"Standards verlangen, ohne dafür zu bezahlen, funktioniert nicht"

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Fairtrade-Deutschland feiert 2012 sein 20jähriges Jubiläum. Dieter Overath, Geschäftsführer von Transfair, über 20 Jahre fairen Handel in Deutschland, die Konkurrenz fairer Siegel untereinander und professionelles Fairtrade-Marketing.

oeko-fair.de: Herr Overath, 20 Jahre fairer Handel in Deutschland. Ein Erfolg – oder nicht doch eher ein mühsames Geschäft?

Dieter Overath: Ich würde sagen: beides. Ich hätte vor 20 Jahren nicht gedacht, dass es Fairtrade-Produkte in allen Vertriebsformen geben könnte, einschließlich der Discounter, aber auch in Mensen, Kantinen, Bäckereien. Schwierig bleibt weiterhin, dass Deutschland das mit Abstand preisaggressivste Land ist. Aldi und Lidl haben ihre Kunden zur Schnäppchenjägerei erzogen. Und bei den Konsumenten klafft doch noch eine deutliche Lücke zwischen dem Wollen und dem Handeln. Sie legen zwar Wert auf Bio und Fairtrade, im tatsächlichen Einkaufsverhalten wird das dann aber nicht immer umgesetzt. Insofern sind wir in Sachen Fairer Handel mit Sicherheit noch nicht da, wo wir sein wollen.

oeko-fair.de: Bio-Produkte sind viel selbstverständlicher in der Mitte der Gesellschaft angekommen als Produkte aus dem Fairen Handel. Woran liegt das?

Handel setzt auf Qualität

Overath: Der deutsche Handel hat das Thema „Bio“ viel früher aufgegriffen als das Thema „Fairtrade“. In Bezug auf den Fairen Handel dachte man über viele Jahre, ein Fairtrade-Kaffee für fünf Euro müsste ein Ladenhüter sein. Inzwischen hat sich das aber entwickelt und der Handel ist bereit, auch höherwertige Themen zu besetzen. Und Produkte aus dem Fairen Handel rangieren bei allen Tests im Spitzenfeld.

oeko-fair.de: Vielleicht gibt es aber auch einfach ein Vermittlungsproblem: Bei Bio-Produkten haben Verbraucher das Gefühl, dass sie sich selbst etwas Gutes tun, weil Bio gesünder ist und besser schmeckt. Beim Fairen Handel fehlt dieser direkte Nutzen.

Overath: Das sehe ich nicht unbedingt so. Der erste Kaufimpuls mag unterschiedlich sein, aber die meisten Kunden schätzen Produkte, die aus der Anonymität der Massenwaren heraus ragen. Bei den Artikeln aus dem Fairen Handel ist das der Fall.  Auf den meisten von ihnen ist inzwischen ein Code aufgedruckt, über den Verbraucher im Internet erfahren können, wo und in welcher Kooperative die Rohstoffe produziert wurden. Das schafft einen persönlichen Bezug. Dieses Herausholen aus der Anonymität ist es auch, was regionale Produkte inzwischen für Käufer so attraktiv macht. Sie haben das Gefühl, genau zu wissen, wo etwas herkommt.

oeko-fair.de: Aber sind nicht die regionalen Produkte eine Konkurrenz für fair gehandelte Waren? Allein was die Klimabilanz betrifft?

Unternehmen müssen sich rechtfertigen

Overath: Hier ist eine differenzierte Betrachtungsweise gefragt. Nehmen Sie zum Beispiel Blumen: Studien haben gezeigt, dass Fairtrade-Rosen aus Kenia beispielsweise eine weitaus bessere Klimabilanz haben als Blumen aus holländischen Gewächshäusern. Aber was noch viel wichtiger ist: Der Faire Handel setzt unglaublich viel in Gang. Bananenmultis müssen sich plötzlich ihre Anbaumethoden rechtfertigen und Verbraucher haben erkannt, dass der Preis eines Produkts nicht immer seinem Wert entspricht. Das sind alles wichtige Etappensiege.

oeko-fair.de: Große Unternehmen versehen ihre Produkte zunehmend lieber mit utz- oder dem Rain Forst Alliance-Logo. Ist das Fairtrade-Siegel nicht mehr zeitgemäß?

Overath: Der einfache Grund ist, dass diese Siegel billiger sind. Es gibt zum Beispiel bei ihnen keinen Fairtrade-Aufschlag, mit dem wir unter anderem für bessere Einkommen der Bauern vor Ort sorgen. Auch wenn die Kriterien der Siegel ähnlich sind, gibt es doch Unterschiede in der Ausgestaltung der Ansprüche.  Viele Unternehmen sagen: Kinderarbeit ist ein Imageproblem für uns und muss verboten werden. Sie wird aber erst aufhören, wenn die Eltern genug zum Überleben verdienen. Sonst wird das Problem nur verdrängt und die Kinder landen im Straßenhandel oder in der Prostitution. Nur die Einhaltung von Standards verlangen, dafür aber nicht bezahlen wollen, funktioniert nicht.

Bananenplantage/Ingrid Kranz_pixelio.de
Gemeinsame Kontrollsysteme aufbauen

oeko-fair.de: Das Gegeneinander der verschiedenen Siegel dürfte der Sache nicht förderlich sein. Welche Ansätze gibt es bei Fairtrade, aus dieser unübersichtlichen Situation herauszukommen?

Overath: Wir sollten versuchen, an den Punkten, an denen unsere Zertifizierungen sich gleichen, Synergieeffekte zu nutzen. Das heißt zum Beispiel, gemeinsame Kontrollsysteme aufzubauen.

oeko-fair.de: Genau die sind für viele Verbraucher der kritische Punkt, sie zweifeln die Effektivität der Kontrollen an. Ist ein funktionierendes Kontrollsystem angesichts der damit verbundenen hohen Kosten überhaupt möglich?

Overath: Es gibt bei keinem System eine 100prozentige Garantie. Wir können schließlich nicht hinter jeden Baum einen Kontrolleur stellen, das wäre schlichtweg unbezahlbar. Die Frage ist letztlich immer, wie gehen wir damit um, wenn Probleme auftreten. Ja, wir haben Händler, die unter gelber Flagge segeln und beispielsweise innerhalb eines halben Jahres nachbessern müssen. Wir finden es aber wichtig, sie nicht gleich rauszuwerfen, weil man ihnen sonst jegliche Chancen nimmt. Uns ist auch wichtig, dass das Kontrollsystem  transparent ist und von ortsansässigen geschulten Inspektoren durchgeführt wird. Wir bezahlen die Kontrolleure gut, damit sie nicht korruptionsanfällig werden. Wenn wir lausige Löhne zahlen, um billiger zu sein als die anderen, dann funktioniert das ganze System nicht.

Angst vor zusätzlichen Kosten

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oeko-fair.de: Das faire Blumensiegel Flower Label Program (FLP) ist Ende 2011 zusammengebrochen. Zeigt sich darin die Schwäche des Zertifizierungssystems?

Overath: Es gab bei FLP offenbar keine Bereitschaft  von den beteiligten Akteuren, für die Kosten, die mit einem solchen Programm zusammenhängen, ausreichende Beiträge zu leisten, um ein funktionierendes System aufzubauen. Es herrschte dort offenbar die Haltung „alles for nothing“. Das hat die Glaubwürdigkeit beschädigt. Die beteiligte Zivilgesellschaft hat sich also nicht ohne Grund zurückgezogen. Wir haben vor einem halben Jahr selbst ein Zertifizierungssystem für den Blumenhandel gestartet, das unseren Ansprüchen an den Fairen Handel gerecht wird. Inzwischen haben schon mehr als 350 Fachgeschäfte zugesagt, dass sie entsprechend zertifizierte Blumen verkaufen wollen.

oeko-fair.de: Blicken wir noch einmal auf den Handel mit fairen Produkten in Deutschland: Viele Weltläden sehen heute noch so aus wie vor 30 Jahren. Wäre es nicht Zeit für eine Professionalisierung?

Overath: Ich sehe das analog zum Bio-Bereich. Vor 30 Jahren gab es bei uns um die Ecke einen Bioladen, der hieß „Was die Bäume sagen“. Der sah aus, wie viel solche Läden damals aussahen, aber als Teil der Ökobewegung ging ich dort eben einkaufen. Dadurch, dass die Bioprodukte in die Supermärkte kamen, nahm der Druck auf diese Branche zu, sich zu professionalisieren. Ähnliches passiert mit dem Fairen Handel. Die Weltläden müssen sich verändern, aber viele sind auch schon dabei. Es gibt inzwischen einige, die ein sehr ansprechendes Sortiment führen, es „lifestylig“ präsentieren und nur auf Nachfrage der Kunden fachkundig zu Eine Welt-Fragen Auskunft gegeben wird.

Der faire Handel professionalisiert sich

oeko-fair.de: Wie sollte sich der Faire Handel in den kommenden 20 Jahren verändern?

Overath: Wir wollen, dass mehr Menschen im Süden vom Fairen Handel profitieren, Einkommensverhältnisse gefestigt werden und die Produzenten auf dem Weltmarkt eine stärkere Stimme erhalten, nach dem Motto „Put the producer to the driver‘s seat“. Die Aufgabe von TransFair ist es, die Märkte in Deutschland zu öffnen. Bei Fairtrade Deutschland arbeiten inzwischen frühere Mitarbeiter aus verschieden Unternehmensbereichen von Handel und Industrie wie Mars, Aldi oder Coca Cola, die hochprofessionelles unternehmerisches Denken mitbringen.  Gemeinsam arbeiten wir an der Zukunftsvision: Einem Marktanteil von Fairtrade-Produkten bei zehn Prozent.

veröffentlicht am 07. März 2012

Foto oben: TransFair

Foto Mitte: © Ingrid Kranz / PIXELIO

Foto unten: © S. Hofschlaeger / PIXELIO

www.fairtrade-deutschland.de