"Die Öffentlichkeit nimmt mehr Anteil an der Landwirtschaft"

Seit 1993 erscheint „Der kritische Agrarbericht“ und wirft jährlich Schlaglichter auf Zustand und Aussichten für die hiesige und die globale Landwirtschaft. Heraus gibt ihn das AgrarBündnis, dessen Geschäftsführer Dr. Frieder Thomas ist. Traditionell wird eine neue Ausgabe des Berichts öffentlichkeitswirksam im Rahmen der Internationalen Grünen Woche vorgestellt.

oeko-fair.de: Welchen Schwerpunkt hat der aktuelle kritische Agrarbericht 2011?

Thomas: In diesem Jahr ist Vielfalt unser Schwerpunkt, die aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen betrachtet wird. In zahlreichen Beiträgen geht es um Biodiversität, aber nicht nur um die Artenvielfalt in der Natur, sondern auch um die Agrobiodiversität, also die Vielfalt der Nutzpflanzen und Nutztiere in der Landwirtschaft. Die Vielfalt hinter und in der Nahrungsproduktion strahlt auch auf andere Bereiche ab. Zum Beispiel prägt sie unsere Esskultur, ein Thema, das wir unter dem Gesichtspunkt der Vielfalt ebenfalls aufgegriffen haben. Sie betrifft aber auch andere Agrarbereiche wie die Vielfalt landwirtschaftlicher Betriebsformen. Allerdings werden wir dieses spezielle Thema künftig wohl noch vertiefen.

oeko-fair.de: Sie haben den Bericht Anfang des Jahres auf der Grünen Woche vorgestellt. Wie wurde er aufgenommen?

Thomas: Unsere Pressekonferenzen auf der Grünen Woche sind immer gut besucht. Zur Grünen Woche interessieren sich nicht nur Fachjournalisten für die Landwirtschaft. Auch Tagespresse und Rundfunk ist stark vertreten. Diesmal kamen zu unserer Pressekonferenz rund 70 Journalisten, das sind zwanzig bis dreißig mehr als in den Vorjahren. Die einfache Erklärung dafür ist, dass der Dioxin-Skandal gerade die Schlagzeilen beherrschte und deshalb noch mehr Tagespresse vertreten war. Der Schwerpunkt unseres aktuellen Berichts wurde gut aufgenommen, aber als Thema in der Pressekonferenz natürlich von Fragen zum tagesaktuellen Geschehen überlagert. Das Medienecho auf den Bericht war in diesem Jahr jedenfalls erheblich größer als sonst. Über die Resonanz in der Fachwelt kann ich noch nichts sagen. Ich habe aber bisher die Erfahrung gemacht, im Laufe des Jahres überrascht zu werden, wer alles den kritischen Agrarbericht gelesen hat.

oeko-fair.de: Wohin steuert die Debatte zur Landwirtschaft in Deutschland?

Thomas: In den Debatten wird zunehmend die Systemfrage gestellt, die plakativ gesprochen lautet: Bauernhöfe oder Agrarfabriken? Und ich beobachte, dass die Öffentlichkeit mehr Anteil an Landwirtschaftspolitik nimmt. Was sich zum Beispiel Anfang des Jahres bei der Demonstration „Wir haben es satt“ zeigte, die schon lange vor dem Dioxin-Skandal geplant war. Mit über 20.000 Menschen kamen mehr, als wir erwartet hatten. In der Bevölkerung wird inzwischen gesehen, dass Agrarpolitik nicht von Ernährungspolitik zu trennen ist. Erfreulich finde ich auch, dass EU-Agrarkommissar Ciolos die Öffentlichkeit aufruft, im Internet darüber mitzudiskutieren, wohin die europäische Agrarpolitik steuern soll. Dass die Debatte aus den engen Experten-Kreisen heraus geöffnet wurde, ist eine sehr interessante Entwicklung.

Die Landwirtschaftsdebatte steuert insgesamt in eine Richtung, in die wir seit 20 Jahren hinwirken. Manchmal kommen wir uns vor wie bei Hase und Igel, weil wir denken: Wir sind schon da wo andere erst anlangen. Wie bei der Diskussion um Nachwachsende Rohstoffe. Schon als es noch überall hieß, jeder Landwirt kann jetzt Energiewirt werden, haben wir als erste vor den daraus resultierenden Mais-Monokulturen gewarnt. Auch bei der Verantwortung der Landwirtschaft für den Klimaschutz waren wir in der Debatte weit voraus. Ähnlich wie beim Klimaschutz zeigt sich momentan beim Thema Biodiversität, wie schwierig es ist, für komplexe Zusammenhänge zu mobilisieren. Erschwerend wirkt, dass jene, die sich für Artenschutz stark machen, über ganz verschiedene Gruppen verteilt sind. Neben den Naturschützern gibt es auch Landwirte, die speziell Agrobiodiversität erhalten wollen. Wir bemühen uns über den Diskurs, auch Bündnisse zwischen verschiedenen Gruppen zu stärken.

oeko-fair.de: Wie hat sich die Agrar-Kontroverse in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren entwickelt?

Thomas: An den jeweiligen Schwerpunkten der kritischen Agrarberichte lässt sich sehr gut ablesen, was den Agrarbereich in den vergangenen Jahren besonders bewegt hat. Ein bestimmendes Thema war Energie aus nachwachsenden Rohstoffen. In dieser Diskussion wurde unübersehbar, dass es immer wichtiger geworden ist, beim Beurteilen landwirtschaftlicher Entwicklung über den eigenen Tellerrand zu schauen. So musste darüber nachgedacht werden was es bedeutet, wenn Pflanzen für unsere Tanks nicht auf unseren sondern auf Äckern in der dritten Welt angebaut werden. Im Verbraucherbereich ist die in den 80er und 90er Jahren sehr heftige Diskussion um Pestizid-Rückstände im Essen etwas abgeebbt. Dafür rückten andere Schadstoffe und vor allem – positiv! – die Esskultur stärker in das Verbraucherinteresse. Dadurch gibt es auch die Möglichkeit neue Bündnisse zwischen Verbrauchern und Bäuerinnen und Bauern zu schließen. Was in den letzten Jahren leider auch deutlich wurde ist, dass Verbraucher nur begrenzten Einfluss auf die Wirtschaft haben. Die internationalen Agrarmärkte werden leider nicht allein von den Kaufentscheidungen der Verbraucher gesteuert; sie werden von sehr vielen unterschiedlichen Interessen beeinflusst. Eine umweltbezogene Produktion kann daher nicht allein davon abhängig gemacht werden, dass ein paar Leute bereit sind, für den Einkauf etwas mehr zu bezahlen.

Eine Frage aber blieb über die Jahre eigentlich immer präsent: In welcher Struktur muss, soll und kann Landwirtschaft stattfinden? Die Antwort darauf ist nicht immer ganz leicht zu finden, denn landwirtschaftliches Erzeugen ist nicht das gleiche wie Gummistiefel herzustellen. Veränderungen in der Landwirtschaft, die oft noch in Familienbetrieben geschieht, haben erhebliche Bedeutung für die sozialen Strukturen auf dem Lande, auf Landschaft, Wasser, Boden und vieles andere. Das zeigt sich noch klarer im globalen Maßstab: Der Weltagrarbericht der Vereinten Nationen, auf den auch wir uns beziehen, kam zum Schluss, dass rein technische, rationalisierende Lösungen nicht die Antwort auf die Anforderungen einer wachsenden Weltbevölkerung an die Landwirtschaft sein können. In vielen weniger entwickelten Ländern ist Landwirtschaft Nahrungsmittelerzeuger und bedeutender Arbeitgeber. In Indien zum Beispiel arbeiten zwei Drittel der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Die Möglichkeit einer höheren Nahrungsmittelproduktion durch Rationalisierungen muss in solchen Ländern sehr genau gegen den dramatischen Verlust von Arbeitsplätzen abgewogen werden. Stattdessen kann man sich auch bewusst für arbeitsintensive Formen der Landbewirtschaftung entscheiden, was uns völlig fremd ist, weil wir bisher nur den Weg der Rationalisierung kannten.

oeko-fair.de: Welchen Anspruch hat der kritische Agrarbericht und für wen ist er bestimmt?

Thomas: Als AgrarBündnis richtet sich unsere Arbeit insbesondere an Verbände, die ein Grundkonsens im Sinne der Nachhaltigkeit miteinander verbindet – ökologisch, sozial, ökonomisch; bei uns würde ich zusätzlich noch den Tierschutz und das solidarische Verhältnis zwischen den Ländern des Nordens und des Südens betonen. Im Detail vertreten die einzelnen Verbände aber auch unterschiedliche Ansichten zu bestimmten Themen. Wir wollen Dialoge fördern und Impulse geben, sehen uns aber nicht als Sprecher für die Verbände. Die Beteiligten sollen ihre genaue Position selbst bestimmen können, ohne dass wir dem vorgreifen. Mit dem kritischen Agrarbericht wollen wir die Agrardebatte bereichern. Wobei jeder darin veröffentlichte Beitrag für sich steht, so dass verschiedene Beiträge innerhalb eines Agrarberichts unterschiedliche Meinungen enthalten können. Das ist in Ordnung, weil der kritische Agrarbericht ein Beitrag zu Diskussionen und kein Positionspapier ist. Er erreicht eine breite interessierte Öffentlichkeit: sowohl Ministerien und Multiplikatoren haben ihn abonniert als auch Privatpersonen.

oeko-fair.de: Wer steht hinter dem AgrarBündnis?

Thomas: Das AgrarBündnis wird von 24 Verbänden gebildet. Die Autoren der Beiträge im kritischen Agrarbericht kommen aber auch aus anderen Verbänden, aus landwirtschaftlicher Praxis, Politik und Wissenschaft. Seine Produktionskosten stemmen wir fast ausschließlich über Spenden. Unter den Gebern sind unter anderen Stiftungen, Organisationen und Unternehmen, die mindestens eines gemeinsam haben: Sie mischen sich nicht in Produktion oder Inhalte des kritischen Agrarberichts ein.

veröffentlicht am 28. Februar 2011

www.agrarbuendnis.de