"Nachhaltige Kleidung ist mehr als Bio-Baumwolle"

Heike ScheuerBeim Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft e. V. (IVN) ist Nachhaltigkeit ein Thema für Mode und nicht etwa kurzlebiges Modethema. Dass es im Bereich „green fashion“ überhaupt verbindliche Richtlinien gibt, ist dem IVN zu verdanken. Seit mehr als zehn Jahren entwickelt und verbreitet der Verband Standards für Textilien und Lederwaren, die umwelt- und sozialverträglich hergestellt wurden und die nicht zuletzt auch nicht dem Menschen schaden, der sie trägt. Seine Siegel NATURTEXTIL und NATURLEDER gelten nicht nur in Deutschland als anspruchsvollste Qualitätszeichen für grüne Mode. Auf internationalem Parkett beteiligt sich der IVN an einer Arbeitsgruppe, die den weltweit anerkannten Global Organic Textile Standard (GOTS) vergibt, dessen Siegel einem beim Kleiderkauf schon häufiger begegnet. Ein Interview mit Heike Scheuer von der IVN Geschäftsstelle.

oeko-fair.de: Ende Januar sorgte ein Medienbericht über die Verunreinigung von Bio- mit gentechnisch veränderter Baumwolle für Aufregung, die Öko-Textilbranche fürchtete um ihre Glaubwürdigkeit. Wie schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, als Endverbraucher an „unechte“ Bio-Baumwolle zu geraten?

Heike Scheuer: Da muss ich ein wenig ausholen: Zunächst einmal bedeutet eine Verunreinigung mit gentechnisch veränderten Fasern nicht, dass ein Kleidungsstück nicht „echt“ Bio ist. Der Einsatz von genveränderter Baumwolle ist bei als Bio gekennzeichneten Textilien natürlich verboten. Verunreinigungen mit fremden Fasern kommen bei Transport und Verarbeitung allerdings immer mal vor. Da Tests auf genmanipulierte Organismen (GVO) in der verarbeiteten Faser, also dem Garn oder Stoff nicht exakt genug sind, können diese Verunreinigungen schlecht völlig abgestellt werden. Umweltbelastende und gesundheitsschädliche Pestizide wurden deshalb nicht eingesetzt, das würde beim engmaschigen Kontrollnetz auffallen. Man kann also nicht völlig ausschließen, dass GVO verunreinigte Textilien auf den Markt gelangen, allerdings sind diese, wenn sie als Bio zertifiziert wurden, auch zuverlässig ökologisch angebaut worden.

oeko-fair.de: Die Auswahl „Grüner Mode“ wächst, nicht nur auf den Laufstegen. Was braucht die Branche, damit Verbraucher stärker darauf vertrauen können, tatsächlich ein ökologisch vernünftig produziertes Kleidungsstück zu kaufen?

Scheuer: Mit „ökologisch vernünftig“ fängt es an. Viele Verbraucher wissen nicht, was überhaupt darunter zu verstehen ist. Dass ein nachhaltiges Kleidungsstück weit mehr ist, als nur aus Bio-Baumwolle, wissen die wenigsten. Im Lauf der Produktion werden beispielsweise große Mengen an Chemikalien in Textilien eingebracht, die bei konventioneller Herstellung die Umwelt schädigen können. Hinzu kommen soziale Kriterien, die im gesamten Herstellungsprozess berücksichtigt werden sollten. Es gibt viele Siegel auf dem Markt, die Textilien nach unterschiedlichen Aspekten und unterschiedlicher Tiefe bewerten – Schadstoffgehalt, biologischer Anbau der Fasern, Gesundheitsverträglichkeit, Sozialstandards. Ein einheitlicher Standard, wie der GOTS oder NATURTEXTIL BEST, der alle Aspekte bewertet, ist also wichtig. Außerdem wäre es gut, dem Verbraucher noch mehr Transparenz bieten zu können. Wenn man nachvollziehen kann, welche einzelnen Produktionsstufen ein Textil im Laufe seiner Entstehung durchlaufen hat, kann man auch darauf vertrauen, dass es am Ende ein ökologisches Textil ist.

oeko-fair.de: Der IVN setzt sich für verbindliche Standards ein. Zuerst mit eigenen, strengen Richtlinien für IVN-zertifizierte Naturtextilien, dann mit dem internationalen Global Organic Textile Standard, kurz GOTS, der unter der Federführung des IVN in einer internationalen Arbeitsgruppe entwickelt wurde. Wieso genügte eine nationale Kennzeichnung nicht?

Scheuer: Textilien werden in der ganzen Welt hergestellt. Wir importieren die unterschiedlichsten Produktions-Stadien von Textilien, also von der Roh-Faser über Garne und Stoffe bis hin zum fertigen Kleidungsstück. Somit war es wichtig, einen weltweit harmonisierten Standard zu entwerfen, der Handelshemmnisse abbaut und sicherstellt, dass auch Produkte aus anderen Ländern durchgängig nachhaltig hergestellt werden.

oeko-fair.de: GOTS-Textilien bestehen mindestens zu 70 oder 95 Prozent aus kontrolliert biologischen Baumwollfasern oder aus Baumwolle von Feldern, die sich gerade in der Bio-Umstellung befinden. Damit Kunden erkennen, was jeweils der Fall ist, gibt es verschiedene Varianten der GOTS-Kennzeichnung. Abgesehen vom Anbau: In welchen wesentlichen Bereichen der textilen Produktionskette fordert GOTS die Einhaltung von Vorgaben?

Scheuer: Die Kriterien des GOTS ziehen sich durch die gesamte Produktionskette eines Kleidungsstücks. Nach der Gewinnung der Fasern werden diese aufbereitet. Hierbei sind problematische chemische Prozesse, wie das Chlorieren von Wolle nicht erlaubt. Gebleicht werden darf nur auf Sauerstoff-Basis. Zum Färben und Bedrucken der Stoffe dürfen nur gesundheitlich und ökologisch unbedenkliche Mittel benutzt werden. Farben, die toxische Schwermetalle oder aromatische Lösungsmittel enthalten sind verboten.
Viele Textilien werden mit funktionellen Eigenschaften, wie „knitterfrei", „wasserabweisend" oder „Antipilling" versehen. Bei Naturtextilien darf diese „Ausrüstung" jedoch nur durch mechanische, thermische und andere physikalische Verfahren erzielt werden. Problematische Substanzen wie giftige Schwermetalle, Formaldehyd, aromatische Lösungsmittel, Chlorphenole oder bestimmte Halogenverbindungen sind im gesamten Produktionsprozess verboten. Alle eingesetzten Stoffe müssen biologisch abbaubar sein und dürfen Boden, Luft und Wasser nicht belasten.
Die sogenannten Zutaten von Kleidungsstücken, also Einlagen, Futter, Kordeln und Schulterpolster, bestehen aus Naturfasern oder Viskose. Bei Reißverschlüssen muss das Metall frei von Chrom und Nickel sein, um Allergien zu vermeiden. GOTS Textilien müssen auch Qualitätsstandards erfüllen, wie Lichtechtheit, Schweißechtheit, Speichelechtheit, Waschechtheit, auch für das Einlaufen gibt es Richtwerte.
Alle Betriebe weltweit müssen Sozialstandards einhalten, es gilt das Verbot von Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Misshandlung oder Diskriminierung, gerechte Löhne, Arbeitsschutz und Vereinigungsfreiheit.

oeko-fair.de: GOTS ist seit Sommer 2008 am Markt. Wie wurde das Siegel seitdem aufgenommen?

Scheuer: Hervorragend. Inzwischen sind weltweit bereit 2800 Betriebe zertifiziert. Man findet GOTS zertifizierte Produkte sogar bereits bei großen Textil-Ketten und in Discountern. Viele Verbraucher kennen das grüne Qualitätszeichen und auch die Presse berichtet häufig über den Standard.

oeko-fair.de: Was hat sich seit GOTS bei den IVN-Gütesiegeln verändert?

Scheuer: Im Grunde genommen hat eigentlich nur der GOTS den ehemaligen IVN Standard „NATURTEXTIL zertifiziert“ abgelöst. Er ist etwas strenger, als es der alte Standard war. Der „NATURTEXTIL IVN zertifiziert BEST“ ist aber noch immer ein Premium-Standard, der die Anforderungen des GOTS in einigen Punkten übertrifft. Relativ neu ist der der Standard für Leder, „NATURLEDER IVN zertifiziert“. Natürlich befasst sich der IVN aber ständig damit, wie Textilien noch besser werden können. Nicht nur Ökologie, sondern auch soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Verbraucherschutz durch Transpararenz und Gesundheitsaspekte werden in den IVN Richtlinien eine immer wichtigere Rolle spielen.

oeko-fair.de: Vom 28. bis 30. Juni lädt der IVN zum „green forum“ unter dem Motto "Far Beyond Organic" nach Berlin, bei dem es um die Zukunft der Naturtextilien geht. Welche sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Programms und an wen richtet sich die Veranstaltung?

Scheuer: Neben der IVN Kernkompetenz „Ökologie in der textilen Produktionskette“ werden die Themen soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, Gesundheit, Transparenz und Qualität Schwerpunkte der Veranstaltung sein. Vom heutigen Status Quo aus betrachtet, möchten wir darüber diskutieren, wie ethisch man Textilien produzieren kann, ohne ihnen die Marktfähigkeit zu nehmen. Dauerbrenner, wie etwa das Pro und Contra von synthetischen Fasern werden ebenso beleuchtet, wie ein verbraucherfreundliches und ehrliches Etikett für Textilien oder der ökologische Fußabdruck für Bekleidung. „Far Beyond Organic“ richtet sich an alle, die professionell mit Textilien umgehen und daran interessiert sind, wie die Textilindustrie nachhaltiger werden kann.

veröffentlicht am 19. Mai 2010

Foto: IVN

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