"Man startet den Tag mit einem ganz anderen Lebensgefühl"

Jan Bredack, Gründer und Geschäftsführer der ersten veganen Supermarktkette „VEGANZ“, über Gegenwart und Zukunft eines Lebensstils ohne tierische Produkte.

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oeko-fair.de: Herr Bredack, welches ist für Sie das außergewöhnlichste vegane Produkt?

Jan Bredack: Hm, schwer zu sagen. Vielleicht ist es im Moment die vegane Entenbrust. Sie bietet vor allem Kunden, die sonst auch Fleisch essen, - und das sind die meisten bei uns - eine gute optische und geschmackliche Alternative zu tierischen Produkten.

oeko-fair.de: In Berlin haben Sie den ersten 100 Prozent veganen Supermarkt gegründet, in den nächsten Jahren planen Sie Märkte unter anderem in Prag, Wien und London. Bis 2015 wollen Sie europaweit 21 Filialen eröffnet haben. Wollen Sie Europa zum Veganismus bekehren?

Bredack: Nein, wir wollen niemanden bekehren. Was wir wollen ist Anlaufstellen in den großen europäischen Metropolen schaffen. Unser Fokus liegt dabei aber auf drei Sachen gleichzeitig, nämlich bio, fair und vegan. Nur bio reicht uns nicht aus. Das Wichtigste ist für uns, dass niemand aus der Wertschöpfungskette benachteiligt wird. Sie soll für alle gerecht sein, vom Bauern über den Hersteller bis zum Lieferanten.

oeko-fair.de: Veganer Lebensstil wird mit der Rettung des Weltklimas, der Tiere und  der eigenen Gesundheit gleich gesetzt. Sind das nicht ein bisschen viele Heilsversprechen auf einmal?

Bredack: Nein, das ist kein Versprechen. Das ist durch Zahlen belegt. Wenn derzeit etwa 80 Prozent der Agrarflächen allein für den Futtermittelanbau verwendet werden und man die hohe Abgasbelastung und den enormen Wasserverbrauch durch die Fleischproduktion betrachtet, liegen die Rettungsaspekte, die mehr vegane Ernährung mit sich bringt, auf der Hand. Nicht zu vergessen die ethische Seite, weil keine Tiere mehr leiden müssen. Und was die Gesundheit betrifft: Man sieht wie sich das Erscheinungsbild der Haut und auch die gesamte Verdauung verbessert. Dadurch startet man den Tag mit einem weitaus höheren Energie-Level und genießt ein ganz anderes Lebensgefühl .

oeko-fair.de: Die erste Filiale haben Sie im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, die zweite in Frankfurt/Main eröffnet - Wohnorte einer jüngeren und teilweise zahlungskräftigen Hipster-Generation. Ist das die Zielgruppe für vegane Ernährung?

Bredack: Hipster würde ich nicht sagen, aber zahlungskräftig und jung schon. Unsere internen Studien haben uns gezeigt, dass unsere Hauptzielgruppe zwischen 18 und 40 Jahre alt und zu zwei Dritteln weiblich ist. Die Hälfte verdient mehr als 1500 Euro netto im Monat. Außerdem haben 60 Prozent einen Hochschulabschluss.

oeko-fair.de: Und wie viele leben rein vegan?

Bredack: Viele Kunden können mit dem Unterschied zwischen vegan und vegetarisch noch nicht so viel anfangen. Da besteht noch viel Erklärungsbedarf. Vielen Leuten ist außerdem gar nicht bewusst, dass veganer Lebensstil nicht nur eine Frage der Ernährung ist. Tierische Produkte sind ja auch in anderen Gebrauchsgütern wie Kleidung oder Kosmetik enthalten.

oeko-fair.de: Darf man auch mit Pelzmantel bei Ihnen einkaufen?

Bredack: Wir sind da nicht dogmatisch. Mir ist eigentlich egal, ob jemand 100 Prozent vegan lebt oder nicht. Entscheidend ist, dass Leute zumindest bewusster konsumieren und Tierleid und Klimaschädigung vermeiden wollen.

oeko-fair.de: Außer Berlin und Frankfurt / Main ist inzwischen auch eine Filiale in Hamburg dazugekommen. Gibt es regionale Unterschiede?

Bredack: Ja, aber nicht was den Zulauf betrifft. Der ist in allen Städten gleich gut und entwickelt sich immer weiter. Ein großer Teil unserer Kunden sind Stammkunden. Unterschiede gibt es aber darin, wie häufig und wie teuer Leute einkaufen. In Hamburg und München sind die Warenkörbe pro Einkauf teurer gefüllt, dafür kommen die Leute in Berlin häufiger.

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oeko-fair.de: Ist vegane Lebensweise ein reines Großstadtthema?

Bredack: In den Städten wohnen häufig mehr Menschen, die alternative Lebensweisen ausprobieren. Außerdem bringen Studenten und Touristen neuen Input. Uni-Städte wie Münster oder auch Berlin, Leipzig und Wien sind Hochburgen für veganen Lebensstil.

oeko-fair.de: Viele Produkte, die Sie anbieten, gibt es auch schon in den Bio-Supermärkten. Wo sehen Sie die Chancen eines rein veganen Supermarkts?

Bredack: Die Übereinstimmung der Produktpalette liegt nur etwa bei 40 Prozent. Anders als die klassischen Bio-Läden beziehen wir unsere Waren von etwa 260 unterschiedlichen Lieferanten weltweit. Am Ende zählt das Ego der Kunden, die bei uns etwas Besonderes kaufen können, abseits des Bio-Markt Einheitsbreis, den alle beim gleichen Großhändler beziehen.

oeko-fair.de: Gibt es Lieblings-Produkte, die besonders häufig gekauft werden?

Bredack: Am besten laufen die Käse-Alternativen. Die sehen so aus wie Käse, schmecken wie Käse und sind genauso verwendbar wie Käse. Anstelle von tierischen Produkten sind sie aber aus Grundstoffen wie Kartoffelstärke, Erbsprotein oder Kokosfett gemacht.  Wir haben gut 100 verschiedene Käseprodukte im Angebot.

oeko-fair.de: Der Absatz von Fairtrade-Produkten bewegt sich nach wie vor im Promille-Bereich, der Umsatz von Bioprodukten macht noch nicht einmal  ganz vier Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes aus. Warum sollten ausgerechnet vegane Produkte boomen?

Bredack: Der vegane Trend ist schon jetzt auch im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel und in den Bio-Märkten angekommen. Immer häufiger werden Produkte als „vegan“ gelabelt, weil das für viele zu einem Kaufkriterium geworden ist. Früher wurde bio belächelt – heute gibt es in jedem Supermarkt Bio-Ecken. Dahin wird sich auch vegan entwickeln.

oeko-fair.de: Längst nicht alle Menschen können sich vorstellen, wie man sich ausschließlich vegan ernähren kann. Wie versuchen Sie sie zu überzeugen?

Bredack: Wir sind ja nicht nur ein Supermarkt, sondern haben auch noch Bistros und Backshops, wo Leute veganes Essen kosten können. Unsere Mitarbeiter werden über ein eigenes Intranet regelmäßig mit neuen Produkt-Infos versorgt. Im Verkauf ist ein Großteil der Mitarbeiter außerdem selbst vegan und bringt quasi von Haus aus Erfahrung bei der Zubereitung von veganen Mahlzeiten mit. Außerdem bieten wir Kochkurse und  -bücher an. Und in allen Läden liegen Broschüren mit übergreifenden Informationen zum veganen Lebensstil, zu Rezepten und anderem aus. Wer sich für eine vegane Lebensweise interessiert, merkt bei uns sehr schnell, dass vegan keineswegs geschmacklos ist.

veröffentlicht am 12. Dezember 2013

Fotos: Veganz

www.veganz.de