"Anerkennung und Ansporn für alle"

Erstmals hat in diesem Jahr mit Rostock eine Stadt im Osten Deutschlands den Titel „Hauptstadt des Fairen Handels“ gewonnen. Holger Matthäus, Senator für Bau und Umwelt der Hansestadt Rostock, über den Stolz auf die Auszeichnung, Fairtrade im Osten Deutschlands und die Welt als globales Dorf.Rostock_Hauptstadt des Fairen Handels

oeko-fair.de: Herzlichen Glückwunsch zum frisch erworbenen Titel „Hauptstadt des Fairen Handels“. Sind Sie stolz auf Ihre Stadt?

Matthäus: Ich bin riesig stolz auf Rostock! Damit hat von uns keiner gerechnet. Als die Aufzählungen der Sieger kamen und unser Name immer noch nicht genannt wurde, dachten wir zuerst, man hätte uns vergessen. Aber dann kam es ja zum Glück anders.

oeko-fair.de: Was hat Sie persönlich bewogen, sich für den Fairen Handel zu engagieren?

Matthäus: Früher, als die meisten Menschen noch in Dörfern lebten, kannte man seine Nachbarn und hat mit ihnen fair verhandelt, wenn man etwas von ihnen wollte. Heute, im sogenannten „globalen Dorf“ kennt man sich nicht mehr, alles ist sehr unpersönlich. Die Auseinandersetzung damit, wo die Produkte herkommen und ob die Menschen in anderen Ländern damit ihr Auskommen haben, ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ein schönes Gefühl, Produkte in der Hand zu haben, die fair hergestellt und gehandelt werden.

oeko-fair.de:
Gelobt wurden vor allem die Kreativität und die innovativen Ideen, die Rostock für den Fairen Handel entwickelt hat. Können Sie uns erklären, was damit genauer gemeint ist?


Matthäus: Man muss zunächst einmal sehen, dass sich die Idee vom Fairen Handel erst nach der Wende bei uns entfalten konnte. Vorher gab es keine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen auf die Politik und auf die offizielle Kommunikation. Ab 1990 sammelte sich im Ökohaus hier in Rostock dann eine Kerngruppe, die sich über die Jahre hinweg entwickelt und Aktivitäten organisiert hat, die schließlich ganze Teile der Stadtgesellschaft, wie die Universität, die Schulen, Unternehmen und die Stadtverwaltung mitgerissen haben. Wir organisieren beispielsweise jährlich eine Fairtrade-Wochen, Open Fair Brunchs, es gibt Schulfairläden, Konferenzen z. B. zum Fairen Computer und viele, viele Aktionen um die Rostockerinnen und Rostocker zu erreichen.

oeko-fair.de:
Betont wurde auch Ihre Beharrlichkeit. War es denn schwierig, die Menschen in Ihrer Stadt davon zu überzeugen, sich für den fairen Handel einzusetzen?

Matthäus: Ach, es gibt schon eine Reihe von Köpfen, die das Thema maßgeblich mit unterstützen, zum Beispiel Arvid Schnauer vom Agenda21-Rat und Wolfgang Schareck, der Rektor unserer Universität.

oeko-fair.de: Wer zieht beim Thema Fairer Handel vor allem mit und wer muss noch überzeugt werden?

Matthäus: Wir haben uns beispielsweise sehr gefreut, dass die Medien so mitgegangen sind. Schon als wir die Antragstellung losgeschickt haben, haben sowohl die Tageszeitungen, als auch das Radio und sogar das Fernsehen darüber berichtet. In der Universität gibt es an jedem Kaffeeautomaten nur noch fairen Kaffee. Jetzt wäre es schön, wenn beispielsweise der Tourismussektor nachziehen würde, vom fairen Kaffee, über fair gehandelte Schokolade bis hin zur fair produzierten Bettwäsche. Wir sind mit der Aida-Kreuzfahrtflotte im Gespräch und wollen auch im Bereich Bildung erreichen, dass Kinder eigene Erfahrungen mit dem Thema sammeln können. Indem sie sich zum Beispiel über das Internet mit Kindern aus anderen Teilen der Welt austauschen und so erfahren, dass diese möglicherweise auf der Kakaoplantage mitarbeiten müssen.


oeko-fair.de:
Kommunen im Osten Deutschlands haben sich in den vergangenen Jahren eher zurückhaltend gezeigt, wenn es um den Fairen Handel und auch um den Wettbewerb „Hauptstadt des Fairen Handels“ geht. Woran liegt das?


Matthäus: Das weiß ich nicht so genau. Vielleicht, weil im Osten erst nach der Wende  Diskussion und Handlungsmöglichkeiten dazu entstehen konnte. Hier in Rostock war das Thema schon lange wichtig, genauso übrigens wie auch der Klimaschutz. Es gab immer viele Aktivitäten und auch viele Vorschläge aus der Bürgerschaft heraus.

oeko-fair.de: Welche Vorteile hat eine Kommune vom Fairen Handel?

Matthäus: Wenn man sich Hauptstadt des Fairen Handels nennen darf, dann ist das für alle Menschen, die sich für einen fairen Austausch mit der Welt engagieren, eine hohe Anerkennung und ein Ansporn. Und außerdem ist die Auszeichnung natürlich auch für die Außenwerbung unserer Stadt ganz wichtig.

oeko-fair.de: Was werden Sie mit dem Preisgeld tun?

Matthäus: Erst einmal wollen wir mit Hilfe der kommunalen Unternehmen, wie Wohnungswesen, Verkehrsbetriebe und Versorgungsbetriebe, den Betrag auf 60.000 Euro verdoppeln. Und dann werden wir öffentlich in einem Forum darüber diskutieren, was mit dem Geld geschehen soll. Entscheiden wird aber letztlich die Steuerungsgruppe, in der unter anderem Vertreter des Eine-Welt-Landesnetzwerks, der Evangelischen Kirche, der Universität, des Ökohauses, des Stadtmarketings, des Einzelhandelsverbandes und der Stadtverwaltung sitzen.

oeko-fair.de: Als sichtbares Symbol Ihres neuen Titels haben Sie einen Wanderpokal erhalten. Wo wird er stehen?


Matthäus: Wir wollen ihn im Rathaus vor dem Bürgerschaftssaal auf einer Säule ausstellen, gemeinsam mit der Urkunde. Wir überlegen im Augenblick noch, ob die Stele aus FSC-zertifiziertem Holz oder aus Fairstone-Granit hergestellt werden soll.

veröffentlicht am 26. September 2013, Foto: Dominik Schmidt, Bremen

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