Dorothea August vom WWF über Süßwasser

"Selbst Oliven werden inzwischen bewässert"


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Dorothea August arbeitet beim World Wide Fund For Nature (WWF) als Expertin für Flussgebiets- und Wasserressourcenmanagement und setzt sich bei der Umweltorganisation besonders für einen nachhaltigeren Umgang mit Süßwasser und die Erhaltung von Gewässer-Ökosystemen ein. In der Mittelmeerregion ist sie zum Beispiel maßgeblich an einem Projekt beteiligt, bei dem der WWF in Kooperation mit einer großen Handelskette gegen die illegale Wassernutzung in der Landwirtschaft vorgeht.

oeko-fair.de: Auf dem blauen Planeten scheinen grenzenlose Wasservorräte vorhanden zu sein. Warum trügt der Schein?

Dorothea August: Der Schein trügt, weil weniger als drei Prozent dieses Wassers Süßwasser sind und davon ist auch noch die Hälfte im Eis gebunden. Wenn man technische Möglichkeiten wie die Meerwasserentsalzung ausnimmt, sind also nur 1,5 Prozent des weltweiten Wassers von uns direkt nutzbar. Dieses Süßwasser ist auf dem Globus als Grund- oder Oberflächenwasser sehr ungleichmäßig in verschiedenen biogeografischen Regionen verteilt. Ob die Menschen in einer Region über viel oder wenig Wasser verfügen können, hängt von Faktoren wie der Grundwasserneubildungsrate ab, die bei uns sehr hoch ist. Und wie schnell sich Grundwasserreserven regenerieren, kommt eben zum Beispiel auf den jeweiligen Bodentyp an.

oeko-fair.de: Welche sind für Sie die drängendsten globalen Probleme im Umgang mit Süßwasser?

August: In den Millenniums-Entwicklungszielen der Vereinten Nationen steht, welche globalen Probleme zuerst angegangen werden müssen: der Zugang zu Trinkwasser muss verbessert werden sowie die Bedingungen, unter denen Süßwasser verwendet wird. Es geht also um die Fragen, wer in welchem Maß Zugang zu Süßwasser hat und wie bei der Verteilung von Wasser gegebenenfalls kompensiert und kontrolliert wird. Dabei genügt es nicht, nur die Quantität der Wasserversorgung im Auge zu haben. Genauso viel Wert muss darauf gelegt werden die Wasserqualität zu verbessern oder zu erhalten. Dringender Handlungsbedarf besteht beispielsweise in großen Metropolen in Entwicklungsländern, wo bei schnell wachsenden Bevölkerungen nicht nur Versorgungs-, sondern auch Abwassersysteme fehlen. Dort leiten Haushalte und Industrie ihr Abwasser direkt in Flüsse ein. Damit bedeutet die quantitative Verfügbarkeit noch nicht deren qualitative Nutzbarkeit. Generell werden Süßwasserressourcen neben Haushalten und Industrie von der Landwirtschaft stark belastet.

oeko-fair.de: Welche Nutzpflanzen zählen zu den „Thirsty Crops“, den besonders durstigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen?

August: Einen besonders hohen Wasserbedarf haben Baumwolle, Reis und Zuckerrohr aber auch viele Hülsenfrüchte und die Zuckerrübe, was manchen erstauen mag. Gerade das Beispiel Zuckerrübe zeigt am Anbau in der Türkei sehr genau, dass es bei den sogenannten durstigen Feldfrüchte um mehr geht als die Wassermenge, die von der jeweiligen Art verbraucht wird. Es kommt auch darauf an, mit welchen Verfahren die Feldfrucht angebaut wird und ob die Pflanze in der Anbauregion beheimatet ist oder dort eingeführt wurde. So wird die Zuckerrübe in der Türkei mit intensiver Bewässerung angebaut, in einer Region mit knappen Wasserressourcen. Außerdem werden heute in immer größerem Umfang auch Kulturpflanzen künstlich bewässert, die von Natur aus gar nicht so durstig sind, die aber ohne oder mit wenig Bewässerung langsamer wachsen und geringere Erträge erbringen würden. Zum Beispiel werden im Mittelmeerraum auch Orangen und inzwischen sogar Oliven künstlich bewässert. Auch Hülsenfrüchte erzielen die erwünschten Erträge nur mit starker Bewässerung. So steigt der Wasserverbrauch in der Landwirtschaft immer weiter. Diese Entwicklung wird durch den Anspruch der ständigen Marktverfügbarkeit vorangetrieben und dem Zwang, Ertragsmengen zu steigern. Wenn zum Beispiel Baumwollbauern in anderen Teilen der Welt an einem Markt bestehen wollen, in dem beispielsweise die EU ihre eigene Baumwolle subventioniert, müssen sie ihre Erträge immer weiter erhöhen.

oeko-fair.de: Welche Anbaumethoden stellen einen schonenden Umgang mit Wasser sicher?

August: Wenn überhaupt ist die Tröpfchenbewässerung derzeit die einzige Bewässerungsmethode, die maßgeblich für den Obst- und Gemüseanbau zu verantworten ist und auch bei dieser Technologie gibt es noch eine weite Spannbreite von Sparoptionen oder Verschwendung. In den Ländern, die auch unseren Markt stark beliefern, gibt es gravierende Unterschiede bei der Verbreitung dieses Verfahrens. In Spanien werden bereits 60 Prozent der Anbauflächen mit Tröpfchenbewässerungssystemen versorgt, während in der Türkei auf 95 Prozent der bewässerten Flächen die nicht nur sehr ineffiziente, sondern auch mit starken Konsequenzen für die natürlichen Ökosysteme verbundene offene Flutbewässerung eingesetzt wird.

oeko-fair.de: Sie sind gerade von einem WWF-Projekt in Spanien zurückgekehrt. Wie sieht es dort mit dem Umgang mit Süßwasser aus?

August: Verglichen mit anderen Ländern der Mittelmeerregion hat Spanien einen fortschrittlichen gesetzlichen Rahmen für die Bewirtschaftung und Erhaltung der Süßwasserressourcen geschaffen. Allerdings mangelt es massiv an der Umsetzung der Gesetzgebung. Eines der größten Probleme ist dabei der Anteil illegaler Wassernutzung in der Landwirtschaft, die weder kontrolliert noch erfasst wird. Hier liegt die Verantwortung nicht allein bei den Behörden – auch Unternehmen die hier einkaufen können die Behebung solcher Missstände positiv beeinflussen, wie wir in einem Projekt mit der REWE-Gruppe zeigen. Die Handelskette bietet spanischen Landwirten langfristige Abnahmeverträge für den Anbau von Erdbeeren und legt dafür Kriterien fest, zu denen unter anderem der Ausschluss illegaler Wasserentnahme und der Einbau effizienzsteigernder Technik in der Bewässerung gehören.

oeko-fair.de: Könnte die EU Wasserverschwendern nicht vorschreiben, schonender mit der knappen Ressource umzugehen?

August: Subventionen und Förderungen, die die EU an Unternehmen zahlt, sollten stärker an die Einhaltung von Umweltstandards gekoppelt sein. Auch den EU-eigenen Projekte wie der Förderung Erneuerbarer Energien sollten Standards zum Schutz der Wasserressourcen zugrunde liegen. Wichtigste rechtliche Grundlage ist diesbezüglich die EG-Wasserrahmenrichtlinie, durch die in allen EU Staaten bis 2015 durch die Entwicklung von Bewirtschaftungsplänen für die Flusseinzugsgebiete ein guter ökologischer Zustand der Gewässer erreicht werden soll. Die Sicherung einer hohen Qualität der Umsetzung der Pläne wird in den nächsten Jahren einer der wichtigsten Prozesse im Wassersektor sein.

oeko-fair.de: Angesichts des demografischen Wandels und des anhaltenden Trends zum Wassersparen könnte man glauben, sich in Deutschland nicht um ein sich verknappendes Trinkwasserangebot sorgen zu müssen. Erfasst diese einfache These die tatsächliche Lage?

August: Die These, dass es in Deutschland auch künftig Wasser im Überfluss gibt, stimmt in dem Maße nicht und hängt natürlich wesentlich von der Entwicklung der Bewirtschaftung und dem Umsetzungswillen von ressourcenschonenden Konzepten ab. Der Klimawandel wird sich in verschiedenen Region unterschiedlich auswirken, in den Alpen anders als in Norddeutschland oder in der Leipziger Tieflandsbucht mit bereits heute sehr geringen Niederschlägen.

Wasser zu sparen ergibt auch generell Sinn, weil der Natur dadurch weniger Wasser entnommen wird und mit fast jeder Entnahme eine Belastung einhergeht. Bei Überlegungen, wie Wasser gespart werden kann, sollten aber nicht nur der Verbrauch im eigenen Haushalt eingerechnet werden. Denn einen Großteil unseres Verbrauchs macht das virtuelle Wasser in Produkten des täglichen Bedarfs aus.

oeko-fair.de: Was bedeutet das Konzept vom virtuellen Wasser aus Ihrer Sicht für Verbraucher?

August: Zunächst einmal wird durch die Berechnung und Darstellung der bei der Herstellung von Produkten genutzten Wassermengen bei den Verbrauchern ein Bewusstsein für das nicht sichtbare virtuelle Wasser geschaffen. Gerade bei alltäglichen Produkten ist es sinnvoll, virtuelles Wasser beim Einkauf im Hinterkopf zu haben. Wenn man weiß, dass ein wasserintensives Produkt aus einer Gegend kommt, in der Wasser knapp ist, könnte man zum Beispiel davon weniger kaufen. Bei einfachen Waren wie Feldfrüchten mag das noch vermittelbar sein. Anders sieht das bei komplexeren Produkten wie Elektronikartikeln aus, bei denen ein weiteres Kaufkriterium eine Zumutung für viele Verbraucher wäre. Handlungsspielraum und Verantwortung liegen deshalb nur teilweise bei den Endverbrauchern und insbesondere bei den Unternehmen, deren Einkaufspolitik und Produktionsmethoden. Diese sollten sichern, dass an den Produktionsstandorten und in der gesamten Wertschöpfungskette weniger Wasser eingesetzt und verschmutzt wird. Zudem gibt es weitere kritische Aspekte der Wassernutzung. Während das Bewusstsein für das virtuelle Wasser in Nahrungsmitteln bei den Verbrauchern wächst, ist das Allgemeinwissen über den hohen Wassereinsatz in der Textil- und Papierbranche gering beziehungsweise fehlt in Bezug auf Probleme durch illegale Wassernutzung und Übernutzung natürlicher Ressourcen in vielen Ländern der Welt. Einen wichtigen Schritt zur Lösung dieser Probleme bilden Änderungen in der Produktionskette und den Verbesserung der angewandten Methoden.

oeko-fair.de: Sind Unternehmen überhaupt bereit, in den Schutz der Wasserreserven zu investieren?

August: Allmählich erkennen immer mehr Betriebe, dass Wasserressourcen ein Produktionsfaktor sind, den sie zu ihrem eigenen Wohl erhalten müssen und ändern ihre Wirtschaftsweisen. Ein Beispiel im Bereich Baumwolle ist die Better Cotton Initiative. Einige positive Beispiele reichen jedoch nicht aus. Es bedarf stärkerer und verbindlicher Regeln zum Umgang und der Nutzung von Wasser im gesamten Produktionsbereich. Einen Ansatz zur Regelung bietet der GlobalGAP* Standard für gute landwirtschaftliche Produktion nach dem in über 80 Ländern weltweit zertifiziert wird. Der WWF hat Kriterien zur Wassernutzung, sowohl zur Legalität des Zugangs als auch zur Effizienz in der Bewässerung entwickelt, die bis 2011 mit weiteren Umweltkriterien in den GlobalGAP Standard integriert werden sollen.

oeko-fair.de: Welche Punkte stehen in Sachen Süßwasserschutz momentan ganz oben auf Ihrer Agenda?

August: Weit oben steht das Sichern von ökologisch notwendigen Mindestabflüssen in Gewässern. Nur durch diese können Gewässer-Ökosysteme in ihrer Qualität und Quantität erhalten bleiben und somit auch künftig ihre Dienstleistungen für den Menschen erbringen. Damit diese Funktionen geschützt werden, muss auch geregelt werden, wie viel Wasser in einem Gewässer oder Fluss bleiben muss, sowie wann und in welcher Menge daraus Wasser entnommen werden darf.

Mit diesen Regelungen eng verbunden ist das Thema Wasserfußabdruck beziehungsweise der virtuelle Wasserverbrauch, die Wassernutzung in der Landwirtschaft und deren Einbindung in das Gesamtmanagement von Flusseinzugsgebieten. Zu den wichtigen Themen gehören auch Grundlagen für die Entwicklung und den Betrieb von Wasserkraftwerken, die Minderung und Anpassung an den Klimawandel sowie weitere Bedrohungen für Gewässer-Ökosysteme, zum Beispiel durch Änderungen der Landnutzung, Urbanisierung und Siedlungsentwicklung oder auch Gewässerausbau für die Schifffahrt.

*Privatwirtschaftliche Organisation, durch die der GlobalGap Standard ein weltweit etabliertes Zertifizierungssystem für den landwirtschaftlichen Produktionsprozess umsetzt. Die GlobalGAP-Zertifizierung wird in über 80 Ländern durchgeführt und ist für Lieferanten des Deutschen Lebensmitteleinzelhandels Voraussetzung (Anm. d. Red.).

veröffentlicht am 03. Juli 2009

Foto: WWF

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