"Zertifizierungen stoßen an ihre Grenzen"

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Friedel Hütz-Adams vom SÜDWIND Institut über Armut in den Kakaoanbauländern, den Einfluss des Weltmarktpreises und die Notwendigkeit zur besseren Schulung von Bauern


oeko-fair.de: Herr Adams, Sie haben verschiedene Studien zur Wirksamkeit der Fairhandels-Zertifizierungen Fairtrade, UTZ Certified und Rainforest Alliance im Kakao- und Kaffeeanbau miteinander verglichen. Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Friedel Hütz-Adams: Eine wichtige Erkenntnis ist vor allem die, dass es viel zu wenige Studien gibt, die genaue Hintergründe abfragen oder auch Vergleiche zwischen verschiedenen Produzentengruppen ziehen. Zum Beispiel zwischen denen, die Fairtrade-zertifizierten Kakao anbauen und denen, die dies nicht tun.  Wir benötigen Studien, die die Entwicklung über mehrere Jahre vergleichen und auch Kontrollgruppen von Bauern enthalten, die nicht nach einem Standard arbeiten. Nur so wird es möglich sein, nachzuvollziehen, welche Effekte tatsächlich durch die Einführung von Standards erzielt wurden und wo beispielsweise schlicht und einfach steigende oder fallende Preise sich auf das Leben der Bauern ausgewirkt haben.

oeko-fair.de: Warum werden so wenige umfassende Studien unternommen?

Hütz-Adams: Ich denke, das liegt vor allem daran, dass man lange glaubte, dass mit der Einführung von Standards und Zertifizierungen automatisch Verbesserungen eintreten. Und dann kommt noch dazu, dass solche Studien Geld kosten. In den letzten Jahren ist der Druck über kritische Anfragen aber stetig gewachsen und die Zertifizierer müssen nachweisen, dass ihre Systeme auch einen Effekt haben. Gerade Unternehmen, die für die Einführung von Standards und die damit verbundenen Projekte für die Bauern viel Geld bezahlen, und auch Stiftungen fordern das zunehmend ein.

oeko-fair.de: Sie haben in Ihrer Untersuchung festgestellt, dass vor allem dann die Produktivität wächst, wenn die Bauern bei Anbau- und Vertriebsmethoden geschult werden. Ist das nicht der Inhalt jeder Fairhandels-Vereinbarung?

Hütz-Adams: Nun ja, Fairtrade ist gerade dabei, hier mehr zu unternehmen. Es ist bei allen Ansätzen dringend notwendig,  Farmer Field Schools und FarmerBusiness-Schools einzurichten, in denen Bauern lernen, wie man Bäume beschneidet oder gegen Schädlinge vorgeht und wie sie ihre Farmen besser managen.

oeko-fair.de: Wie kommt es, dass Fairtrade das bisher teilweise ausgeblendet hat?

Hütz-Adams: Die Stärke von Fairtrade ist die Stärkung der Kooperativen, was ihnen häufig recht gut gelungen ist. Beim Kakaoanbau gibt es aber sehr viele Bauern, die nicht organisiert sind, vor allem in Westafrika, dem Hauptanbaugebiet. Diese werden dann nicht erreicht.

oeko-fair.de: Die Vermittlung besserer Anbaumethoden, wie sie z.B. der Zertifizierer UTZ-Certified betreibt, fördert nicht unbedingt den ökologischen Anbau. Ist die Zukunft der Produzenten nur über den konventionellen Ackerbau zu sichern ist?

Hütz-Adams: Also, die Bio-Welle ist bei Schokolade schon wieder vorbei. Bio-Kakao brachte den Bauern vor wenigen Jahren ungefähr den doppelten Preis von konventionellem Kakao. Heute ist die Differenz viel niedriger, was den Anbau aufgrund des höheren Arbeitsaufwandes auf den Plantagen  teilweise nicht mehr lohnend macht. Für Kaffee oder Baumwolle gilt das auf vielen Höfen übrigens auch. Und: Ein intensiverer Anbau bedeutet nicht sofort, dass dieser eine schlechtere ökologische Bilanz hat. Wenn Sie zum Beispiel im Kakaoanbau Schattenbäume pflanzen, dann steigt der Ertrag sofort an, vorhandener Dünger und Pestizide könnten oftmals sinnvoller angewandt werden. Umgekehrt setzt Bio-Anbau besondere Kenntnisse voraus, über die viele Bauern gar nicht verfügen.

oeko-fair.de: Heißt das, dass nachhaltige Zertifizierungen gescheitert sind?

Hütz-Adams: Nein, aber Zertifizierungen stoßen als Ansatz zur Beseitigung der Armut an manchen Stellen an ihre Grenzen. Wenn der Kakaopreis abstürzt, dann fallen die Einkommen auch trotz Zertifizierung. Oder wenn Produzenten zur Erfüllung von Standards zusichern, verletzte Arbeiter in angemessener Zeit in ein Krankenhaus zu fahren und dann sind die Straßen in der Regenzeit aber unpassierbar. Nur bei Fairtrade bildet der Mindestpreis ein Sicherheitsnetz.

oeko-fair.de: Wie viel können beide Seiten denn tatsächlich vor Ort tun, um die Situation der Bauern zu verbessern?

Hütz-Adams: Das ist genau die Frage. Wenn die Zertifizierung vorsieht, dass die Kinder der Bauern zur Schule gehen, und die Eltern dann sagen, hier gibt es aber keine – wer ist dann daran schuld? Der Zertifizierer?  Verbesserungen sollten dort ansetzen, wo sie den Bauern ermöglichen, mit ihrer Arbeit ausreichend Geld zu verdienen! Wichtig ist vor allem, dass Bauern in Hinblick auf Diversifizierung und Vermarktung ihrer Produkte geschult werden. Das heißt, sie sollten nicht nur Kakao, sondern auch andere Früchte anbauen. Auch die Verbesserung der Kenntnisse über die eigene Farm ist dringend notwendig. Wenn Bauern beispielsweise ein Buch über Ein- und Ausgaben führen, können sie einerseits ihre eigene Arbeit besser planen und haben andererseits eher Zugang zu Krediten, da potentielle Kreditgeber sehen, dass die Bauern ihr Geschäft im Griff haben.

oeko-fair.de: Zur Realität in ärmeren Ländern, vor allem in Afrika, gehört, dass dort inzwischen weitreichend Boden von anderen Nationen aufgekauft wird, um Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung zu produzieren. Hinkt nicht das ganze Zertifizierungswesen diesen Entwicklungen hinterher?

Hütz-Adams: Die Armut in diesen Regionen hat oft andere Ursachen. Bis in die 1980er Jahre war Kakao ein lukratives Geschäft. Jetzt sind sie auf den Kakaoanbau spezialisiert und haben nach dem Rückgang der Preise große Probleme, ihre Familien zu ernähren. In der Kakaoregion sind Westafrikas sind Studien zufolge 30 Prozent der Kinder unterernährt. Die Länder führen teilweise Nahrungsmittel ein und exportieren Kakao. Wenn ein chinesischer Konzern in Ghana 30.000 Hektar Land für die Produktion von Palmöl aufkauft, gibt es einen Aufschrei. Dass aber weitere zwei Millionen Hektar ausschließlich dazu dienen, Kakao anzubauen, damit die Industriestaaten diesen zu Luxusprodukten verarbeiten können, darüber redet keiner.

veröffentlicht am 14. November 2013; Foto: Südwind

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