"Wir setzen auf den Mittelstand"

Neuland-Geschäftsführer Jochen Dettmer über Tierhaltung, regionalen Landbau und deutsche Agrarpolitik

Jochen Dettmer

oeko-fair.de: Herr Dettmer, in Bezug auf den Namen und das Anliegen unserer Webseite müssen wir vorausschicken: Neuland ist nicht gleich Bio. Was ist eigentlich der Unterschied?

Jochen Dettmer: Das hängt mit der Entstehungsgeschichte unseres Vereins zusammen. 1988, als Neuland gegründet wurde, wollten wir eine Alternative schaffen für landwirtschaftliche Betriebe, die nicht auf ökologische Tierproduktion umstellen wollten oder konnten. Damals nannte man das des „3. Weg“, heute sagt man dazu „Marktdifferenzierung“. Wir haben uns damals entschieden, das Thema Tierschutz konsequent zu verfolgen und stellen dazu heute noch höhere Anforderungen als der ökologische Landbau.

oeko-fair.de: Inwiefern?

Dettmer: Zum Beispiel was den Auslauf der Tiere betrifft. Einer Untersuchung der Fachhochschule Eberswalde zufolge hat ungefähr die Hälfte der Bio-Schweine heute noch keinen Auslauf, sondern bleibt immer im Stall. Neuland-Schweine müssen Auslauf haben. Oder, um ein aktuelles Beispiel zu nennen, die Ferkelkastration: Seit 2008 müssen Neuland-Ferkel mit Betäubung kastriert werden. Im ökologischen Landbau ist das noch nicht Pflicht.

oeko-fair.de: In Bezug auf Futtermittel ist Neuland aber deutlich großzügiger als die Bio-Verbände, oder?

Dettmer: Das kommt darauf an, wie Sie das sehen. Ja, wir kaufen Futtermittel aus konventioneller Produktion. Das heißt, es darf unter Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden produziert worden sein. Aber wir arbeiten nach dem Regionalitätsprinzip. Das heißt, wir importieren keine Futtermittel. Importe sind weitaus schlechter zu kontrollieren, wie wir spätestens seit dem Skandal um die falsch deklarierten Bio-Produkte aus Italien wissen.

‎oeko-fair.de: Zu den Hauptproblemen bei der Fleischproduktion gehören der gigantische Flächenverbrauch und die schlechte Klimabilanz. Da hilft der beste Tierschutz nichts.

Kuh und Kalb_by_Marco Barnebeck(Telemarco)_pixelio_1

Dettmer: Unsere Antwort darauf ist ganz klar: Zu viel Fleischkonsum ist schädlich. Wir halten uns da an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die besagen, dass zwei Mal Fleisch pro Woche genug ist. Außerdem ist unsere Art der Tierhaltung durchaus ökologisch sinnvoll. Mutterkuhhaltung und extensive Beweidung von Grünland hat eine gute Ökobilanz. Wir importieren ja kein Futtermittel, also muss für Neuland-Tiere kein Regenwald in Mittelamerika gerodet werden, um Soja anzubauen.

oeko-fair.de: Ein weitere Skandal, der noch gar nicht so lange her ist, waren antibiotikaresistente Keime, die in Hühner gefunden wurden. Sind Antibiotika denn für Neuland-Tiere erlaubt?

Dettmer: Einzelne Tiere bekommen durchaus mal ein Antibiotikum, wenn sie erkrankt sind und der Tierarzt dieses dann verordnet. Aus Gründen des Tierschutzes ist das dann notwendig. Aber dass Antibiotika nur gegeben werden, um eine bestimmte, nicht tiergerechte Art der Haltung aufrecht zu erhalten oder um das Wachstum zu fördern, ist bei Neuland nicht möglich.

oeko-fair.de: Spielt das Thema Lebensmittelverschwendung bei Neuland eigentlich eine Rolle?

Metzgerei_by_Hartmut910_pixelio.de

Dettmer: Da setzen wir auf den Mittelstand. Ein Fleischer vor Ort, der merkt, dass er sein Frischfleisch nicht rechtzeitig verkaufen kann, wirft dieses nicht weg, sondern macht daraus Wurst. Abgepacktes Fleisch aus der Kühltruhe im Supermarkt wird dagegen einfach entsorgt. Aus diesem Grund, und weil wir unser Fleisch möglichst da verkaufen wollen, wo es hergestellt wurde, liefern wir kein Fleisch an Lebensmittelketten. Diese haben in der Regel ein Zentrallager, von dem aus die Produkte in die ganze Republik geliefert werden. Das entspricht nicht unserem Ansatz.

oeko-fair.de: Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) fordert eine bessere Förderung für den Ökolandbau. Was fordert Neuland?

Dettmer: Wir sind da einer Meinung. Außerdem müsste unserer Ansicht nach die Tierhaltung differenzierter, nach bestimmten Standards gefördert werden. Die EU-Agrarpolitik ist da weiter als die deutsche. Das Bundeslandwirtschaftsministerium vertritt weiterhin eher die Politik des Bauernverbandes, der in der Regel gegen Neuerungen mauert.

veröffentlicht am 20. Februar 2012

Foto oben: Neuland

Foto Mitte: © Marco Barnebeck (Telemarco) / PIXELIO

Foto unten: © Hartmut910 / PIXELIO

www.neuland-fleisch.de