"Öko-Anbau kann die Existenz von Millionen Kleinbauern sichern"

MP_08_2008_1Naturland ist mit über 50.000 Bauern weltweit einer der größten ökologischen Anbauverbände. Monika Pirkenseer ist dort zuständig für die internationale Öffentlichkeitsarbeit sowie für jene zu den Themen Aquakultur, Öko + Fair und Textil. Unter anderem betreut sie die aktuelle Kampagne „Öko + Fair ernährt mehr!“ von Naturland und Weltladen-Dachverband mit.

oeko-fair.de: Viele meinen, das Welternährungsproblem könne eher durch die Verbreitung von Agro-High-Tech als durch die Umstellung der Landwirtschaft auf den ökologischen Anbau gelöst werden, vielen gilt der Öko-Anbau als nicht leistungsfähig genug. Zu welchem Schluss ist die von Naturland und Weltladen-Dachverband in Auftrag gegebene Studie zum Thema gekommen?

Monika Pirkenseer: Die aktuelle Studie wurde gemeinsam von der Universität Kassel und dem Deutschen Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft DITSL erstellt und wertet diverse Untersuchungen der letzten Jahre zu diesem Thema aus. Sie belegt nicht nur die positiven Auswirkungen des Öko-Landbaus in Bezug auf soziale und umweltrelevante Aspekte, sondern auch in Hinsicht auf den erzielbaren Ertrag. Die Studie unterstreicht die Ergebnisse des Weltagrarberichts, dass die kleinbäuerliche nachhaltige Landwirtschaft weltweit großes Potential birgt. Bei Umstellung auf Öko-Anbau kommt es in tropischen und subtropischen Gebieten sogar zu Ertragssteigerungen. Außerdem steckt im Öko-Landbau enormes Entwicklungspotential, denn er bedeutet mehr als das Weglassen von Chemie und Kunstdünger. Denn Öko-Landbau zielt auf den Erhalt aller natürlichen Ressourcen, zum Beispiel der Böden. Durch Aufbau und Erhalt des Bodenlebens, weite Fruchtfolgen und einen Anbau, der die Artenvielfalt unterstützt, sind langfristig stabile Ökosysteme gewährleistet und ist eine nachhaltige Ernährungssicherung weltweit möglich.

oeko-fair.de: Nach wie vor wird die meiste Nahrung weltweit von kleinbäuerlichen Familien erzeugt. Warum ist der ökologische Anbau für Kleinbauern eine besonders geeignete Bewirtschaftungsform?

Pirkenseer: Im Öko-Landbau entstehen keine Kosten für Mineraldünger, Pestizide oder Saatgut, sogenannte externe Produktionsmittel. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die auf ökologische Landwirtschaft umgestiegen sind, erzielen zum Teil höhere Ernten und sind unabhängig von großen Dünge- und Saatgutfirmen. So tragen diese Anbaumethoden dazu bei, ohne ein hohes Schuldenrisiko oder die Verursachung von Umweltschäden Nahrungsmittel zu produzieren. Daher stellt die ökologische Landwirtschaft für Millionen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern die beste Methode dar, ihre Existenz dauerhaft zu sichern.

oeko-fair.de: Werden lokale Traditionen und indigenes Wissen bei der Umstellung auf die ökologische Landwirtschaft eingebunden, oder werden Öko-Anbaumethoden schablonenhaft übertragen?

Pirkenseer: Der Öko- Landbau knüpft an die jeweiligen traditionellen Bewirtschaftungsmethoden in ländlichen Gebieten an, wo drei Viertel der Armen weltweit leben. Um die Nahrungssicherung dort zu verbessern oder wiederherzustellen kommt zuerst der Selbstversorgung eine tragende Rolle zu. Primär wird versucht, die Bodenfruchtbarkeit mit ökologischen Anbaumethoden zu erhöhen. Dies schafft nach der Sicherung ausreichender Nahrungsmittel für die Selbstversorgung die Grundlage für eine Vermarktung überschüssiger Produkte. Sichergestellt wird dies durch die Beratung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in den Ländern des Südens und durch die Anwendung einfacher, moderner Techniken des Öko-Landbaus, die an die örtlichen Bedingungen angepasst sind.

oeko-fair.de: 70 Prozent der in die EU importierten Bio-Produkte werden laut Studie von Kleinbauern erzeugt, mit 43 Prozent hat Afrika den höchsten Produzentenanteil. Zugleich liegen nur 2,7 Prozent der ökologischen Anbaufläche, zertifiziert sogar nur 0,1 Prozent, auf dem afrikanischen Kontinent. Würden Kleinbauern von einer steigenden Bio-Nachfrage profitieren können oder würde diese eher größeren Betrieben zugute kommen?

Pirkenseer: Hier sollten die lokalen Produzenten eng zusammenarbeiten. Dadurch können die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern als Bewahrer und gleichzeitig Motoren einer praktikablen Entwicklung auftreten; beispielsweise in Kooperativen zusammengeschlossen oder als Vertragsanbauer für Exporteure. Darüber hinaus sind übergeordnete Organisationen wie Bauern- und Umweltverbände wichtig: Um Wissen auszutauschen, die eigenen Interessen zu vertreten, verlässliche Märkte zu erschließen und bessere Preisverhandlungen zu ermöglichen und somit letztlich von steigender Nachfrage zu profitieren. Zudem gewährleistet die Kombination von Öko und Fair beides: Umwelt- und soziale Standards eröffnen in ihrer Kombination ideal den Weg zu nachhaltigem Wirtschaften.

oeko-fair.de: Das Erscheinen der Studie leitete die zweijährige Kampagne „Fairen Handel und ökologischen Anbau stärken“ ein, die Naturland und Weltladen-Dachverband kürzlich gestartet haben. An wen richtet sich die Kampagne?

Pirkenseer: Wer sich um einen verantwortlichen Lebensstil bemüht, war bisher schon ökologisch und fair gehandelten Produkten zugetan, weil er durch den Kauf dieser Waren Kleinproduzentinnen und -produzenten dabei unterstützt, ein verlässliches, angemessenes Einkommen zu erwirtschaften und gleichzeitig möglichst schonend mit den natürlichen Ressourcen umzugehen. Diese wertvolle Basis an gut informierten, ethisch denkenden Kunden stark auszubauen und mittels gesteigerter Kunden-Nachfrage in der Gesellschaft zu verbreitern, ist ein Hauptziel der Kampagne. Das andere Ziel ist, die politischen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine gerechtere Welt ohne Raubbau an der Natur möglich ist. Gemeint sind beispielsweise Änderungen der nationalen und internationalen Politik, so dass die Bedürfnisse der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern stärker beachtet werden.

oeko-fair.de: Können Sie schon etwas verraten, das Sie in der Kampagne vorhaben?

Pirkenseer: So viel sei schon verraten: Dafür, dass die Botschaft "Öko + Fair ernährt mehr!" bei den zuständigen Bundespolitikern Ilse Aigner und Dirk Niebel verstärkt "ankommt", nutzt die Kampagne unter anderem eine Postkartenaktion, bei der möglichst viele Verbraucherinnen und Verbraucher mithelfen können, Druck auf die Politiker auszuüben.

veröffentlicht am 12. Januar 2010

Foto: Naturland

www.naturland.de