"Ich suche noch nach dem Öko-Produkt, das mich vollständig überzeugt"

maikeportrait2Dr.-Ing. Maike Hora ist Expertin für Öko- bzw. Eco-Design und Ressourceneffizienz. Der Trend, bei der Produktentwicklung Umweltaspekte umfassend zu berücksichtigen, steckt noch in den Kinderschuhen und wird von Menschen wie Maike Hora gefördert. Die Bauingenieurin promovierte am Institut WAR (TU Darmstadt) zum Thema „Abfallverursacher Elektroaltgeräte“ und arbeitete u.a. im Sonderforschungsbereich 392 „Entwicklung umweltgerechter Produkte“ der Technischen Universität Darmstadt und bei econcept, Agentur für nachhaltiges Design in Köln. Heute führt sie gemeinsam mit Dr. Udo Hermenau das Unternehmen e-hoch-3, der Name steht für eco efficient engineering. Zu ihrem Tätigkeitsbereich gehört unter anderem, Unternehmen bei der ökologischeren Gestaltung ihrer Erzeugnisse unter die Arme zu greifen.

oeko-fair.de: Was ist Öko- oder Eco-Design?

Maike Hora: Eco-Design bedeutet im Wesentlichen, schon bei der Entwicklung eines Produkts zu untersuchen, welche Umweltschäden entlang seines gesamten Lebenszyklus verursacht werden würden. Beim Eco-Design wird ein Produkt nämlich nicht als etwas angesehen, das man sobald es fertig ist zusammen mit der Verantwortung für seine Auswirkungen an den Kunden abgibt. Stattdessen bedenkt man schon bei der Produktentwicklung, wie und wie lange es benutzt werden kann, wie es entsorgt wird oder woher die Rohstoffe kommen. Praktisch bedeutet es, sich entlang des Produktlebenszyklus von A bis Z zu fragen, an welchen Stellen ein Produkt die größten Umweltprobleme schaffen würde und zu versuchen, dort verträglichere Alternativen zu finden.

oeko-fair.de: Wird hinter den Kulissen der Produktentwickler schon in der Breite grüner gedacht oder ist produktintegrierter Umweltschutz noch exotisch?

Hora: Eco-Design ist bisher exotisch, ganz klar. Unternehmen ausgenommen, bei denen die ökologische Ausrichtung Teil der Unternehmensphilosophie ist, ist Eco-Design in den meisten Produkt-Entwicklungsabteilungen noch nicht angekommen. Bisher ist es sehr selten, dass sich ein Unternehmen aus eigenem Antrieb Eco-Design-Ideen zuwendet. In vielen Unternehmen gibt es leider das Vorurteil, dass es eine Menge Zeit und Geld kostet, sich umweltverträglichere Lösungen zu überlegen, aber kaum einen Mehrwert bringt. Dabei geht diese Rechnung nicht immer auf, weil möglicherweise zwar die Herstellung eines Produkts teurer wird aber sich seine Entsorgung für das Unternehmen im Gegenzug deutlich vergünstigt. Letztendlich kommen die Impulse für nachhaltigere Produkte vor allem von außen, insbesondere durch den Gesetzgeber. Oft kommt es aber auch vor, dass zum Beispiel die Marketingabteilung oder der Vertrieb eine relevante Nachfrage erkennt und an die Entwicklungsabteilung weitergibt, dass ein umweltschonenderes Produkt gut bei den Kunden ankommen könnte.

oeko-fair.de: Innerhalb der europäischen Öko-Design-Rahmenrichtlinie wurden für bestimmte Gruppen energiebetriebener Geräte Vorgaben gemacht. Wenn sie nicht erfüllt werden, darf mit diesen Produkten nicht mehr innerhalb europäischer Grenzen gehandelt werden. Was verlangt das Europäische Recht in Sachen Eco-Design?

Hora: Die EuP- oder Öko-Design-Richtlinie selbst schreibt zunächst einmal nichts Konkretes vor, ermächtigt aber, dass rechtlich bindende Umweltanforderungen an bestimmte Gruppen elektrischer und elektronischer Produkte gestellt werden. In Deutschland sind diese Vorgaben im Energiebetriebene-Produkte-Gesetz, kurz EBPG geregelt. Von ihr betroffen sind Produktgruppen, denen Studien EU-weit ein besonders großes Energie-Einsparpotenzial bescheinigt haben, wie Beleuchtung, IT, Haushaltsgeräte oder Klimaanlagen. Die erste Richtlinie aus dem Jahr 2005 betrifft ausschließlich energiebetriebene Produkte. In der Novellierung von November 2009 werden auch Produkte berücksichtigt, die mittelbar Einfluss auf den Energieverbrauch haben und deshalb energieverbrauchsrelevant sind, wie zum Beispiel Dämmmaterial, Fenster oder Wasserhähne. Allerdings muss man dazu sagen, dass auch andere EU-Richtlinien den Bereich Eco-Design berühren, wenn es zum Beispiel um die Entsorgung von Altgeräten geht.

oeko-fair.de: Glauben Sie, dass viele Unternehmen bereit sind, die Vorgaben zu toppen?

Hora: Für große Unternehmen stellen die Vorgaben entweder keine oder mühelos zu überwindende Hürden dar. Anders gesagt: Die Anforderungen sind industriefreundlich, was sich schon allein aus der Tatsache erklärt, dass Interessensvertreter großer Unternehmen mit in den Gremien sitzen, die die Vorgaben in den Richtlinien festlegen. Unternehmen, die in Sachen Eco-Design ambitioniert sind, haben erst recht kein Problem, die Bestimmungen zu erfüllen. Verglichen mit anderen ist beispielsweise Deutschlands bekanntester Waschmaschinenhersteller und Dauertestsieger seiner Zeit beim umweltverträglicheren Produktdesign so weit voraus, dass er sich um die EU-Anforderungen theoretisch nicht zu kümmern braucht. Anders sieht es bei zahlreichen kleineren Unternehmen aus, die keine Zeit haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen und nicht wissen, inwiefern sie überhaupt betroffen sind. Ein anderer Effekt der Eco-Design-Richtlinie ist, dass manche Unternehmen nun einfach für zweierlei Märkte produzieren: Was die EU-Standards nicht mehr erfüllt, kommt nach wie vor auf den Weltmarkt, wenn es dort keine entsprechenden Gesetze gibt.

oeko-fair.de: Halten Sie die Öko-Design-Bestimmungen für ambitioniert?

Hora: Ich finde bedauerlich, dass die Anforderungen der EuP-Richtlinie zum Teil deutlich unter ihren Möglichkeiten bleiben, nachhaltigere Kaufentscheidungen zu fördern. Ein Beispiel ist die Produktgruppe TV-Geräte: Viele wissen nicht, dass Röhrenfernseher, nur ein Viertel der Energie von Plasmabildschirmen verbrauchen, da bei denen eine größere Fläche ausgeleuchtet werden muss. Zugleich werden immer gigantischere Bildschirme angeboten, obwohl die in normalen Wohnungen doch eigentlich nicht sein müssten. Aber eine folgerichtige Maßnahme, eine gesetzliche Höchstgrenze für Bildschirmgrößen festzulegen, wurde nicht durchgesetzt. Anstelle dessen wurde der weniger relevante Standby-Verbrauch begrenzt. Jetzt werben Hersteller von Plasmabildschirmen mit einem niedrigen Standby-Verbrauch und geben ihren Produkten so den Anschein, sparsam zu sein.

oeko-fair.de: Sie beraten Unternehmen zu den EU-Ökodesign-Vorgaben und darüber hinaus. An welcher Stelle muss am häufigsten am stärksten nachgebessert werden?

Hora: Große Unternehmen wissen in der Regel, welche gesetzlichen Vorgaben auf sie zukommen. Es kommt eher vor, dass kleine Firmen von neuen Richtlinien überrascht werden, etwa, weil ihnen nicht bewusst war, dass ihre Erzeugnisse davon überhaupt betroffen sind. Dabei kann es sich zum Beispiel um Hersteller von Spezialgeräten handeln oder um Zulieferer, die einzelne Komponenten für ein Gerät herstellen, das als Ganzes unter einen gesetzlichen Passus fällt, für dessen Einzelteile aber noch keine Vorgaben gemacht wurden. Meine Beratungsarbeit bei Unternehmen dreht sich oft darum, wie deren Produkte unter Umweltaspekten überhaupt abschneiden oder darum, wie Eco-Design in die Entwicklung und in ein Unternehmen implementiert werden kann. Ein Knackpunkt ist dabei oft, dass Eco-Design ein integrierter Ansatz ist, den man einerseits sehr ambitioniert verwirklichen kann, der aber in den meisten Fällen einen gewissen Pragmatismus erfordert. Je komplexer Produkte sind, desto schwieriger ist es, ein bis ins letzte Detail umweltverträglicheres Design hinzubekommen. Die Kunst ist vielmehr, einen vertretbaren Weg zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu finden. Für Unternehmen ist es daher wichtig, sich den eigenen Anspruch von vornherein klar zu machen: Wollen wir in Sachen Umweltverträglichkeit Marktführer werden, mit der Masse schwimmen oder lediglich die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen?

oeko-fair.de: Spüren Verbraucher bereits die Auswirkungen der EU-Bestimmungen?

Hora: Neben dem Abschied von der Glühbirne sind auch einige Hinweise auf Produkten sichtbare Ergebnisse der Eco-Design-Richtlinien. Ein Beispiel ist der Hinweis zum Energieverbrauch im Standby-Betrieb. Seit Anfang des Jahres dürfen neue Geräte im Standby-Zustand nicht mehr als ein Watt verbrauchen, in vier Jahren darf es nur noch ein halbes Watt sein.

oeko-fair.de: Bringen Verbraucher, die sich um nachhaltige Kaufentscheidungen bemühen, öko-intelligentes Design wesentlich weiter?

Hora: Die breite Masse der Unternehmen würde sich ohne äußeren Druck nicht um mehr Umweltverträglichkeit bemühen. In Fragen wie nach der Festlegung und Anpassung von Grenzwerten ist dabei eindeutig die Politik gefordert. Verbraucher sind ein anderer wichtiger äußerer Einfluss. Je mehr umweltverträglichere Produkte sie nachfragen, desto mehr wollen die Unternehmen anbieten. Der Großhandel bekommt einen steigenden Verbraucherdruck unmittelbar zu spüren, zum Beispiel durch Kunden, die Fragen stellen, und hakt bei Unternehmen nach, wie ökologisch sie überhaupt sind. Damit Verbraucher nachhaltigere Produkte überhaupt gezielt fördern können, fehlt ihnen aber noch das richtige Instrument, am besten eine produktübergreifende Kennzeichnung. Mir gefällt dabei der Ansatz von Professor Günter Horntrich von der Köln International School of Design am besten, der vorschlägt, an jedem Produkt eine Art Pass anzubringen, der so nüchtern wie der Preis oder die Nährwertangaben anzeigt, mit welchen Umwelt- und Sozialmerkmalen eine Ware ausgestattet ist.

oeko-fair.de: Welche Innovation im grünen Produktdesign hat Sie bisher besonders begeistert?

Hora: Wenn ich jetzt hier von grünem Produktdesign rede, denke ich vor allem an technische Konsumgüter. Das eine tolle Öko-Produkt haben wir bisher noch nicht gefunden. Es wäre ein Produkt, das über den gesamten Produktlebenszyklus umweltschonend ist, eine große Zielgruppe hat und ein Markterfolg ist. Dafür ist auch wichtig, dass es ansprechend gestaltet ist, denn viele Verbraucher denken beim Stichwort Öko-Design noch an Jutetaschen. Im Unternehmensbereich gibt es jedoch lobenswerte Beispiele wie der bereits genannte Waschmaschinenhersteller, wo man den Anspruch hat, dass die Maschinen 20 Jahre laufen sollen, so dass sie schon heute ökologische Anforderungen erfüllen, die erst künftig gesetzlich festgelegt werden könnten. Diesem Unternehmen ist es gelungen, ökologische Produktaspekte vollständig in seinen umfassenden Qualitätsanspruch zu integrieren. Eine Idee, die mich begeistert, ist „Car to go“, was in Ulm getestet wird: Man kauft sich kein Auto, sondern Mobilität. Die Autos stehen da, sind einfach verfügbar, man steigt ein, fährt rum, steigt aus, der nächste benutzt es. Mit dieser Idee könnte man die gleiche Menge Mobilität mit viel weniger Autos erzeugen – auch wenn ich nach wie vor das Fahrrad im Stadtverkehr bevorzuge. Es ist besser für die Gesundheit, macht keinen Lärm und keine Abgase und braucht viel weniger Fläche. Was an dem Beispiel deutlich wird – auch Produkte, die vielleicht auf den ersten Blick nicht so umweltfreundlich sind, können in einem System oder bei geändertem Benutzerverhalten durchaus besser abschneiden, als eine Variante aus beispielsweise umweltfreundlicheren Materialien.

oeko-fair.de: Können Verbraucher allgemein mit einer „Revolution“ hinsichtlich der Umweltverträglichkeit von Produkten rechnen?

Hora: Ich hoffe auf eine sanfte Revolution in den nächsten zehn, zwanzig Jahren. Eco-Design ist eine ökonomische Notwendigkeit geworden, auch weil das Thema Nachhaltigkeit mittlerweile so präsent ist, dass man mittelfristig nicht drum herum kommen wird. Für Verbraucher wünsche ich mir, dass es für nachhaltige Produkte einmal ein Zeichen geben wird wie heute das TÜV-GS-Siegel für geprüfte Sicherheit. Generell besteht die Herausforderung in der Komplexität des Themas – man muss in Prozesse und andere Bereiche hinein denken. Selbst die für sich genommen ökologischste Lösung könnte an Glanz verlieren, wenn ihre Auswirkungen auf andere Bereiche betrachtet werden. Ein einfaches Beispiel sind Elektroautos: Wenn Elektroautos die Zukunft der Mobilität sein sollen, muss man sich fragen, wie der Strom dafür erzeugt wird oder woher die Rohstoffe für die vielen Batterien überhaupt kommen sollen.

veröffentlicht am 21. Dezember 2009

Foto: e-hoch-3

www.e-hoch-drei.com