"Wir müssen weniger konsumieren"

Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen(VKU) über Recycling, Elektroschrott und eine neue Verpackungsverordnung

Hans-Joachim Reck Quelle VKU_bearbeitet1

oeko-fair.de: Herr Reck, seit mehr als 25 Jahren sollen Verbraucher in Deutschland den Müll trennen. Haben sie es inzwischen gelernt?

Hans-Joachim Reck: Abfalltrennen ist zum Markenzeichen der Deutschen geworden und mehr als zwei Drittel der Bevölkerung geben an, dass sie mit der Mülltrennung einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz leisten.  Das ist eine Erfolgsgeschichte.

oeko-fair.de: Das klingt einfach zu schön. Es gibt also keinen Verbesserungsbedarf?

Reck: Natürlich gibt es noch riesige Herausforderungen: Der Klimaschutz erfordert viel stärkere Bemühungen und die Ressourcen auf der Erde werden knapper. Bei einigen Metallen reichen die derzeit bekannten abbaubaren Vorkommen auf der Welt nur noch wenige Jahrzehnte. Es muss also weniger konsumiert, mehr recycelt und effizienter verwertet werden.

oeko-fair.de: Wie hat sich das Müllaufkommen denn in den vergangenen Jahren entwickelt?

Reck: Den Zahlen von Eurostat zufolge, dem statistischen Dienst der Europäischen Union, ist das Abfallaufkommen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren leicht gesunken. 2002 waren es 632 Kilogramm pro Jahr und Einwohner. Laut Eurostat hat 2010 jeder  Deutsche 583 Kilogramm Müll produziert. Aber auch das ist noch viel zu viel.

oeko-fair.de: Wer muss denn aktiv werden, um die Müllvermeidung voran zu bringen?

Reck: Wenn Sie Abfallvermeidung googeln, werden Sie zum Großteil auf Seiten von kommunalen Abfallwirtschaftsbetrieben verwiesen. Das ist kein Zufall. Die Abfallvermeidung hat keine Lobby in der freien Wirtschaft. Dennoch ist das nicht Kernaufgabe von Entsorgungsbetrieben, die am Ende der Konsumkette stehen. Gefragt sind vor allem die Verbraucher. Sie können mit ihren Kaufentscheidungen großen Einfluss nehmen. Sie können zum Beispiel weniger konsumieren, langlebigere Produkte kaufen, Second-Hand-Produkte erwerben oder bewusster mit Lebensmitteln umgehen.

oeko-fair.de: Welches Interesse haben eigentlich Entsorgungsunternehmen an dem Thema? Sie leben schließlich von der Entsorgung und Verwertung.

Reck: Kommunale Unternehmen haben die Aufgabe der Daseinsvorsorge. Darunter fällt auch, einen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen zu leisten. Abfall- und Abwasserentsorgung gewährleisten die Stadthygiene. Die Verringerung der Abfallmenge dient diesen Zielen.

oeko-fair.de: Reden wir mal ganz offen: Wie viel Müll kann tatsächlich recycelt werden?

Reck: Die offizielle Recyclingquote von Deutschland beträgt 64 Prozent. Betrachtet man sich die einzelnen Fraktionen, stellt man fest: Bei Papier und Glas haben wir erfreulich hohe Quoten. Vor allem in den Bereichen Bioabfall und Elektroschrott sehen wir noch viel Potenzial nach oben. Wir arbeiten mit Nachdruck daran, hier Verbesserungen zu erzielen. Es ist aber nicht so, dass alle Abfälle eigentlich recycelt werden könnten. Selbst wenn man das Maximale herausholt würde: Nicht jedes Recycling ist ökologisch und ökonomisch sinnvoll.

oeko-fair.de: Biotonnen sind bei Verbrauchern nicht sehr beliebt. Warum sprechen Sie sich dafür aus, gerade bei Bioabfall die Wiederverwertung zu verbessern?

Reck: Weil das aus ökologischen Gründen Sinn macht. Derzeit landen sehr große Mengen von Bioabfällen im Restmüll. Wenn mehr Bioabfälle getrennt erfasst würden, könnte man daraus mehr Humus und Biogas herstellen, was eine äußerst effektive Möglichkeit des Klimaschutzes ist.

oeko-fair.de: Und warum ist es so wichtig, Elektroschrott einzusammeln?

Reck: Metalle im Elektroschrott, darunter fallen auch die so genannten Seltenen Erden, werden oft unter Bedingungen abgebaut, die äußerst schädlich für Umwelt und Menschen sind. Als große Industrienation ist Deutschland von Rohstoffimporten aus dem Ausland abhängig. Doch oft liegen die Vorkommen in politisch instabilen Ländern. Derzeit lassen wir es jedoch zu, dass große Mengen an Elektroschrott das Land wieder verlassen, nach Asien oder Afrika verschifft werden, wo die Teile – wiederum mit großen Schäden für Mensch und Umwelt – auseinandergebaut oder sogar verbrannt werden. Hier ist das Recycling also aus volkswirtschaftlichen, ökologischen und moralischen Gründen angezeigt.

oeko-fair.de: Was sollen die Verbraucher Ihrer Ansicht nach also tun?

Reck: Ganz einfach: Biomüll trennen und Elektroschrott dem kommunalen Abfallwirtschaftsbetrieb überlassen. Der jeweilige Betrieb informiert darüber, wie das vor Ort organisiert wird.

oeko-fair.de: Es gibt immer wieder Berichte über private Schrottsammler, die Teile unseres Mülls unter dubiosen Bedingungen einsammeln und verkaufen. Was hat das für Folgen?

Reck: Das passiert seit einigen Jahren verstärkt, und wenn dagegen nicht vorgegangen wird, wird sich das Problem aufgrund der steigenden Rohstoffpreise verschärfen. Erst Mitte November haben Mitarbeiter von Ordnungsamt und Polizei in Dortmund Transporter mit Schrottsammlungen gewerblicher Sammler aufgehalten und überprüft. Dabei wurden zahlreiche ordnungsrechtliche Vergehen festgestellt. Unter anderem waren die Laster überladen und es lagen keine Genehmigungen für den Transport der zum Teil gefährlichen Abfälle vor. Außerdem waren die Transporteure in keiner Weise vor giftigen Stoffen, wie etwa Asbest, geschützt.

oeko-fair.de: Stichwort Verpackungen: Die Menge an Plastik-, Papier- und anderen Hüllen, die entsorgt werden müssen, reißt nicht ab. Woran liegt das?

Reck: Im Bereich der Verpackungsentsorgung sehen wir großen Verbesserungsbedarf. Hier wird ein ungeheurer Aufwand getrieben, der bisher keine nennenswerten ökologischen Vorteile bringt. Die Verpackungsverordnung wurde erlassen, um die Verpackungsmengen zu reduzieren und mehr Verpackungen zu recyceln. Beides hat aber nicht funktioniert: Die Verpackungsmengen sind nicht zurückgegangen und beim Kunststoffrecycling haben wir Recyclingquoten von nur knapp einem Drittel. Zudem ist es noch sehr teuer. Das Ganze ist so kompliziert und aufwändig, dass es die Verwaltungskosten exorbitant in die Höhe treibt: Für jede entsorgte Tonne Verpackungen entstehen 400 Euro Kosten für die Entsorgung und dazu noch 800 Euro für deren Organisation – und das finanzieren die Verbraucher mit dem Kauf von Produkten.

oeko-fair.de: Das heißt, die Verpackungsverordnung müsste geändert werden?

Reck: Der Verpackungsentsorgung liegt das Prinzip der Produktverantwortung zu Grunde. Die Produzenten entrichten in Abhängigkeit von der Größe der Verpackungen eine Summe an ein Duales System, das sich dann um die Entsorgung kümmert. Im Grunde ist das ein sinnvolles politisches Steuerungsinstrument. Nur sind die finanziellen Auswirkungen für die Unternehmen nicht groß genug, dass sich dadurch eine Verhaltensänderung ergeben hätte.

oeko-fair.de: Müssten nicht die Entsorgungsunternehmen mit der Industrie und dem Handel besser zusammenarbeiten, um den Verpackungsmüll zu reduzieren?

Reck: Ja, das sollte viel stärker vorangetrieben werden. Verpackungen sollten viel stärker unter Entsorgungs- und Recyclinggesichtspunkten gestaltet werden. Wir würden das sehr unterstützen und bieten uns als Gesprächspartner für Handel und Politik an.

oeko-fair.de: Müll stinkt und ist irgendwie eklig. Hängt es damit zusammen, dass sich die Gesellschaft so wenig dafür interessiert?

Reck: Was meinen Sie, was passieren würde, wenn die kommunale Müllabfuhr einmal nicht mehr so gut funktionieren würde, wie es der Fall ist? Dann würden sich alle für Abfall interessieren, und zwar augenblicklich. Dass das Thema in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wird, ist doch ein riesen Kompliment an die Arbeit kommunaler Abfallwirtschaftsbetriebe!

Weitere Informationen zum Thema Abfall finden Sie in der Rubrik "Clever konsumieren/Wegwerfen & Co."

veröffentlicht am 14. Dezember 2012, Foto: VKU

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