"Die Landwirte haben erkannt, dass sie den Umweltschutz weiter verbessern können"

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In Deutschland verzehren wir pro Kopf rund 22 Kilo Tomaten jährlich. Verbraucher finden im Super- oder auf dem Wochenmarkt eine Vielzahl unterschiedlicher Sorten und Anbaugebiete im Angebot. Und haben Bilder im Kopf: Vom Anbau unter Glas oder Plastikfolien, denken an Wasserverbrauch oder illegaler Beschäftigung. Doch es geht auch anders, wie ein Besuch in der Region Badajoz im Grenzgebiet zu Portugal zeigt. Hier fand im Jahr 2014 ein Workshop mit Landwirten, Lieferanten und Nestle statt. Mit am Tisch saß auch die spanische Nichtregierungsorganisation Fundación Global Nature (FGN).

Das Interesse war groß, die Probleme bei einer Umsetzung auch: So konkurrieren in einem globalen Markt nachhaltige und nicht nachhaltige Produkte, es gibt administrative Herausforderungen und natürlich bleibt die Frage, honoriert der Verbraucher derartiges Engagement. Gefragt war deshalb eine Gesamtstrategie, zu der notwendige Trainings der Bauern gehören, mehrjährige Lieferverträge und eine verbesserte Kommunikation zum Endverbraucher gehören. Mittlerweile gibt es die ersten Pilotfarmen. Monatlich tauschen sich die Akteure - die FGN als Berater, CONESA als Weiterverarbeiter und Nestle als Abnehmer - aus.

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Mit 37 Grad im Schatten ist es heiß in der Extremadura. Schwer vorstellbar, das in diesem Klima Tomatenanbau betrieben werden kann. Doch auf den Feldern gibt es Vögel, Kleinreptilien und Insekten. Das Saatgut stammt aus eigener Aufzucht. Die Bodenqualität wird im CONESA-Labor genau untersucht und u.a. durch das Unterpflügen des Grünkrauts nach der Ernte verbessert. Das Wasser geht durch unterirdische Tröpfchenbewässerung direkt an die Wurzel und zwischen den Tomatenpflanzen wächst allerlei anderes Gewächs. Das Führen von Feldbüchern und wöchentliche Kontrollen der Insektenfallen sind weitere verbindliche Bausteine.

Insgesamt fallen der hohe technische Aufwand, die konsequente Rückverfolgbarkeit und das exakte Timing auf. Die geernteten Früchte werden per Lastwagen - die Tomaten haben eine dickere Schale und enthalten weniger Wasser als die Supermarkttomaten - in die Fabrik von CONESA gebracht. Die ist während der Ernte um die Uhr im Betrieb und kann auf diverse Zertifikate wie ISO, Bio/Organic etc. verweisen. Hier gibt es erheblichen Wassereinsatz, z.B. für das Reinigen der Tomaten. Das verbrauchte Wasser wird - auch im Außenbereich - gesammelt, in 8-Millionen Liter Tanks aufbereitet und zu 85% erneut genutzt. Die Beschäftigten kommen aus der Region, illegale Einwanderer wie in anderen Teilen Spaniens sind hier nicht zu finden.

Über den Tomatenanbau in der Region und die Arbeit der Fundación sprachen wir mit FGN-Direktor Eduardo de Miguel.

oeko-fair.de: Was sind die Hauptaufgaben von FGN in Spanien?

Eduardo de Miguel: Die FGN ist eine private Umweltstiftung, die vor 22 Jahren mit zwei Arbeitsschwerpunkten gegründet wurde: zum einem die Renaturierung sowie die Erhaltung der aquatischen Ökosysteme und zum anderen die nachhaltige Landwirtschaft und der Schutz der Kulturlandschaften. Weiterhin engagiert sich die Stiftung in der Umweltbildung und realisiert Projekte zur nachhaltigen Entwicklung in Entwicklungs- und Schwellenländern. FGN ist eine der wenigen spanischen NGOs, die in der Landwirtschaft arbeiten. Aus unserer Sicht ist dieses Handlungsfeld prioritär weil ein bedeutender Teil der Flächen in Spanien landwirtschaftlich genutzt werden, die Landwirtschaft für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr wichtig ist und ein Großteil der biologischen Vielfalt, einschließlich vieler bedrohten Tier- und Pflanzenarten, abhängig ist von den Lebensräumen, die durch die extensive Landwirtschaft geschaffen wurden.

oeko-fair.de: Wie wichtig ist die Kooperation mit anderen Stakeholdern (Landwirten, Unternehmen) in diesem Kontext?

Eduardo de Miguel: FGN ist Gründer von und Partner in verschiedenen NGO-Netzwerken: das Internationale Living Lakes-Netzwerk zum Schutz von Seen und Feuchtgebieten, der Nationale Verband der Naturschutzstiftungen, das Forum der spanischen Land Stewardship Initiativen etc. FGN arbeitet bei den meisten Projekten mit Partnern aus verschiedenen europäischen Ländern. 2010 schloss sich FGN mit anderen Organisationen in Europa zur European Business and Biodiversity Kampagne zusammen, die vom Global Nature Fund koordiniert wird. Aus dieser Kampagne entstand die spanische Business and Biodiversity Initiative (Empresa y Biodiversidad), an der sich FNG sehr engagiert beteiligt.

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oeko-fair.de: Wie wichtig ist die Tomatenindustrie für die Extremadura?

Eduardo de Miguel: Der Tomatenanbau ist extrem wichtig für die Extremadura. Die Implementierung des sogenannten Badajoz –Plan vor 50 Jahren war eine radikale Veränderung für diese Region, die jetzt 75% der Tomaten in Spanien produziert. Damals wurde die Infrastruktur für die Bewässerung der landwirtschaftlichen Flächen mit dem Wasser des Flusses Guadiana eingerichtet. Heute ist der Tomatensektor der Wirtschaftsmotor der Region und die Exporte übersteigen mehr als 250 Millionen Euro im Jahr. Es wird geschätzt, dass die Industrie jährlich etwa 10.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze schafft.

oeko-fair.de: Wie schätzen Sie den Tomatenanbau in der Extremadura im Vergleich zu anderen Regionen ein?

Eduardo de Miguel: Die industrielle Tomate - welche in Badajoz und in geringerem Umfang auch in anderen Gebieten Spaniens angebaut wird – unterscheidet sich von der Salat-Tomate dadurch, dass sie nur einmal im Jahr geerntet wird, während bei der Salat-Tomate mehrere Ernten stattfinden. Es besteht keine Notwendigkeit in Gewächshäusern anzubauen. Die Anbauflächen sind wesentlich größer und die Tomate steht in der Fruchtfolge mit anderen Kulturen (Getreide, Reis, Gemüse etc.). Die Tomaten werden verarbeitet, das schafft mehr und dauerhafte Arbeitsplätze und eine höhere Wertschöpfung. Die Industrie-Tomate ist ein delikates Produkt und anspruchsvoll aus landwirtschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht. Die Investitionen, um einen Hektar Tomaten anzubauen, sind hoch und nicht jeder Landwirt kann Industrie-Tomaten anbauen. Die Industrie-Tomate ist die wichtigste Zutat für die meisten Lebensmittelhersteller und ihre kulinarischen Produkte. Es handelt sich um einen Rohstoff, der in fast allen Fertigprodukten vorkommt, bereits zerkleinert, in Form von Saucen, Pulver, usw. Damit ist dieses Gemüse fast ausschließlich für die Industrie bestimmt. Dies erfordert viel Koordination sowie die Einhaltung hoher Qualitätsstandards vom Anbau bis zur sekundären Verarbeitung, d.h. dem Einsatz im Endprodukt.

oeko-fair.de: An welchen Aufgaben arbeiten FGN und die Landwirte gemeinsam?

Eduardo de Miguel: Die FGN arbeitete im Laufe des Jahres 2015 mit 50 Landwirten in der Extremadura (80 Felder und 1.300 ha), um die aktuellen Umweltpraktiken zu beurteilen und weitere Maßnahmen zum Schutz der Umwelt vorzuschlagen. Die Evaluierung ergab, dass die Umweltstandards aufgrund der Anforderungen der Lebensmittelkette bereits hoch sind und sich die Branche dem Umweltschutz verpflichtet fühlt. Aber es gibt immer Verbesserungspotential und die Landwirte selbst haben erkannt, dass sie den Umweltschutz weiter verbessern können und wollen dies den Verbrauchern auch demonstrieren.

oeko-fair.de: Welche Rolle spielt CONESA für die Arbeit von FGN (und andersherum)?

Eduardo de Miguel: CONESA ist einer der größten Verarbeiter von Tomaten in Spanien und in Europa. FGN und CONESA haben eine repräsentative Gruppe von Landwirten ausgewählt, die die gemeinsam ausgewählten neuen Umweltmaßnahmen umsetzen und dokumentieren. Die Ergebnisse werden in ein gemeinsam mit Nestlé erarbeitetes Protokoll einfließen und die Grundlage für die Nestlé Responsible Sourcing Guidelines für Gemüse sein. Damit sind CONESA und die Landwirte Pioniere, die insgesamt die Umweltstandards und damit die Nachhaltigkeit in der Tomatenindustrie verbessern.

Mehr Informationen zur Arbeit der Fundación Global Nature unter www.fundacionglobalnature.org .