"50 Prozent weniger Lebensmittelmüll ist machbar"

Der Dokumentarfilmer Valentin Thurn über seinen Film "Taste the Waste", den Wettbewerb im Einzelhandel und Kochkurse für Kinder

Valentin Thurn/Thurnfilm

oeko-fair.de: Herr Thurn, 15 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jedes Jahr in Deutschland auf dem Müll. Wer ist schuld daran?

Valentin Thurn: Es gibt keinen Bösewicht, der allein schuld wäre. Lebensmittelverschwendung ist ein System, das sich über Jahre hinweg aufgebaut hat. Dagegen kann jeder etwas tun. Die Politik und die Wirtschaft müssen Anstrengungen unternehmen, um etwas zu ändern, aber auch bei den Verbrauchern muss ein Bewusstseinswandel stattfinden. Mit ein bisschen Einfallskraft ist das auch möglich. Mir sind inzwischen beispielsweise die Restaurants lieber, die nur fünf Gerichte anbieten und dafür mit frischen und vielleicht auch regionalen Zutaten arbeiten, als die mit einer mehrseitigen Speisekarte, wo ich genau weiß, dass das meiste, was serviert wird, aus Großpackungen aus der Tiefkühltruhe kommt.

oeko-fair.de: Im Grunde kennt jeder das Problem: Da ist der Brotrest vertrocknet, das Joghurt abgelaufen und die Reste der Mahlzeit vom Wochenende will drei Tage später auch niemand mehr essen. Das ist doch nicht verwerflich, oder?

Supermarktregal/Kunstart.net_pixelio.de

Thurn: Niemand ist perfekt. Man kann den Lebensmittelmüll nicht auf null reduzieren. Aber 50 Prozent weniger ist definitiv machbar. In der Summe gesehen ist das dann eine ganze Menge. Um das zu erreichen, muss man nur ganz einfache Tricks anwenden. Zum Beispiel, dass man immer einen Einkaufszettel mitnehmen sollte. Das klingt so banal, dass das kaum jemand ernst nimmt. Aber es hilft wirklich. Jeder denkt, ich bin doch Herr meiner Sinne, ich kann rationale Entscheidungen treffen. Niemand ist rational! Die Präsentation der Waren, die Werbung, das alles wirkt unterbewusst auf uns ein. Wir haben einen saturierten Markt und es wird für die Hersteller immer schwieriger, ihre Produkte zu platzieren, also laden sie sie mit bestimmten Emotionen auf. Und diese Emotionen und Gefühle sind es, die wir nachher einkaufen.

"Ein Film muss eine Geschichte emotional erzählen, um Wirkung zu erzielen"

oeko-fair.de: Sowohl im Film als auch in dem Buch, das Sie dazu geschrieben haben, gehen Sie  ziemlich emotional und subjektiv mit dem Thema um. Leidet dadurch nicht die Glaubwürdigkeit dessen, was Sie erzählen wollen?

Thurn: Ein Film muss eine Geschichte emotional erzählen, wenn man eine gewisse Breitenwirkung erzielen möchte. Aber wir sind ja viel weniger polemisch vorgegangen wie die meisten anderen Dokumentarfilme zum Thema Essen. Anfangs hieß es auch, dass es nicht gut ist, dass wir uns nicht auf einen Bösewicht eingeschossen haben und den vorführen. Aber das ist nicht mein Stil. Ich wollte erklären. Doch auch dabei dienen die Emotionen als Mittel zum Transport…

oeko-fair.de: … wie bei Lebensmitteln.

Thurn: Ja, ganz genauso. Uns ist beim Drehen klar geworden, dass Handel und Industrie zurückschießen werden, und dann haben wir uns zu dazu entschlossen, ein Buch zu schrieben, damit jeder sieht, dass wir die Fakten sehr gründlich recherchiert haben. Auch weil es viel mehr zu berichten gab, als der Film erzählen konnte, und weil wir entdeckt haben, dass es zum Thema Lebensmittelverschwendung tatsächlich noch kein Sachbuch in Deutschland gibt.

oeko-fair.de: Wie haben Politik und Handel auf Ihren Film reagiert?

Thurn: Mit dem Handel war das Verhältnis anfangs schwierig, weil er nicht wollte, dass wir bei ihm drehen. Die Guten der Branche sind dann aber anschließend auf uns zugekommen und haben an Diskussionsrunden teilgenommen. Es ist für die Unternehmen wirklich schwer, in diesem rigiden Wettbewerb etwas gegen Lebensmittelverschwendung zu tun. Es ist ja nicht nur der Handel, der mit seinen Normen dafür sorgt, dass die Bauern schon auf den Feldern so viel aussortieren müssen. Ich will gar nicht auf sie einschlagen, aber es muss sich trotzdem etwas ändern. Die Bundesministerin für Verbraucherschutz lässt gerade eine Studie zum Thema Lebensmittelverschwendung erstellen. Sie sollte mal erklären, wie sie den Handel dazu bringen will, seine Zahlen preiszugeben, denn der mauert derzeit noch.

"Mehr Wertschätzung für Lebensmittel beginnt in der Kindheit"

oeko-fair.de: Im Kern geht es doch darum, dass wir das Verhältnis zu unserer Nahrung und zur Nahrungsmittelproduktion völlig verloren haben. Ist das in einer durchrationalisierten Industriegesellschaft nicht völlig normal?

Kind mit Traktor/Hanno Knierim_pixelio.de

Thurn: Natürlich ist es unrealistisch zu denken, wir müssten jetzt in die Zeit der Kleinbauern zurück. Trotzdem ist es möglich, etwas zu verändern. Die Verbraucher müssen darin bestärkt werden, natürlich gewachsenes Gemüse zu essen und die Politik muss sie dabei unterstützen. In Großbritannien hat die Regierung das Waste & Resources Action Programme (Wrap) ins Leben gerufen und erreicht, dass innerhalb von drei Jahren zehn Prozent weniger Lebensmittel weggeworfen wurden. Das ist eine ganze Menge, denn dabei handelt es sich ja um Millionen von Tonnen Müll. In Österreich hat es gereicht, dass Umfragen in Wohnblöcken stattfanden, in denen die Leute gefragt wurden, warum sie Lebensmittel wegwerfen. Schon allein die Befragung hat dafür gesorgt, dass der Müll weniger wurde. Das zeigt: Der Umgang mit Lebensmitteln ist ein psychologischer Prozess, den wir verdrängt haben und den wir wieder in unser Bewusstsein zurückholen müssen. Und zwar so früh wie möglich! Mehr Wertschätzung für Lebensmittel beginnt schon in der Kindheit. Hilfreich sind zum Beispiel Praktika, bei denen Schüler ein paar Wochen auf einem Bauernhof aushelfen, wie es viele Waldorf-Schulen machen.

Die Folgekosten zahlen die Menschen in den Entwicklungsländern

oeko-fair.de: In einem der vielen Blogs, die es inzwischen zu dem Thema gibt, war zu lesen, Taste the waste sei ein „linker Propagandafilm“. Ein Kommentator schrieb: „Ich lebe im Wohlstand, ich arbeite für meinen Wohlstand und werde ihn mir auch ohne schlechtes Gewissen weiter leisten“. Sind Sie ein linker Propagandist?

Thurn: Ich finde es schön, dass das Thema so viele Aktivitäten sowohl bei den Grünen als auch bei der CSU hervorruft. Ich habe es eigentlich nie politisch links oder rechts eingeordnet. Mit Staatsozialismus hatte ich nie etwas am Hut und zurück zu den leeren Regalen der DDR-Zeit will ich auch nicht. Aber das ist noch viel Spielraum zwischen diesen Extremen und unserem Überfluss. Das ist ähnlich wie bei der Energie: Die größte Energiequelle sind nicht Wind- und Sonnenkraft, sondern das Energiesparen. Es geht um Effizienz. Übrigens gehört es beim Konsum auch zur moralischen Pflicht, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Für die Folgekosten, die andere für unseren Wohlstand tragen, vor allem die Menschen in den Entwicklungsländern, hat hier nämlich noch niemand bezahlt.

Selbst kochen spart Geld

oeko-fair.de: Über den Spruch „Iss den Teller leer, in Afrika hungern die Kinder“ haben wir früher gelächelt. Macht unser Lebensmittemüll wirklich andere hungrig?

Thurn: Tatsächlich hängt alles mit allem zusammen, im Zeitalter der Globalisierung mehr denn je. Wir sorgen durch unsere Politik und unseren Konsum dafür, dass die Preise für Lebensmittel auf dem Weltmarkt ansteigen und sich die Menschen aus ärmeren Ländern diese kaum noch leisten können. Das tun wir eben auch, indem wir doppelt so viele Nahrungsmittel verbrauchen wie wir essen. Inzwischen herrscht ja sogar bei den Biobauern der gleiche Perfektionswahn wie in der konventionellen Landwirtschaft.

Fingerfood_by_Rainer Sturm_pixelio_1

oeko-fair.de: Die Bewegung Slow Food, die sich für bewusstes Essen einsetzt, gibt es schon länger, ohne dass sich grundlegend etwas geändert hat. Liegt das vielleicht auch daran, dass so etwas als elitär empfunden wird?

Thurn: Es gibt natürlich auch bei uns einen Teil der Bevölkerung, dem selbst der Zwölf-Prozent-Anteil von Lebensmitteln am Haushaltsbudget wehtut. Aber auch bei ärmeren Schichten wandern zehn Prozent der Lebensmittel in den Müll. Sie werden genauso von Werbung verführt wie Besserverdienende. Es gibt das geniale Buch „Arm aber bio“. Darin beschreibt die Autorin anhand eines Selbstversuches, dass es möglich ist, trotz Hartz IV-Satz ausschließlich von Bio-Produkten zu leben. Und zwar indem sie alles selbst kocht und keine Fertigprodukte kauft. Genau das ist die Herausforderung. Viele können gar nicht mehr kochen und bringen es ihren Kindern deshalb nicht mehr bei. Aus diesem Grund wäre es gut, wenn Schulen Kochkurse anbieten würden.

oeko-fair.de: Auf der Webseite zu Ihrem Film kann sich unter dem Stichwort „Bewegung“ jeder eintragen, der eine gute Idee gegen Lebensmittelverschwendung hat. Da findet sich alles, von grünen Geldanlagen über Aufrufe zu Online-Petitionen bis hin zu Marmeladenrezepten. Bringt das uns wirklich voran?

Thurn: Sie haben Recht, das ist ein ziemliches Durcheinander. Wir sind aber keine Organisation, die das Thema zu einer Kampagne orchestriert, das müssen andere machen. Wir stoßen nur an. Letztendlich ist es so, dass viele Leute, die dabei mitmachen oder sich auf unserer Facebook-Seite eintragen, sich nie in Vereinen oder bei Parteien organisieren würden, dann aber so tolle Sachen machen, wie ein „Exchange Dinner“. Dazu fragen sie Supermärkte, ob sie ihnen Lebensmittelreste überlassen und kochen daraus abends ein Menü für 30 Leute, bei dem über Lebensmittelverschwendung diskutiert wird. Es sind diese kleinen Veränderungen, die uns voranbringen.

Mehr zum Thema Lebensmittelverschwendung im Themenschwerpunkt "Genießen statt wegwerfen"

veröffentlicht am 21. Oktober 2011

Foto oben: Thurnfilm

Foto Mitte: © Hanno Knierim / PIXELIO

Foto unten: © Rainer Sturm / PIXELIO

www.thurnfilm.de