"Kunsthandwerk ist das gewisse Etwas in Weltläden"

Juliane Palm (links) mit Martha Wille vom bolivianischen Projektpartner Coronillaa

EL PUENTE ist Spanisch und bedeutet „die Brücke“. Als Pionier des Partnerschaftlichen Handels schlägt EL PUENTE seit mehreren Jahrzehnten Brücken zwischen Nord und Süd. Die Organisation arbeitet direkt mit ihren Partnern – Kleinbetriebe und Genossenschaften in Afrika, Asien und Lateinamerika – zusammen. Neben dem Import betreibt EL PUENTE entwicklungspolitische Bildungs- und Informationsarbeit. Juliane Palm leitet seit 2004 das Öffentlichkeitsreferat.

oeko-fair.de: Mit wie vielen Produzentengruppen in wie vielen Ländern der Welt ist EL PUENTE mittlerweile vernetzt? Wie viele verschiedene Artikel umfasst das Sortiment ungefähr?

Juliane Palm: Wir arbeiten mit etwa 110 Produzentengruppen weltweit in mehr als 40 Ländern. Unser Sortiment erstreckt sich auf über 5.000 Artikel in den Bereichen Handwerk und Food.

oeko-fair.de: In welchen wesentlichen Etappen lässt sich die Entwicklung von EL PUENTE beschreiben?

Palm: Die Geschichte EL PUENTEs begann im Ökumenischen Arbeitskreis Entwicklungshilfe im Landkreis Hildesheim Ende der 60er Jahre. Die jungen Mitglieder bereisten Paraguay, das später auch das erste Partnerland von EL PUENTE wurde. Anfangs wurden vor allem landwirtschaftliche und medizinische Hilfsgüter nach Lateinamerika gebracht und zum Beispiel beim Aufbau einer indigenen Apotheke geholfen. Im Zuge dessen entstanden auch die ersten Partnerschaftlichen Handelsbeziehungen und die Mitglieder des Arbeitskreises gründeten EL PUENTE als eingetragenen Verein. Bis 1985 importierte EL PUENTE ausschließlich Kunsthandwerk und erst danach auch Lebensmittel. Als das Handelsvolumen so groß wurde, dass ein rechtlicher Rahmen vonnöten war, ist neben dem EL PUENTE e. V. eine GmbH gegründet worden.
Sie arbeitet nach den Zielsetzungen des Vereins, der außerdem vor allem das regionale Bildungsangebot von EL PUENTE gestaltet. Um die Bildungsarbeit unabhängig vom Erfolg der GmbH finanziell abzusichern, wurde 2001 eine Stiftung gegründet. Sie ist ein Ergebnis der Lehren, die EL PUENTE aus einer sehr schweren Zeit Mitte, Ende der 90er Jahre gezogen hat. Damals ging es dem Fairen Handel sehr schlecht. Weil EL PUENTE keine zahlungskräftigen Gesellschafter im Rücken hat, sondern völlig unabhängig ist, war das eine schwierige Zeit. Das Überleben von EL PUENTE war ernsthaft gefährdet, es mussten Mitarbeiter entlassen werden. Das Prinzip der sogenannten Übungsfirma hat EL PUENTE schließlich gerettet. Die GmbH hat angefangen, jungen Menschen aus der Region eine qualifizierte Ausbildung zukommen zu lassen. Heute sind rund 20 der 40 Mitarbeiter Auszubildende in zwei Berufen und jeweils drei Lehrjahren. Das neue System hat sich bewährt und es geht kontinuierlich weiter bergauf. EL PUENTE verzeichnet jährlich stabile Zuwächse.

oeko-fair.de: Wer sind die wichtigsten Abnehmer der importierten Artikel?

Palm: Unsere wichtigsten Abnehmer sind die Weltläden in Deutschland und Europa. Allein in Deutschland beliefern wir ungefähr 1.500 Weltläden und Aktionsgruppen. Aber natürlich liefern wir auch an Endverbraucher, die unseren Online-Shop für Direktbestellungen nutzen, zumal es nicht flächendeckend Weltläden in Deutschland gibt und so mancher darauf angewiesen ist, zu bestellen. Unsere Stammkundschaft aber sind Weltläden.

oeko-fair.de: EL PUENTE bemüht sich, seine Partner auch unter schwierigen äußeren Umständen weiter zu unterstützen. So führt die Organisation etwa aus dem Westjordanland seit Jahren kontinuierlich Produkte ein. Wie gelingt es, auch Partner in solchen Regionen zu halten?

Palm: Das gelingt leider nicht immer, denn viel hängt dabei von den Projektpartnern ab. Beispielsweise haben wir unseren Projektpartner im Libanon, zu dem wir lange sehr guten Kontakt hatten, bei den letzten Unruhen vor einigen Jahren verloren. Unseres Wissens ist die Produzentenfamilie damals ins Ausland gegangen. Unser Partner PARC hingegen ist eine der größten landwirtschaftlichen Organisationen in Palästina. PARC ist sehr gut organisiert und kann sicherstellen, dass Vereinbarungen auch unter den schwierigen wirtschaftspolitischen Umständen erfüllt werden können. Wo der Handel besser strukturiert ist, kann er natürlich leichter aufrecht erhalten werden. Auch in den Libanon hat sich inzwischen der Kontakt zu einem neuen Partner ergeben. Und wir freuen uns, seit letztem Jahr wieder einige libanesische Produkte anbieten zu können.

oeko-fair.de: Wie findet EL PUENTE neue Partner?

Palm: Es kommen zahlreiche Fair-Handelsorganisationen auf uns zu, die in den Partnerländern vor Ort arbeiten. Oder Produzentengruppen, die Mitglied in der WFTO (World Fair Trade Organization, Anm. d. Red.) sind, ergreifen bei Konferenzen die Gelegenheit, Kontakt zu uns zu knüpfen. Auch konventionelle Fachmessen wie die Kunsthandwerksmesse Ambiente werden von Produzenten genutzt, um uns als Abnehmer zu gewinnen. Danach prüfen wir im nächsten Schritt, ob die Gruppen unsere Kriterien erfüllen.

oeko-fair.de: Eine Besonderheit im breit gefächerten Sortiment von EL PUENTE ist der vergleichsweise hohe Anteil an Kunsthandwerk. Woher rührt die große Affinität zu Handwerklichem?

Palm: Wie schon anfangs gesagt hat Handwerkliches zum einen während der ersten Jahre von EL PUENTE das Sortiment bestimmt. Zum anderen sind Kunsthandwerk und Gebrauchsgegenstände die Erzeugnisse, über die sich die Weltläden erhalten. Sie bieten zwar auch Lebensmittel an, aber die bringen keine hohen Margen. Außerdem sind die handwerklichen Produkte das Alleinstellungsmerkmal der Weltläden, denn Kunsthandwerk aus Fairem Handel gibt es weder in Supermärkten noch in Discountern.

oeko-fair.de: Kunsthandwerk wird in kleiner Stückzahl und unter sehr unterschiedlichen Bedingungen produziert und ist als Produktgruppe per se nicht homogen. Für eine typische Produktsiegelung eignet es sich deshalb anders als Kaffee oder Bananen eher nicht. Wie stellen Sie sicher, dass auch der Handel mit Kunsthandwerk den Ansprüchen des Fairen Handels entspricht?

Palm: Bezogen auf unser Standardsortiment arbeiten wir generell nicht mit den bisher existierenden Siegeln aus dem Bereich Fairer Handel. Siegel wie das Transfair-Zeichen dienen vor allem einer besseren Unterscheidung der Produkte im Supermarkt und haben entsprechend den konventionellen Handel als Zielgruppe. EL PUENTE hingegen arbeitet ausschließlich mit Weltläden als Fachgeschäfte des Fairen Handels, die keine Unterscheidung einzelner Produkte benötigen. Weiterhin gehen die Handelskriterien EL PUENTEs über die Anforderungen der mit dem Transfair-Zeichen verbundenen Standards hinaus. EL PUENTE unterstützt die Entwicklung des Zertifizierungssystems der WFTO, das es 100-Prozent-Fairhandelsorganisationen ermöglichen soll, als Ganzes gesiegelt zu werden. Dennoch können wir zusichern, dass unsere Anforderungen etwa hinsichtlich Arbeitsbedingungen und Entlohnung erfüllt werden. Zum einen überzeugen wir uns davon auch selbst regelmäßig vor Ort. Zum anderen muss uns jeder Partner von sich aus detailliert Auskunft darüber geben, was bereits gewährleistet ist und wo noch nachgebessert werden muss. Jeder mögliche Projektpartner wird von einem unabhängigen Gremium, dem Projektpartnerausschuss, genau überprüft.

oeko-fair.de: Wo sieht EL PUENTE den meisten Veränderungsbedarf bei den geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten, nach denen die Weltwirtschaft heute funktioniert?

Palm: Da gibt es sicherlich einige Themen, die allgemein präsent sind und auch uns beschäftigen, wie die Subventionsproblematik. Stattdessen gebe ich ein Beispiel für ein spezifischeres Thema: So ermutigen wir die Weltläden, sich neben anderen Forderungen auch dafür stark zu machen, dass in Deutschland die Verbrauchsteuer auf Kaffee abgeschafft wird. Seit in Europa Importsteuern verboten wurden, hat Deutschland die Importsteuer auf Kaffee einfach in eine Verbrauchsteuer umgewandelt, die auf die Veredelung, sprich die Röstung, erhoben wird. Sie wird wie die Mehrwertsteuer an den Verbraucher weitergerecht. Würde die Verbrauchsteuer wegfallen, würde das auch den über EL PUENTE in den Weltläden vertriebenen Kaffee konkurrenzfähiger machen. Wir machen ein Viertel unseres Umsatzes mit Kaffee, der fast ausschließlich in Deutschland geröstet wird. Ein steigender Absatz wäre damit für unseren Partnerschaftlichen Kaffeehandel ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor.

veröffentlicht am 18. Februar 2011

Foto: EL PUENTE

www.el-puente.de