen Abfall hat.

oeko-fair.de: Die Idee ist also, dass wir durch Cradle to Cradle in einer Welt ganz ohne nutzlosen Abfall leben könnten?

Griefahn: Nicht nur ohne nutzlosen Abfall, sondern ganz und gar ohne Abfall. Das, was wir heutzutage als Abfall sehen ist ja letztlich nur ein Konstrukt, was wir uns selber geschaffen haben. Denn eigentlich wird in der Natur nichts zu Abfall, sondern alles ist immer nützlich. So könnten wir auch unsere Produkte und unser Handeln ausrichten und uns fragen, wie können wir es schaffen, dass das was wir tun insgesamt nützlich ist.

oeko-fair.de: Aber Recycling gibt es doch bereits?

Griefahn: Beim heute gängigen Recycling werden Produkte einfach nur am Ende der Nutzung wieder zu etwas anderem umgebaut. Auch viele Produkte, die nicht gesund für Mensch und Umwelt sind, also nicht positiv definiert sind. Wenn diese Produkte dann trotzdem wieder zurück gewonnen werden und somit in Kontakt mit Menschen und Umwelt kommen, dann ist das ein Schritt, der von vornherein schon falsch gelaufen ist. Hier müssen wir von Anfang an noch einmal neu überlegen wie wir unsere Produkte so gestalten, dass sie nicht schädlich sind. Nur so funktioniert es überhaupt, einen stetigen Nährstoffkreislauf zu erreichen. Wenn wir uns aber erst am  Ende der Lebensdauer eines Produkts überlegen, dass wir noch ein paar der Kunststoffe wieder einsammeln könnten, dann kommen wir nie dazu  alle Materialien zurückzugewinnen.

oeko-fair.de: Und wie könnte ein Rücknahmesystem für Cradle to Cradle Produkte aussehen?

Janßen: Es gibt vielfältige Ideen, wie die Rücknahme funktionieren kann. Auch über heute etablierte Systeme wie die Gelbe Tonne könnten entsprechende Produkte in den Stoffstrom zurückfließen. Möglich ist auch die Kompostierung eines Materials nach mehreren Recyclingkreisläufen, wie bei Cradle to Cradle Papier. Im Bereich der technischen Produkte wäre ein sogenanntes Dienstleistungssystem denkbar. Das heißt, der Kunde kauft nicht mehr, sondern mietet für einen bestimmten Nutzungszeitraum. Danach nimmt der Hersteller das Produkt wieder zurück.


Cradle to Cradle Kreisläufe Grafik


oeko-fair.de: Das würde eine tief greifende, strukturelle Veränderung bedeuten. Warum sollten Unternehmen das mitmachen?

Janßen: Unternehmen wären durch das Rücknahmesystem daran interessiert, in das Material zu investieren. Im Allgemeinen läuft das heute nicht so. Ein Unternehmen hat heute großes Interesse daran, Kosten für Material möglichst gering zu halten, weil es das am Ende nicht zurückbekommt. Kümmern sich die Unternehmen allerdings auch um die Rücknahme und Wiederverwertung sind sie daran interessiert gleich von Anfang hochwertige Materialien einzusetzen, die ihre Wertigkeit behalten. Das führt auch dazu, dass Stoffe ausgespart werden, die schädlich sind für Mensch und Umwelt. Heute wird oft radikal an den Materialkosten gespart. Das resultiert dann darin, dass wir vielfach Stoffe um uns herum haben, die minderwertig in ihrer Qualität sind und den Menschen sogar schaden.

oeko-fair.de: Kann man denn Materialien so herstellen, dass sie komplett wiederverwendet werden können?

Griefahn: Das ist heutzutage eigentlich schon ganz gut möglich. Denn wir kennen uns, was die Eigenschaften unterschiedlicher Kunststoffe und anderer Materialien angeht, ziemlich gut aus. Es geht eher darum, dass heute noch nicht positiv definiert wird, was in den Produkten eigentlich drin ist. Daher ist es ein ganz großer erster Schritt, wenn ein Unternehmen raus findet, welche Materialien tatsächlich in ihren Produkten verbaut und verarbeitet sind. Viele können das heute nicht genau sagen. Diesen ersten Schritt zu machen ist für ein Unternehmen enorm. In einem zweiten Schritt kann man dann sagen, diese und diese Materialien möchte ich drin haben und die anderen haben in diesem Produkt nichts zu suchen. Das zu machen ist heute schon möglich.

oeko-fair.de: Können Sie ein Beispiel geben?

Griefahn: Es gibt Cradle to Cradle Produkte in ganz unterschiedlichen Formen und es ist auch ganz unterschiedlich, wie gut das Cradle to Cradle Prinzip in diesen Produkten umgesetzt wird. Es gibt Druck-Erzeugnisse, die biologisch abbaubar sind. Unsere derzeitigen Magazine oder Tageszeitungen werden aber so gut wie immer so gedruckt sind, dass sie nicht mehr in biologische Kreisläufe fließen können, sondern dass bestenfalls der Zellstoff wiederverwendet wird. Die Farben und Füllstoffe müssen aber im Sondermüll landen, weil sie toxisch sind. Das liegt einfach daran, dass nicht von Anfang an die Wiederverwertbarkeit im Blick war.

oeko-fair.de: Aber kann sich Cradle to Cradle auch gegen Billigware wie aus China durchsetzen?

Griefahn: Die asiatischen Märkte brauchen dringend Alternativen. Allein, um die Masse an neuen Konsumenten weiterhin mit Produkten bedienen zu können. Und dabei weitere dramatische Umweltschäden, die in den Herstellerländern ganz konkret und im Alltag erfahrbar sind, zu verhindern. Wir erleben bei unserer Vernetzungsarbeit, dass sich vor allem auch Studenten aus China und Indien sehr für  kreislauffähige Produkte- und Produktionsmethoden interessieren. Erste chinesische Hersteller setzen das schon in der Praxis um.

oeko-fair.de: Sind Cradle to Cradle-Produkte auch in Deutschland erhältlich?

Janßen: Ja. Unser Büro ist beispielsweise ausgestattet mit Cradle to Cradle Bürostühlen. Dann gibt es aber auch noch Farben, Teppiche, Reinigungsartikel und Druckprodukte oder auch Textilien. Um nur einige zu nennen. Eine Übersicht mit allen zertifizierten Produkten gibt es auf der Webseite der amerikanischen Non-Profit-Organisation „Cradle to Cradle Products Innovation Centre“ unter www.c2ccertified.org Die jeweiligen Unternehmen informieren auch über die Rückgabemöglichkeiten.

oeko-fair.de: Inwiefern sehen Sie in Cradle to Cradle den Wunsch erfüllt, alte Konsummuster aufrecht zu erhalten, damit wir nicht reduzieren müssen? Widerspricht das nicht der der Rückbesinnung auf andere Lebensbereiche außerhalb des Konsums?

Griefahn: Cradle to Cradle sagt nie, dass man sinnlos konsumieren soll. Es ist kein Freifahrtsschein für’s Blödsein. Nur weil wir Cradle to Cradle produzieren heißt dass nicht, dass wir alles in Übermaßen wegwerfen müssen. Es geht vielmehr darum, dass Produkte so gestaltet sein müssen, dass man sie wegwerfen könnte. Wir wollen die Gesellschaft nicht erziehen, sondern aufzeigen wie wir intelligent handeln und Kreisläufe schaffen können. Das widerspricht sich nicht.

veröffentlicht am 04. Februar 2015, Fotos: Cradle to Cradle e. V.

www.c2c-ev.de