"Wir musizieren für eine neue Grundhaltung"

Beim Orchester des Wandels gibt die Natur den Ton an / Foto: Rosenberg

Die Musikerinnen und Musiker der traditionsreichen Staatskapelle Berlin haben mit dem Orchester des Wandels eine weltweit einmalige Initiative für Klima- und Umweltschutz gegründet, für die sie sich ausdrücklich Nachahmer wünschen. Das Orchester des Wandels musiziert nicht nur, um mit Konzerterlösen konkrete Projekte zu unterstützen. Es fördert auch das Bewusstsein, dass jeder für die Zukunft der Welt verantwortlich ist. Gestützt wird die Initiative durch die ebenfalls von den Musikern ins Leben gerufene NaturTon-Stiftung. Hornist Markus Bruggaier gehört zu jenen, die den Anstoß für die Initiative gaben.

oeko-fair.de: Die Titanic, der Eisberg und die Musiker, die angeblich bis in den Untergang hinein weiterspielten ist ein Bild, das Ihrer Initiative diametral entgegengesetzt ist. Wofür musiziert das Orchester des Wandels?

Markus Bruggaier: Um in dem Bild zu bleiben, sind wir die Musiker, die den Eisberg kommen sehen. Das Orchester des Wandels musiziert für eine neue Grundhaltung: Nämlich nicht zu verdrängen, sondern der Realität ins Auge zu sehen und sie auch auf unerwartete Art positiv zu gestalten. Dass die globalen Klima- und Umweltprobleme schlimm und drängend sind, ist richtig. Aber die fast durchweg negative Berichterstattung darüber wirkt auch lähmend. Viele Leute tun nichts obwohl sie um die großen Probleme wissen. Möglicherweise bezweifeln sie, dass das Handeln eines Einzelnen überhaupt etwas bewirken kann. Zugleich können viele ein schönes Stück Natur nicht mehr genießen, ohne sofort zu denken, dass es bedroht ist. Als Orchester des Wandels wollen wir vermitteln, dass sich auch schwierigen Situationen etwas Gutes abgewinnen lässt, der erhobene Zeigefinger hat bei uns nichts verloren. Uns geht es nicht nur um Umwelt- oder Klimaprobleme, sondern auch um eine Grundhaltung: Menschen, die die Gesellschaft auf immaterielle Weise bereichern, machen die Welt besser. Auch wenn es Kleinigkeiten sind, die aber oft schon genügen, damit es allen besser geht. Zum Beispiel brauchen wir als Orchester zum Frack nur mal Gummistiefel tragen und alle freuen sich.

oeko-fair.de: In welchen Projekten zeigt sich der Ansatz des Orchesters des Wandels?

Bruggaier: Ein Beispiel ist unser Zauberwald, für den im kommenden Jahr der Spatenstich angesetzt ist. Damit wollen wir in erster Linie Kindern ein ganzheitliches Naturerlebnis bieten, die Wald und Natur oft gar nicht richtig wahrnehmen. In diesem Wald der Phantasie wollen wir in Verbindung mit Musik die Erlebnisfähigkeit fördern. Musik und Wald passen gut zusammen, denn in beiden steckt auch etwas Geheimnisvolles, was sich mit den Sinnen erkunden lässt. Viele Werke sind eng mit der Natur verknüpft, man denke nur an Opern wie ‚Der Freischütz‘ oder ‚Hänsel und Gretel‘. Passend dazu wird es im Zauberwald zum Beispiel ein Knusperhäuschen zu entdecken geben oder Installationen, die Musik aus dem Wald dringen lassen. Unser zweites konkretes Vorhaben ist das Klimakonzert im Januar. Die Erlöse daraus kommen einem von uns unterstützten Projekt in Indien zugute. Weil es sich thematisch auf Indien beziehen wird, hat das Konzert auch einen interkulturellen Aspekt.

oeko-fair.de: Ihr Credo lautet „Kultur braucht Natur. Und umgekehrt.“ Was ist damit gemeint?

Bruggaier: Um Natur wirklich wahrnehmen und wertschätzen zu können brauchen wir eine kulturelle Bewusstseinsebene. Anders herum ist Natur die Basis für unsere Kultur. Schon allein weil wir aus der Natur kommen, ist unsere Kultur eng mit ihr verzahnt und in ihr verwurzelt: Was wären Grimms Märchen ohne Wald? Oder Van Gogh Lebenswerk ohne Sonnenblumen? Aber selbst wenn sich Kultur nicht explizit auf Natur bezieht, ist die Natur immer in ihr spürbar. Wer will kann sogar im strukturellen Aufbau von Musik Parallelen zu natürlichen Ordnungen erkennen. Musik kann unendlich komplex sein wie etwa in einem Übergang in einer Wagner-Oper. Jeder Ton hat ein Eigenleben und zugleich seinen festen Platz in einer Hierarchie aus Motiven und Themen, die insgesamt ein Werk ergeben. Darin könnte man durchaus Analogien etwa zum Aufbau eines Ökosystems sehen.

oeko-fair.de: Wie ist das Orchester des Wandels entstanden und wie hat es sich weiterentwickelt?

Bruggaier: Wir wollen als Musiker möglichst langfristig möglichst viel bewegen. Nachdem wir auf einer Orchestersitzung den Kollegen unsere Ideen beschrieben hatten, merkten wir schnell, dass es auch den anderen Musikern ein echtes Anliegen ist, sich zu engagieren. Ohne Gegenstimme hat das Orchester beschlossen, dass wir aus unseren Privatvermögen Kapital zusammenlegen und damit die gemeinnützige NaturTon-Stiftung einrichten. Sie ist das Fundament für unsere übergeordnete Initiative, das Orchester des Wandels. Wir haben uns dazu verpflichtet, jedes Jahr mindestens ein Umweltkonzert zu spielen, was für ein 125-köpfiges Spitzenorchester enorm viel ist. De facto aber machen wir deutlich mehr. Als Orchester haben wir vor allem Öffentlichkeit und unseren Namen zu bieten. Über die NaturTon-Stiftung unterstützen wir bestimmte Projekte, bei deren Auswahl uns der WWF beraten hat. In unserem Umfeld wollen wir außerdem einen umweltfreundlicheren Kulturbetrieb erreichen: Wir haben geschafft, dass die Jahresvorschau der Staatsoper auf FSC-Papier gedruckt wird. Und da sich die Sanierung der Staatsoper gerade in der Bauplanungsphase befindet, kämpfen wir dafür, dass bei dieser Gelegenheit eine Erdwärmepumpe eingebaut wird. Dafür suchen wir einen Sponsor, für den wir im Gegenzug ein Konzert geben würden. Wir wollen außerdem einen Sponsor finden, der unsere Flüge bei Konzertreisen klimaneutralisiert.

oeko-fair.de: Wofür verwendet die NaturTon-Stiftung die Erlöse und Spenden?

Bruggaier: Die Einnahmen gehen zu 100 Prozent in die Projekte. Unkosten decken wir aus eigener Tasche, wobei es sich auch mal um Beträge in vierstelliger Höhe handeln kann. Ein Beispiel ist die Saalmiete für unser Klimakonzert, die wir auch bei uns im Haus zahlen müssen, auch wenn man uns entgegengekommen ist. Auch für das Bewerben des Konzerts fallen schnell beachtliche Summen an. Von den Erlösen und Zuwendungen zweigen wir aber keinen Euro ab, das Geld kommt ausschließlich den geförderten Projekten zugute. Künftig wollen wir nicht nur Vorhaben fördern, sondern auch selbst Projekte auf die Beine stellen. Naheliegend ist, dass wir uns für mehr Nachhaltigkeit bei der Holzgewinnung für den Instrumentenbau einsetzen: Allein für Gitarren-Griffbretter wird tonnenweise Palisanderholz aus madagassischen Naturschutzgebieten geholt. Und der Brasilholz-Baum, dessen Holz für Streicherbögen begehrt ist, ist mittlerweile fast ausgerottet. Für ein Schutzprojekt in diesem Bereich würden wir gern auch andere Orchester mit ins Boot holen.

oeko-fair.de: Welche Musik klingt für Sie persönlich besonders nach einer „besseren Welt“?

Bruggaier: Für mich sind das reichhaltige, authentische Musikstücke, in denen für mich ein ganzes Universum steckt. Wie der Beginn der Matthäus-Passion. Oder Schostakowitschs Leningrader Sinfonie, die er im Bewusstsein der Belagerung seiner Stadt durch die Deutschen geschrieben hat zu einem Zeitpunkt, als er vor Hunger Schuhsohlen gegessen hat. Bei einer Aufführung der Sinfonie vor Ort habe ich erlebt, wie sie die Menschen noch heute bewegt: die traumatisierenden Ereignisse von damals sind noch im Bewusstsein, aber die Musik hat den Menschen geholfen, sie zu verarbeiten. Der Reichtum von Musik kann also sogar eine bessere Welt bewirken. Obwohl sich beim Begriff ‚bessere Welt‘ natürlich immer die Frage stellt, was damit überhaupt gemeint ist. Eine Utopie? Oder der jetzige Moment, den man beispielsweise nutzt, um Musik bewusst zu hören? Als unverbesserlicher Optimist plädiere ich dafür, der Realität ins Auge zu sehen und etwas aus dem zu machen, was da ist.

veröffentlicht am 16. Dezember 2010

Foto: Orchester des Wandels

www.orchester-des-wandels.de