"Kein Mensch will einen bescheidenen Künstler"

Jacob Bilabel, Gründer der Green Music Initiative, will zwei auf den ersten Blick widersprüchliche Ziele miteinander vereinen: grenzenlose, überbordende Spaßkultur im Ausnahmezustand auf Pop-Konzerten und -Festivals und umwelt- und klimafreundliche Technik und Organisation

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oeko-fair.de: Klima- und umweltverträgliche Pop-Konzerte oder Musik-Festivals – das klingt für viele nach Spaßbremse, im besten Fall skurril. Wie reagieren Menschen, wenn Sie ihnen Ihr Anliegen erzählen?

Jacob Bilabel: Das ist genau der Kern der Sache: Wir müssen Wege finden um der Lüge zu begegnen, dass Klimaverträglichkeit bedeutet, all die Sachen nicht mehr machen zu können, die man gerne mag. Tatsächlich ist es doch so, dass viele, die das Wort „Klimawandel“ hören, meinen, sie dürften nicht mehr Auto fahren, nicht mehr in den Urlaub fahren und vielleicht auch künftig nicht mehr zu Musikfestivals fahren. Das ist wie einem Kind zu sagen: Lass das! Das funktioniert auch nicht auf Dauer. Die Green Music Initiative versucht dagegen, Alternativen dazu zu entwickeln. Kein Mensch will doch einen bescheidenen Künstler, der sagt: Ich spiele heute aus Klimagründen drei Songs weniger und habe außerdem die halbe Band in Amerika gelassen.

oeko-fair.de: Auf der Homepage der Green Music Initiative ist zu lesen, dass der kulturelle Sektor seine Rolle als Gestalter der Welt zurückerobern muss. Wie meinen Sie das?

Bilabel: Es war doch immer schon so, dass der kulturelle Sektor die Welt erklärt hat. Indem zum Beispiel Träume oder Geschichten erzählt wurden, wie die Zukunft aussehen sollte oder was auf keinen Fall mehr passieren darf. Beim Thema Klimawandel fällt auf, dass hier vor allem die Stimmen der Wissenschaftler, der Wirtschaft und der Politik zu hören sind. Dementsprechend hören wir Horrorgeschichten oder stoßen auf komplette Verweigerung. Dazwischen gibt es relativ wenig. Es ist aber Aufgabe der Kultur, die Welt neu zu erfinden. Dinge nicht mehr nur zu wissen, sondern auch in Anwendung zu bringen, also soziale Experimente zu wagen.

oeko-fair.de: Der Festivalbesucher als Labormaus?

Bilabel: Wenn Sie so wollen, ja. Ein Musik-Festival ist ein soziales Experiment per Definition. Die Besucher geben für drei Tage quasi ihren Pass ab, schlüpfen in andere Rollen. Drei Tage Ausnahmezustand mit Trinken, Kiffen, Sex haben, alles, was dazu gehört. Nicht umsonst tragen viele von ihnen die Festival-Armbänder noch Jahre lang und sagen: Weißt du noch, wie wir damals Roskilde überlebt haben! Dazu kommt, dass die Festival-Organisatoren Aufgaben zu bewältigen haben, wie sie vom Umfang her sonst für eine Kleinstadt anfallen: Getränke beischaffen, Müll wegfahren und so weiter. Dieses soziale Experiment verbinden wir mit dem Thema Zukunftsfähigkeit.

oeko-fair.de: Eines Ihrer Projekte ist die Fahrraddisko, bei der die Partygäste den Strom für die Anlage selbst erzeugen müssen. Wie kamen Sie auf diese Idee?

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Bilabel: Das Ganze ist als Experiment entstanden, als einmal ein Politiker in einer Gesprächsrunde behauptet hat, man solle nicht die Bereitschaft von Menschen überschätzen etwas zu tun, von dem andere auch etwas haben. Und siehe da: Sie sind dazu bereit! Die erste Fahrraddisko fand im Berliner Plänterwald statt, mit vier Fahrrädern und einem DJ. Die Leute standen rum und dann sagte der DJ: Also, wenn ihr Musik hören wollt, dann müsst ihr auf die Fahrräder steigen. Das haben sie gemacht und der DJ legte los. Aber dann wurden die Radfahrer müde und hörten auf zu treten und nach 15 Sekunden war die Musik aus. Es gab Geschrei und der DJ sagte: Leute, die Fahrräder sind nicht zum Spaß da. Und dann passierte es, dass die Tänzer die Radfahrer auf einmal anfeuerten und der DJ die Bässe ein bisschen rausnahm, wenn er merkte, dass die Radfahrer müde werden, denn die verbrauchen den meisten Strom. Auch das war ein soziales Experiment, mit 100prozentig konsumgetriebenen Diskobesuchern. Und es hat funktioniert.

oeko-fair.de: Was interessiert die Veranstalter an Ihrer Initiative? Dass sie Geld sparen können?

Bilabel: Ja, klar, auch. Aber es gibt auch immer welche, die einfach das Neueste vom Neuen ausprobieren wollen. Oder die tatsächlich emotional gesteuert sind und sagen: Ich verdiene eine Menge Geld, jetzt will ich damit auch etwas besser machen. Das Gute ist: Greenwashing funktioniert mit der Initiative nicht. Eine langweilige Band mit einer langweiligen CD verkauft sich nicht besser dadurch, dass sie ihre Tour klimafreundlich organisiert. Mit der Green Music Initiative können Sie nur etwas Gutes noch besser machen.

oeko-fair.de: Was planen Sie als nächstes?

Bilabel: Ich möchte meinen eigenen Strom anbieten. Der Hintergrund dafür ist folgender: Festivals und Partys finden im Sommer, nachts und am Wochenende statt. Das sind Zeiten, in denen Haushalte und die Industrie nicht so viel Strom benötigen. Veranstaltungen beziehen also den Strom nicht zu Spitzenlast-Zeiten. Trotzdem wird der gleiche Preis berechnet wie an einem x-beliebigen Mittwoch um 10:15 Uhr. Wir brauchen also ein Stromprodukt, das auf die Bedürfnisse der Branche zugeschnitten ist. Dafür werden wir Strom von regionalen Anbietern am Ort der jeweiligen Veranstaltung kaufen. Immer Sommer 2013 geht es los.

veröffentlicht am 03. September 2012

Foto oben: Bilabel

Foto unten: © vex / PIXELIO

www.greenmusicinitiative.de