"Bewusst genutzte Zeit kann nachhaltiges Statussymbol sein"

Dr. Christa LiedtkeDr. Christa Liedtke leitet am Wuppertal Institut seit 2003 die Forschungsgruppe „Nachhaltiges Produzieren und Konsumieren“. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie dabei vor allem Konzepte und Strategien für ein nachhaltigkeitsorientiertes Management von Produktions- und Konsummustern. Warum es schwierig ist, diese zu ändern, erklärt sie unter anderem in unserem Interview.

oeko-fair.de: Umfragen zeigen immer wieder, dass Verbraucher umwelt- und sozialverantwortlichen Konsum wichtig finden, doch es gibt eine große Lücke zwischen Meinungsäußerungen und realem Handeln. Warum fällt es so schwer, Konsummuster zu ändern?

Dr. Christa Liedtke: Die meisten von uns wissen aus eigenem Erleben wie schwer es ist, seine Konsummuster zu verschieben. Beispielsweise wird ein von Hause aus sparsamer Mensch, der plötzlich mehr Geld verdient, trotzdem nicht deutlich mehr ausgeben. Eine Veränderung unserer Konsummuster wäre oft mit deutlichen Brüchen verbunden, was auch ihre relative Unbeweglichkeit erklärt: Jeder steckt in einem komplexen Gefüge aus sozialem System, elterlicher Prägung und Zielkonflikten, aus dem man sich nicht leicht raus bewegen kann. Sein Konsumverhalten muss man mit begrenzten Ressourcen vereinbaren, mit Beruf, Familie oder Freunden. Entscheide ich nur für mich, etwa mit der Bahn statt dem Flugzeug zu reisen, ist das gut umsetzbar. Ganz anders sieht das zum Beispiel bei der Frau aus, die ihrer Familie gern weniger Fleisch auftischen würde, deswegen aber mit ihrem Mann, der Fleisch mag, regelmäßig aneinandergeraten würde. Viele Konsumentscheidungen sind nur teilweise selbstbestimmt und beeinträchtigen andere. Das Ändern von Entscheidungsmustern kommt deshalb oft einem mehr oder weniger großen Bruch im sozialen System gleich und man überlegt sich vorher gut, ob man den auf sich nehmen möchte oder nicht, ob dies es einem Wert ist oder nicht.

oeko-fair.de: Welcher gesellschaftliche Wertewandel müsste den Weg zu mehr Nachhaltigkeit begleiten?

Liedtke: Sowohl ein gesellschaftlicher Wertewandel ist wichtig als auch das Forcieren persönlicher Entscheidungsfindungen, die wiederum mehrere Seiten haben. Einerseits kann ein Einzelner in seinem sozialen Umfeld mit sanften Veränderungen wahrscheinlich mehr bewirken als damit, sich durch einen deutlichen Bruch mit einem bisherigen Konsummuster auf Konfrontationskurs zu begeben und andere dadurch vielleicht zu brüskieren. Andererseits sind Menschen, die solche klaren Brüche vorleben, zugleich Impulsgeber, die in der Gesellschaft wichtige Reibung erzeugen. Abgesehen vom persönlichen Engagement kann ein gesellschaftlicher Wertewandel auch politisch gefördert werden. Der Politik steht dafür eine Reihe von Instrumenten zur Auswahl. Dazu gehören Informationsangebote oder finanzielle Anreize, wobei im Bereich der Nachhaltigkeitsförderung anders als für Unternehmen für Konsumenten noch kaum Mittel implementiert wurden. Welche konsumentenbezogenen Instrumente am besten geeignet wären, lässt sich beispielsweise in Experimenten herausfinden, in denen Gewohntes mal etwas auf den Kopf gestellt wird. So könnte man beobachten, was passiert, wenn im Supermarkt Fleisch relativ teuer und Gemüse günstig ist. Ein anderer Ansatz ist, neue Statussymbole für Nachhaltigkeit zu finden und zu etablieren. In einem von uns veranstalteten Workshop haben Studierende dazu zum Beispiel für sich Luxus-Konzepte entwickelt, die „ freie Zeiteinteilung“ zum Statussymbol erheben.

oeko-fair.de: Können Sie persönlich etwas mit Ideen wie ‚Zeit als Statussymbol‘ anfangen?

Liedtke: Ja, sehr viel. Mit damit verbundenen Konzepten lässt sich genau wie mit dem Ansatz, bewusst Weniger zu nutzen, die eigene Lebensqualität unmittelbar verbessern. Ein Beispiel ist das unnötige Zahlen von Miete für platzfressende Dinge, die man eigentlich gar nicht braucht. Die meisten schleppen solchen Ballast mit sich herum und hat man ihn erst einmal ausgemacht, stellt man fest, dass da überraschend viele Dinge zusammenkommen. Anstatt immer mehr Zeug anzuhäufen, kann man sich fragen, wie man Überflüssiges loswerden und damit außer sich vielleicht noch jemand anderem etwas Gutes tun kann – wenn es denn gepflegt und intakt ist. Aus solchen Ansätzen entstehen Konsummuster, die bisher allerdings am ehesten von einer jungen, extrem mobilen Avantgarde gelebt werden, die – man höre und staune – kein Auto als Statussymbol benötigt. Man kann sich dennoch die Frage stellen, was man daraus auch für die Allgemeinheit ableiten kann.

oeko-fair.de: Wirtschaftskraft und Wirtschaftswachstum sind zentrale politische Leitgrößen und werden durch die jährliche Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) ausgewiesen. Dafür werden auch ökonomische Gewinne aufsummiert, die unter Verbrauch natürlicher Ressourcen gemacht wurden. Der wiederum taucht nicht in den VGRen auf, nur in den davon abgetrennten Umweltökonomischen Gesamtrechnungen. Wie würde es sich auf das offizielle Wirtschaftswachstum auswirken, wenn der Faktor „Umwelt“ eingerechnet werden würde?

Liedtke: Auf das herkömmlich definierte Wirtschaftswachstum können selbst Desaster wie Naturkatastrophen einen positiven Effekt haben, weil mit der Schadensbehebung auch Investitionen zusammenhängen. Auch aus anderen Gründen steht das Wirtschaftswachstum seit langem in der Kritik, aber in den vergangenen Wochen entbrannte eine besonders hitzige Debatte um einen neuen Indikator. Dafür sind unter anderem die Umweltökonomischen Gesamtrechnungen im Gespräch, die ich allerdings für keine plausible Lösung halte, etwa, weil man den Wert einer vom Aussterben bedrohten Art kaum mit Geld aufwiegen kann. Zwar haben monetäre Bewertungen ihren Charme, weil wir es gewohnt sind, in Preisen zu denken. Aber Konsum ist eben nicht nur preisgetrieben, sondern wird auch von anderen Einflüssen wie dem Bedürfnis nach Statussymbolen gesteuert. Statt den Weg der Umweltökonomischen Gesamtrechnungen zu beschreiten halten wir es für sinnvoller und praktikabler, die Flächen- und Ressourcenverbräuche direkt einzupreisen. Eine solche Politik würde insgesamt auch zu mehr Ressourceneffizienz führen, die die Volkswirtschaft stärkt, wie in Modellrechnungen dargelegt wurde. Hersteller würden sich bemühen, mehr aus den Dienstleistungen der Natur herauszuholen und weniger Ressourcen und Flächen zu verschwenden, indem sie Konsumentenbedürfnisse gezielter erfüllen. Konsumierende würden sich sehr gut überlegen, wie sie mit gekauften Lebensmitteln umgehen. Wobei es auch entscheidend ist, wie die Schnittstellen zum realen Leben der Verbraucher gestaltet werden.

oeko-fair.de: Inwiefern belohnt das bisherige Konzept des Bruttoinlandsprodukts (BIP) umweltschädliches Handeln sogar?

Liedtke: Es ist völlig auf BIP-Wachstum und damit das Ausweiten von Konsum ausgerichtet. Ein sparsamerer Verbrauch von Ressourcen hingegen wird nicht belohnt. Das zeigt sich schon an der alltäglichen Berichterstattung. Lautet die Nachricht „Die Binnennachfrage steigt“ sind alle froh – bisher steigt damit aber auch immer der Ressourcenverbrauch. Genauso gut könnte aber „Ressourcenverbauch sinkt“ als gute Nachricht gelten, wenn Konzepte allgemein akzeptiert werden, die eine solche Deutung nahelegen. Dann würde nämlich die Nachfrage nach ressourceneffizienten Dienstleistungen steigen und nicht nach Konsumgütern – das ist ein erheblicher Unterschied, da dies mit veränderten Produktions- und Konsumstilen einhergeht.

oeko-fair.de: Robert Kennedy soll gesagt haben: „Das BIP misst alles, außer das, wofür sich das Leben lohnt.“ Wohlstand wird normalerweise trotzdem mit dem Pro-Kopf-Einkommen, bei dem das BIP auf die Einwohnerzahl umgelegt wird, gleichgesetzt. Wie stehen Wohlstand und Wohlergehen zueinander in Beziehung?

Liedtke: Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass mehr Geld kaum mehr Zufriedenheit erbringt, sobald gewisse Grundbedürfnisse wie nach einer Wohnung, Ernährung oder Kleidung befriedigt sind. Daneben gibt es viele bedeutende einkommensunabhängige Faktoren für ein glückliches Leben, die ebenso in einen Wohlfahrtsindikator gehören. Zwar ist die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie schon vergleichsweise differenziert, aber der eigentliche Zustand der Bevölkerung wird darin nicht berücksichtigt, denn dazu gehört auch die emotionale Seite. Wie man das Erleben der Individuen vernünftig in einen Indikator einfließen lassen kann, ist eine ebenso spannende wie wichtige Frage. Denn Menschen, die sich in einer Gesellschaft wohlfühlen, bringen sich als Teil von ihr positiv ein, sie sind nicht „fluchtgefährdet“ – ein Reflex, der evolutionsbiologisch genetisch codiert ist. Wen hingegen zu viele negative Faktoren belasten, den erfasst im Prinzip derselbe Fluchtimpuls, der unsere Ahnen vor Gefahren schützte, indem er sie zum Weglaufen antrieb. Mit dem Unterschied, dass es heute kaum noch Möglichkeiten gibt, tatsächlich die Flucht zu ergreifen. Stattdessen bedienen sich Menschen für die Gesellschaft destruktiver Fluchttechniken, wie dem Rückzug in virtuelle Welten oder sie erkranken sogar, wie an Despressionen. Ein großes, fluchtauslösendes Problem unserer Tage ist die durch Rationalisierungen entstandene Überbelastung der einen bei gleichzeitiger Unterbelastung der anderen. Was mit dem Einzelnen genau geschieht, kann ein gesellschaftlicher Wohlfahrtsindikator nicht genauestens erfassen – dazu sind die sozialen Systeme vor Ort da. Gesellschaftlich relevant aber ist zu wissen, wie hoch der Anteil der fluchtgefährdeten Bevölkerung ist. Ein Wohlfahrtsindikator sollte abbilden, ob sich die Mehrheit der Menschen hier einigermaßen wohl fühlt oder nicht.

oeko-fair.de: Welche sind die größten Hürden bei der Einbindung von Nachhaltigkeitsindikatoren in unser Wohlfahrtsmaß?

Liedtke: Eine nachhaltige Konsumgesellschaft wäre das Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung von Konsumenten, Unternehmen und Politik. Entsprechend müssen die ihr zugrunde liegenden Prinzipien von allen Beteiligten gelebt werden, was mit drastischen Veränderungen verbunden wäre: Unternehmen müssten nachhaltiger produzieren, diese Nachhaltigkeit nachweisen und ihre Interaktion mit den Konsumenten umgestalten. Die Politik müsste den Erfolg der von ihr eingesetzten Instrumente belegen und dafür einen Trendindikator ins System einbauen, der etwa misst, in welchem Ausmaß Konsumenten auf Anreize wie einen Steuerbonus für den Kauf nachhaltiger Produkte reagiert haben. Letztendlich müsste man mit vielen verschiedenen Stakeholdern klären, welche Mittel am besten geeignet sind, um die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie auszudifferenzieren. Aber da sind im Prinzip alle dagegen: Die Produzenten wollen ihre Güter und Dienstleistungen meist keiner externen, unabhängigen und vergleichenden Bewertung unterziehen, die Konsumenten wollen am Gewohnten wie etwa den bestehenden für sie günstigen Preisverhältnissen festhalten und die Politik scheut sich, ihr System umgreifend und bei weitem nicht nur das BIP betreffend umzubauen. Man wird also nur in kleinen Schritten weiterkommen, aber immerhin - viele Akteure aus diesen Gruppen befinden sich bereits engagiert auf dem Weg.

veröffentlicht am 05. Januar 2011

Foto: Wuppertal Institut

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