"Verbraucher registrieren, ob es ein Händler mit der Umweltfreundlichkeit ernst nimmt"

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat zum zweiten Mal Lebensmittelmärkte, die mit ihrem Warenangebot den Kauf von umweltfreundlichen Produkten in fördern, mit dem "grünen Einkaufskorb" ausgezeichnet. Olaf Tschimpke, Präsident des Nabu, über Vertriebsstrukturen, umweltfreundliche Verpackungen und das Verhältnis der Händler zu ihren Kunden.

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oeko-fair.de: Es haben sich in diesem Jahr doppelt so viele Einzelhändler beworben wie im vergangenen Jahr. Was, denken Sie, interessiert die Unternehmer an Ihrem Preis?

Olaf Tschimpke: Wir zeichnen mit unserem Preis „Grüner Einkaufskorb“ die Einzelhändler aus, die sich mit ihrem Warenangebot besonders umweltfreundlich aufgestellt haben. Um dies zu tun, müssen die Händler einige Anstrengungen investieren. Sie müssen sich informieren, wie das Sortiment nachhaltiger gestaltet werden kann und nach Lösungen suchen. Das kann in einigen Fällen die Auslistung von Produkten bedeuten, wenn beispielsweise bedrohte Fischarten nicht mehr verkauft werden. Oder Händler formulieren Einkaufskriterien zur artgerechten Tierhaltung  oder zu Verpackungen. Das alles verlangt zunächst einmal viel Engagement. Dass dies durch unseren Preis eine Würdigung findet, denke ich, motiviert viele Händler zur Teilnahme.

oeko-fair.de: Die meisten Einzelhändler gehören bestimmten Lebensmittelketten an. Sind die nicht abhängig von dem Sortiment, das ihnen geliefert wird? Daran lässt sich dann ja nicht viel verändern, oder?

Tschimpke: Das kommt auf die Unternehmensstruktur an. Es gibt Vertriebslinien, da wird der ganze Einkauf von der Zentrale aus vorgegeben. Wenn diese Struktur der Nachhaltigkeit verschrieben ist, kann dies auch große Vorteile haben. Wir haben dieses Jahr einen Darmstädter tegut-Markt in der Kategorie „Ketten“ ausgezeichnet. Die Einkaufkriterien dieses Filialisten sind beeindruckend. Auf der anderen Seite bedeutet eine von der Zentrale vorgegebene Listung auch immer der Verlust an Selbstbestimmung des einzelnen Händlers. Das hat oft zur Folge, dass es wenig regionale Produkte im Sortiment gibt.

"Das Engagement der Händler entlastet Verbraucher"

oeko-fair.de: Welche Resonanz bekommen die Einzelhändler von ihren Kunden? Wie reagieren die auf das Engagement der Filialen, was spiegeln Ihnen dazu die Unternehmer zurück?

Supermarktregal/Kunstart.net_pixelio.de

Tschimpke: Die Reaktionen waren bisher sehr positiv. Auch wenn Verbraucherinnen und Verbraucher im Detail nicht genau über alle Umwelt-Maßnahmen des Marktes Bescheid wissen, registrieren sie dennoch sehr genau, ob es ein Händler mit der Umweltfreundlichkeit ernst nimmt. Beispielsweise waren alle unsere Gewinner sehr aktiv in der Auswahl und Kommunikation von regionalen Produkten. Sie haben Erzeuger aus der Region auf Karten und Plakaten im Markt vorgestellt. Dies trifft auf sehr positive Resonanz. Das Engagement der Händler entlastet ja auch Verbraucherinnen und Verbraucher ungemein. Wenn sie darauf vertrauen können, dass die Produkte sorgfältig ausgewählt wurden, haben sie selber weniger Arbeit damit. Hier spielt die bequeme Erreichbarkeit und ein gutes Angebot eine große Rolle.

"Verbraucher wissen den Unterschied zwischen Pfandflasche und Mehrwegflasche nicht mehr"

oeko-fair.de: Den Sonderpreis für Vertriebslinien mit einem herausragenden Engagement für umweltfreundliche Getränkepackungen konnten Sie in diesem Jahr nicht vergeben. Grund dafür ist unter anderem, dass der Anteil ökologischer Verpackungen in den Sortimenten seit 2004 um 20 Prozent zurückgegangen ist. War das nicht von vornherein klar? Warum schreiben Sie dann überhaupt so einen Preis aus?

Tschimpke: Von vornherein klar war: Hier werden wir nicht den größten Ansturm an Bewerbungen bekommen. Wir haben ihn auch deshalb als Sonderpreis ausgeschrieben. Er soll eine Signalwirkung haben und zeigen, dass das Thema umweltfreundliche Getränkeverpackungen eine hohe Relevanz hat. Hier ist die Entwicklung nämlich fatal. Dadurch, dass Discounter beispielweise Mineralwasser nur noch in Einwegplastikflaschen führen und diese auch noch extrem billig verkaufen, ist der Anteil enorm gestiegen. Hier ist vor allem die Politik gefragt wirtschaftliche Anreize zu setzen. Wir haben schon vor drei Jahren einen Vorschlag auf den Tisch gelegt. Wir fordern eine Steuer auf das Verpackungsmaterial – je mehr Ressourcen für eine Verpackung verbraucht werden, desto höher fällt die Steuer aus. Umweltfreundliche Getränkeverpackungen wie Mehrwegsysteme und Getränkekartons würden dann automatisch wirtschaftlich interessanter. Und der Ansporn zu weiteren Verbesserungen bleibt dabei auch erhalten.

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oeko-fair.de: Die Mühlen der Politik mahlen bekanntlich oft sehr langsam. Bis ein neues Gesetz verabschiedet wird, kann noch viel Zeit vergehen. Können nicht Einzelhändler ihre Kunden besser über die Umwelttauglichkeit der verschiedenen Verpackungen informieren und sie so motivieren, zu den ökologischeren zu greifen?

Tschimpke: Dass der Einzelhandel mehr informiert, ist sinnvoll. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher wissen den Unterschied zwischen Pfandflasche und Mehrwegflasche nicht mehr, da das deutsche Pfandsystem jahrelang gleichzeitig für umweltfreundliche Verpackungen stand. Wir brauchen eine eindeutige Information und Kennzeichnung, das PET-Einwegflaschen, die mit 25 Cent bepfandet sind, keineswegs neu befüllt, sondern bestenfalls recycelt werden. Eine reine Informationskampagne wäre allerdings zu kurz gegriffen. In Discountern können Verbraucher ja gar keine Mehrwegflaschen kaufen – da nützt die beste Informationskampagne nichts.

veröffentlicht am 04. November 2011

Foto oben: Nabu

Foto Mitte: © Kunstart.net / PIXELIO

Foto unten: © BirgitH / PIXELIO

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