"Raus aus der Nische des irgendwie Selbstgestrickten"

Michael Marwede von der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt über den Wettbewerb "Hauptstadt des Fairen Handels 2011", Kosten für Aktivitäten und den Unterschied zwischen ost- und westdeutschen Kommunen

oeko-fair.de: Mehr Städte denn je haben sich in diesem Jahr um den Titel „Hauptstadt des Fairen Handels 2011“ beworben. Wie erklären Sie sich das große Interesse?

Michael Marwede: Das Interesse ist in der Tat sehr groß. Wir haben in diesem Jahr über 800 Projekte begutachtet, vor zwei Jahren waren es ungefähr die Hälfte. Ich hoffe natürlich, dass diese Entwicklung anhält. Insgesamt ist das Thema Fairer Handel in den Kommunen inzwischen viel präsenter als in der Vergangenheit. Fairer Handel wird nicht mehr mit Häkelpullis in Verbindung gebracht, er ist raus aus der Nische des irgendwie Selbstgestrickten. Dementsprechend haben auch die zivilgesellschaftlichen Akteure, also Weltläden, Einzel- und Versandhändler an Selbstbewusstsein gewonnen.

oeko-fair.de: Es gab sehr unterschiedliche Bewerbungen: Große Städte wie Berlin konkurrierten mit Kleinstädten. Einige Städte haben sich vor allem um eine größer angelegte Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Fairer Handel bemüht, andere haben vor Ort ganz konkrete Ziele umgesetzt. Lassen sich so unterschiedliche Ansätze überhaupt miteinander vergleichen?

Marwede: Wir setzen immer die Größe der Städte und Kommunen ins Verhältnis zu der Zahl ihrer Akteure. So leistet eine Stadt mit 6000 Einwohnern, in denen 30 Akteure insgesamt 40 Projekte umsetzen, durchaus Beachtliches im Verhältnis zu einer Stadt mit 500.000 Einwohnern mit in etwa der gleichen Beteiligung. Es wäre ja auch fatal, wenn nur Millionenstädte den Preis gewinnen würden. Wichtig ist für die Auszeichnung vor allem, dass erkennbar ist, dass Kommunen und die Zivilgesellschaft etwas gemeinsam zum Thema Fairer Handel unternehmen. Wir schauen danach, ob sich diese Zusammenarbeit etabliert hat und ob es eine Dynamik gibt, durch die neue Ideen für die Zukunft entstehen.

oeko-fair.de: Städte und Gemeinden in Deutschland klagen immer wieder über ihre schwierige Finanzlage. Ist denn überhaupt genug Geld da, um neue Konzepte zum Fairen Handel einzuführen?

Marwede: Es bewerben sich durchaus auch Kommunen, die ihren Haushalt nicht mehr ausgleichen können. Viele Aktivitäten lassen sich annähernd kostenneutral umsetzen, wenn zum Beispiel die Stadt den zivilgesellschaftlichen Akteuren auf dem Markt kostenlos einen Stand zur Verfügung stellt, an dem sie für ihre Produkte und ihr Engagement werben können. Oder wenn sich der Bürgermeister mit fairen Bananen aufwiegen lässt, die dann zugunsten der Vereine verkauft werden. Das Interesse der Städte, etwas mit den Akteuren gemeinsam umzusetzen, ist gestiegen. Die Kosten kann man sich ja vielleicht dann auch teilen.

oeko-fair.de: Wie in den vergangenen Jahren haben sich auch diesmal verhältnismäßig wenige ostdeutsche Kommunen beworben. Wie kommt das? Und wie lässt sich das ändern?

Marwede: Viele ostdeutsche Kommunen halten sich für nicht so leistungsstark wie westdeutsche Kommunen. Wenn wir dann recherchieren und sagen, Ihre Idee, eine eigene Fair Trade-Kaffeemarke herauszubringen ist außergewöhnlich gut, da kommt nicht jeder drauf, dann sind sie manchmal ganz erstaunt. Wenn natürlich eine Stadt in den vergangenen Jahren die Hälfte ihrer Bevölkerung durch Abwanderung verloren hat und die, die geblieben sind, zu 60 Prozent auf Lohnergänzung angewiesen sind, dann ist diese natürlich mit ganz anderen Problemen beschäftigt. Dazu kommt auch noch, dass der Faire Handel im Westen Deutschlands eine 40 Jahre lange Tradition hat, während er sich im Osten erst langsam entwickeln muss.

oeko-fair.de: In zwei Jahren soll der nächste Wettbewerb stattfinden. Wird das Konzept das gleiche bleiben?

Marwede: Im Prinzip ja. Wir werden aber nur noch die Projekte einsammeln, die nicht älter als fünf Jahre sind. Daran lässt sich dann noch besser ablesen, ob das Thema Fairer Handel in den Städten verankert ist und sich weiterentwickelt. Insgesamt halten wir den Wettbewerb für eine gute und motivierende Sache, vor allem weil die teilnehmenden Kommunen die Möglichkeit haben, über Workshops und Fortbildungen miteinander über den Fairen Handel ins Gespräch zu kommen. Viele bewerben sich übrigens gerade aus diesem Grund – was mich sehr freut.

Die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt gehört zur Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und unterstützt Kommunen in allen Fragen der ihrer Entwicklungspolitik. Michael Marwede ist dort unter anderem zuständig für den Wettbewerb "Hauptstadt des Fairen Handels", den 2011 Bremen gewann.

veröffentlicht am 22. September 2011

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