Bedrohter Schlüsselorganismus: Bis zum letzten Krill?

Dr. Mathias TeschkeEin einzelner Antarktischer Krill ist klein, aber zusammen bringen es die in großen Schwärmen lebenden „Leuchtgarnelen“ auf eine gewaltige Biomasse. Nach vorsichtigen Schätzungen leben bis zu 150 Millionen Tonnen dieser Planktonorganismen in den Gewässern rund um den antarktischen Kontinent. Obwohl Krill überaus wichtig für das Leben im Ökosystem des Südlichen Ozeans ist und ein grundlegendes Verständnis der Biologie des Krills noch nicht erreicht ist, wird immer mehr Krill industriell gefangen. Der Meeresbiologe Mathias Teschke schloss 2004 seine Doktorarbeit über Krill ab und blieb dem Krebstier seitdem auf der Spur. Momentan erforscht er für die Charité und das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, wie Krill eigentlich tickt. Genauer gesagt untersucht er die Frage, ob Krill nach einer inneren Uhr lebt.

oeko-fair.de: Welche Bedeutung hat Krill für andere Lebewesen?

Mathias Teschke: Krill spielt eine zentrale Rolle im Nahrungsnetz des antarktischen marinen Ökosystems. Auf der einen Seite ernährt sich Krill hauptsächlich von einzelligen Algen, die durch Photosynthese Sonnenenergie in energiereiche organische Verbindungen umwandeln. Auf der anderen Seite stellt Krill die direkte Nahrungsgrundlage für die meisten im Ökosystem lebenden Säugetiere wie Wale, Robben, Pinguine aber auch für Seevögel oder Tintenfische dar. Krill nimmt somit im Ökosystem des Südozeans eine Schlüsselrolle ein, indem er die Primärproduktion der einzelligen Mikroalgen mit der Spitze der Nahrungskette verbindet.

Seine Bedeutung reicht aber noch weiter, weil Krill auch für die großen Stoffkreisläufe im antarktischen Ozean wichtig ist. Dabei ist Krill vor allem ein wichtiger Bestandteil der sogenannten biologische Kohlenstoffpumpe: Er frisst Mikroalgen, die im Zuge der Photosynthese Kohlenstoffdioxid fixiert haben, scheidet jedoch große Mengen an unverdauten Algen samt darin gebundenem CO2 wieder aus, die dann im Meer versinken. Weil Krill sehr große Mengen an Phytoplankton frisst, trägt er somit insgesamt wesentlich zum Transport von Kohlenstoff in die Tiefsee bei, wo dieser für mehrere hundert Jahre eingelagert wird. Auch für den Eisenzyklus ist Krill bedeutend. Weil Krill durch seine Ernährung große Mengen an Eisen aufnimmt und nach einer Weile wieder in den Ozean abgibt verlängert er die Aufenthaltszeit dieses wichtigen, aber im antarktischen Ozean äußerst knappen Nährstoffs in der oberen Wassersäule.

oeko-fair.de: Der Antarktische Krill ist besonders erfolgreich: Wahrscheinlich gibt es keine andere mehrzellige Tierart, die es auf mehr Biomasse bringt. Längst wurde Krill als Ressource entdeckt. Bei wem weckt er Begehrlichkeiten und warum?

Teschke: Derzeit boomen zwei große Bereiche, für die Krill als natürliche Ressource interessant ist. Einer davon sind Aquakulturen, die immer stärker florieren je mehr der Druck auf die natürlichen Fischressourcen zunimmt. Dadurch ist ein Riesenbedarf an Futter entstanden, der ständig größer wird. In Aquakulturen werden Meeresbewohner mit Meeresbewohnern gefüttert, vor allem in Form von Fischmehl und -öl. Inzwischen ist Krill als Fischfutter stark in den Fokus gerückt. Auf Lachsfarmen ist Krill als Futter besonders gefragt, da er einen natürlichen roten Pigment-Farbstoff enthält, das Astaxanthin, der das Lachsfleisch schön rot aussehen lässt. Von besonderem Interesse in der Fischernährung ist auch die Tatsache, dass Astaxanthin eine vitaminartige Wirkung hat und sich dadurch positiv auf die Fruchtbarkeit und die Immunabwehr der Fische in Zuchtanlagen auswirkt. Der zweite große Bereich ist die Verarbeitung von Krill durch die pharmazeutische Industrie zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Krill-Öl. Sie sieht es vor allem auf Omega-3-Fettsäuren ab, von denen Krill verhältnismäßig viele enthält. Krill ist auch begehrt, weil er schadstoffarm ist, da er in sehr sauberem Wasser heranwächst.

oeko-fair.de: Derzeit werden jährlich ungefähr 150.000 Tonnen von vielen Millionen Tonnen Krill gefangen, der in den Ozeanen lebt. Zu den Fangmengen gibt es geteilte Ansichten. Wie geht die Industrie momentan mit dem Thema um?

Teschke: Zunächst lässt sich festhalten, dass sich die Fangmengen zurzeit im legalen Bereich bewegen. Sie werden von der Kommission der CCAMLR (Anm.: Konvention zur Bewahrung der arktischen marinen Lebendressourcen) für verschiedene Regionen des Südlichen Ozeans festgelegt. So hat die CCAMLR beispielsweise für den Atlantischen Sektor des Südozeans, die sogenannte „Area 48“, aktuell eine maximale Fangmenge von 3, 47 Millionen Tonnen pro Jahr ausgeschrieben. In diesem Gebiet kommt Krill besonders oft vor und wird dort folglich auch besonders oft gefangen. Die offiziell erlaubte Fangmenge wird momentan nur zu etwa vier Prozent ausgeschöpft. Das ist das Hauptargument der Fischereiindustrie wenn diese, zum Beispiel vertreten durch das MSC (Anm. Marine Stewardship Council), auf eine nachhaltige Krillfischerei verweist.

Hübsch, nicht? Auge in Auge mit Krill. Foto: C. Pape oeko-fair.de: Wieso fürchten Forscher dann eine wachsende Krillfischerei?

Teschke: Der zunehmende Fischereidruck auf diese wichtige Schlüsselart ist eine große Problematik, die von Forschern differenzierter betrachtet wird als von der Fischereiindustrie: Erfahrungen mit Fischbeständen haben uns gelehrt, dass das alleine das Einhalten von Fangquoten Arten nicht immer davor schützt, bis an den Rand des Aussterbens ausgebeutet zu werden. Oftmals sind die starren Fangquoten nicht geeignet um die Biologie der entsprechenden Arten zu berücksichtigen oder um auf Umweltveränderungen einzugehen. Für Krill sind zum einen Befürchtungen berechtigt, dass die Fangmengen in nächster Zeit rasant wachsen werden. Norweger haben eine neue, effektivere Fangmethode entwickelt, bei der Krill nicht mehr mühsam mit Netzen aus dem Wasser gezogen, sondern nach Staubsaugerprinzip einfach in großen Mengen aufgesogen wird. Es ist zu befürchten, dass außer Norwegen zeitnah auch andere Fischereinationen wie China, Japan und Korea im großen Stil in den Krillfang einsteigen werden. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass Krill im besagten Gebiet „Area 48“ nicht gleichmäßig vorkommt. Damit einzelne Populationen nicht überlastet werden, muss ein engmaschigeres Raster gefunden und die Fangmenge feiner aufgeschlüsselt werden. Der wichtigste Punkt aber ist, dass nicht nur die Fischerei-Industrie Krill unter Druck setzt. Auch die Veränderung des globalen Klimas stellt ihn unter erheblichen Stress. Wir wissen noch nicht, wie Krill auf diesen synergetischen Druck reagiert. Aber diese größeren Zusammenhänge werden von der Fischindustrie ignoriert.

oeko-fair.de: Wie stressen die Klimaveränderungen im Südlichen Ozean den Krill?

Teschke: Unmittelbar wirkt sich die in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten in bestimmten Bereichen des Südlichen Ozeans um etwa vier Grad gestiegene mittlere Jahrestemperatur am meisten aus. Die winterliche Eisdecke ist dort, wo Krill am häufigsten vorkommt, massiv zurückgegangen. Das Eis ist sowohl in seiner maximalen winterlichen Ausdehnung weniger geworden als auch für kürzere Zeit da. Krill ist jedoch über weite Teile seines Lebenszyklusses auf das Meereis angewiesen. In den nährstoffarmen Wintermonaten weidet er Phytoplankton von der Eisunterseite ab und auch die Larven brauchen die Eisdecke, um durch den Winter zu kommen. Da immer weniger Larven überleben liegt die Vermutung nahe, dass der massive Rückgang der Krillpopulation direkt mit dem Schwinden der Meereisbedeckung zusammenhängt. Hinzu kommt, dass das Zurückweichen der Meereisbedeckung sowohl natürlichen Krillkonsumenten, als auch den Krill-Fangflotten den Zugang zu den Krillbeständen erleichtert.

oeko-fair.de: Ein wichtiger Auslöser des Klimawandels ist die steigende Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Atmosphäre und den Ozeanen. Kann die sich auch auf Krill auswirken?

Teschke: Eine steigende CO2-Konzentration im Wasser könnte Krill auf mehrere Arten schaden. Die Australian Antarctic Division fand in einem Experiment heraus, dass sich Krilllarven bei einer am Ende dieses Jahrhunderts in den Tiefen des Südlichen Ozeans zu erwartenden CO2-Konzentration unnormal entwickeln. Bei einem CO2-Gehalt, der in 300 Jahren vorherrschen könnte, schlüpften die Larven überhaupt nicht mehr. Zwar ist die Aussagekraft des Experiments begrenzt, aber man kann sagen, dass CO2 einen bedeutenden negativen Effekt auf die Entwicklung von Krill haben kann. Ein weiteres Problem ist, dass die Ozeane immer saurer werden je mehr CO2 sie aufnehmen. Kalzifizierenden Organismen wie Krill könnte es somit zunehmend schwerer fallen, ihr Außenskelett aufzubauen.

oeko-fair.de: Worauf können Verbraucher ganz konkret achten, wenn sie Krill schützen wollen?

Teschke: Sie sollten auf jeden Fall die Hände von Krill-Produkten lassen. Nebenbei gesagt sind deren angebliche Vorteile ohnehin zweifelhaft. Wer Krill-Öl kauft, muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit die Ausbeutung einer Art fördert, die schon jetzt unter hohem Druck steht.

oeko-fair.de: Krill ist ein teils noch unbekanntes, aber faszinierendes Wesen. So hat sich Antarktischer Krill als wahrer Hungerkünstler entpuppt – bis zu 200 Tage soll der wenige Zentimeter große Krebs ohne Nahrung auskommen können. So überbrückt er den südpolaren, lichtlosen und nahrungsarmen Winter. Gibt es dafür inzwischen eine Erklärung? Welche anderen wichtigen Fragen stellen sich Forscher über Krill?

Teschke: Generell ist die Frage interessant, wie es Krill schafft, durch den antarktischen Winter zu kommen. Inzwischen kennt man gewisse Mechanismen, die ihm dabei helfen. Zum einen fährt er seinen Stoffwechsel, die metabolische Aktivität, drastisch nach unten, nämlich bis um die Hälfte. Zum anderen stellt er sein Fressverhalten fast komplett um. Den Sommer verbringt er auf dem offenen Wasser und fängt umhertreibende Mikroalgen. Ganz anders im Winter. Da schabt er Futter von der Unterseite des Eises und erweitert seinen Speiszettel, indem er sich auch mal mit Zooplankton begnügt. Mit diesen Überwinterungsmechanismen ist vor allem die Frage verbunden, wie sie gesteuert werden: Besitzt Krill eine innere Uhr die den Verlauf der Jahreszeiten messen kann und es Krill somit ermöglicht sich auf die verändernden Umweltbedingungen einzustellen? Welche Umweltfaktoren stellen die Uhr im Verlauf der Jahreszeiten? Die Beantwortung dieser Fragen ist von essentieller Bedeutung um den Lebenszyklus dieser für das Ökosystem so wichtigen Art vollständig zu verstehen. Gleichzeitig wird damit auch die Grundlage geschaffen um den Einfluss natürlicher wie anthropogener Veränderungen auf die Krill Population besser abschätzen zu können.

veröffentlicht am 11. November 2010

Foto oben: Alfred-Wegener-Institut

Foto Mitte: Carsten Pape, Alfred-Wegener-Institut

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