"Verschwinden wichtige Arten, können Systeme rasch kollabieren"

Reinhold_Leinfelder_huspektrum02

Prof. Dr. Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Prof. Dr. Reinhold Leinfelder wurde zudem von der Bundesregierung in den Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltänderungen berufen, wo er auch die Expertise des Naturkundemuseums insbesondere zur Biologischen Vielfalt und ihren Veränderungen einbringt.

oeko-fair.de: 17.000 der 45.000 Spezies, die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen, sind akut vom Aussterben bedroht. In welcher Gruppe von Lebewesen schwinden die meisten Arten?

Reinhold Leinfelder: Bei unseren nächsten Verwandten, den Primaten, ist mehr als jede vierte Art akut vom Aussterben bedroht. Besonders kritisch ist die Situation für viele Arten, die in flächenmäßig sehr begrenzten Lebensräumen leben. Das gilt für viele Übergangszonen, wie Mangroven oder Berg-, Regen- und Nebelwälder, aber auch für ozeanische Inseln oder isolierte Korallenriffe. Wir haben jedoch folgendes Problem: Bislang sind überhaupt nur von einem kleinen Teil aller bekannten Arten, insbesondere von Wirbeltieren und Blütenpflanzen, konkrete Daten über ihre Bedrohung verfügbar. Von der überwiegenden Mehrheit aller bekannten, also wissenschaftlich erfassten, Arten wissen wir über ihren tatsächlichen Zustand oder ihre Bedrohung meist noch gar nichts. Zum Beispiel kennen wir derzeit etwa eine Million Insektenarten, davon sind bisher aber nur 0,02 Prozent für Rote Listen erfasst. Dass wir nur von einem verschwindend kleinen Teil von Organismen Näheres über ihre Umweltansprüche und eventuelle Bedrohung wissen, gilt auch für andere Tiergruppen. Zu den insgesamt etwa zwei Millionen beschriebenen Organismenarten kommen möglicherweise zwischen zwei und 50 Millionen Arten, die wir momentan noch nicht einmal wissenschaftlich erfasst haben. Daher sind die vorliegenden Zahlen nur die Spitze des Eisbergs!

oeko-fair.de: Es gibt Arten, die Schlüsselrollen in Gemeinschaften von Lebewesen spielen. Wenn sie aussterben, sind ganze Ökosysteme in Gefahr. Gibt es Ökosysteme, die deshalb bedroht sind?

Leinfelder: Korallenriffe sind extrem durch Klimawandel, Überdüngung und Verschmutzung bedroht. Besonders geschädigt sind die karibischen Korallenriffe, die schon natürlicherweise aus viel weniger Korallenarten bestehen. Verschwinden hier die wenigen Hauptbaumeister der Korallenriffe, wie etwa Geweihkorallen oder die großen Hirnkorallen, kann das ganze System sehr rasch kollabieren und tut dies leider auch. Oder schauen wir auf Ameisen: Ameisen sind weltweit verbreitet und ihre Gesamtpopulation wird auf zehntausend Billionen Individuen geschätzt. Eine einzelne Ameise wiegt in der Regel nur ein bis fünf Milligramm, insgesamt wiegen alle lebenden Ameisen jedoch etwa ebensoviel wie die gesamte Menschheit. Viele Pflanzen sind von Ameisen abhängig, weil sie ihre Samen verbreiten. Wüstenböden würden ohne Ameisen hart und für andere Organismen völlig unbesiedelbar werden. Auch der Regenwald und andere Wälder würden ohne Ameisen verschwinden. Blattschneiderameisen eines Nestes graben in ihrer Lebenszeit 40 Tonnen Erde um. Bodenorganismen wie Milben und Fadenwürmer, aber auch Pilze hängen von Ameisen genauso ab wie viele Insekten, mit denen die Ameisen Symbiosen eingehen. Viele Ameisenarten sind auch Feinde Pflanzen fressender Insekten, deren Populationen ohne Ameisen explodieren würden. Sollten also, etwa aufgrund von umweltbedingten Krankheitsepidemien, alle Ameisen dieser Erde verschwinden, würden erst die Pflanzen aussterben, danach die Pflanzenfresser. Dem weltbekannten Ameisenforscher Bert Hölldobler nach gäbe es eine Umweltkatastrophe ungeahnten Ausmaßes, der Artenschwund würde sich rasant beschleunigen und die Landökosysteme würden in sich zusammenfallen. Obwohl viele Ameisenarten stark bedroht sind, gilt das derzeit nicht für alle der fast 10.000 Arten. Dieses Beispiel zeigt aber, auf welch ungeahnte Weise lebenswichtige Beziehungen zwischen den Organismen bestehen und wie rasch beim Ausfall eines wesentlichen ökologischen Glieds ganze Systeme kollabieren können.

oeko-fair.de: Einem großen Teil der natürlichen Ressourcen wird meist nur ein ideeller Wert beigemessen. Welchen realen Wert hat die biologische Vielfalt für das Wohl des Menschen?

Leinfelder: Die biologische Vielfalt hat bereits einen unermesslichen ideellen und gesellschaftlichen Wert an sich, denn sie sorgt dafür, dass wir uns auf diesem Planeten wohl fühlen. Jedoch ist es durchaus wichtig, auch den ökonomischen Wert zu bemessen. Das ist allerdings eine große Herausforderung, weil die Dienstleistungen und Güter, die wir durch funktionierende Ökosysteme erfahren, nicht gerade leicht in geldwerten Zahlen zu beziffern sind. Es geht um Dienste und Güter wie Bereitstellung von sauberem Wasser und sauberer Luft, Fruchtbarkeit des Bodens, Pufferung des Klimas, Verfügbarkeit von Nahrung, genetischen Ressourcen, Verwendung von Pflanzen als Bekleidungsfasern und Baumaterialien, Dienstleistungen durch Bestäuber und vieles mehr. Korallenriffe etwa sind als Kinderstuben von Fischen auch für den Hochseefischfang wesentlich, stellen fast unerschöpflich pharmazeutisch interessante Wirkstoffe zur Verfügung, bewirken natürlichen Küstenschutz und sind übrigens auch ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Tourismusindustrie, denn ohne Korallenriffe gäbe es auch keine tropischen Lagunen und viel weniger weiße Sandstrände. Schon in den späten 90er Jahren wurde die Summe der Ökosystemdienstleistungen allein von Korallenriffen mit etwa 375 Milliarden US-Dollar pro Jahr und für alle Ökosystemdienstleistungen global mit 33 Billionen US-Dollar pro Jahr beziffert. Derzeit versucht eine internationale Studie im Auftrag der Bundesregierung und der EU-Kommission, diesen Wert in differenzierter Weise neu zu berechnen. An den Zwischenergebnissen lässt sich bereits ablesen, dass der ökonomische Wert der Natur in vielen Bereichen enorm unterschätzt wird. Schon jetzt steht fest, dass es uns viel teurer kommen wird, wenn wir die biologische Vielfalt nicht erhalten, als wenn wir nun auch finanzielle Anstrengungen unternehmen, sie zu erhalten.

oeko-fair.de: Neue Arten entstehen stark vereinfacht ausgedrückt, wenn sich Lebewesen besser als andere an äußere Umstände anpassen. Unter anderen ist der Klimawandel eine Ursache für das Artensterben. Führt er aber nicht genauso dazu, dass neue Arten entstehen?

Leinfelder: Grundsätzlich gilt natürlich, dass das Aussterben von Arten auch wieder Platz für Neues schafft, dies ist für die Erdgeschichte sehr gut untersucht. Allerdings ist dabei die Geschwindigkeit der Klima- und Umweltveränderungen entscheidend. Schätzungen zufolge haben wir derzeit im Vergleich zu einem aus der Erdgeschichte bekannten, natürlichen Aussterben von Arten eine 100- bis 1000-fach erhöhte Geschwindigkeit des Aussterbens. Zwar setzt die Evolution auch heute direkt an: die Geschlechtsreife der Kabeljaue sowie der schottischen Schafe verändert sich hin zu kleineren Formen, und manche Korallen arbeiten nun mit temperaturresistenteren Algensymbionten zusammen. Allerdings bedeutet eine gewisse Veränderung und Anpassung von Arten im Verlaufe der Zeit noch keine Entstehung von neuen Arten, denn zur Aufspaltung von Populationen in mehrere Arten ändern sich unsere Umweltprozesse in der Regel einfach zu schnell. Deshalb müssen wir mit einem weiteren starken Schwund der biologischen Vielfalt sowohl auf der genetischen Ebene als auch bei den Artenzahlen rechnen müssen.

oeko-fair.de: Das Berliner Museum für Naturkunde ist bekannt für sein riesiges Saurierskelett. Teilen Sie die Ansicht, dass das Wirken des Menschen naturhistorisch gesehen ähnlich dramatische Folgen für das Artenreichtum hat wie der Meteoriteneinschlag für die Dinosaurier?

Leinfelder: Ja, es ist zu befürchten, dass es sogar noch dramatischer werden könnte als alles bisher Dagewesene. Geowissenschaftler zählen das Aussterben der Dinosaurier und vieler anderer Organismen vor 65 Millionen Jahren zu den so genannten „Big Five“, den fünf großen, katastrophalen, globalen Aussterbeereignissen. Wir können die aktuelle Umweltkrise durchaus als sechstes großes globales Aussterbeereignis bezeichnen. Dabei ist es auch kein Trost, dass die biologische Vielfalt nach den großen Aussterbeereignissen der Erdgeschichte immer wieder Höhenflüge erlebt hat. Zum Beispiel starben die tropischen Korallenriffe mehrfach in der Erdgeschichte aus oder wurden extrem dezimiert. Bis sie wieder zu alter Blüte gelangt waren, dauerte es aber Hunderttausende, ja Millionen von Jahren, in einem Fall sogar 140 Millionen Jahre. Darauf können wir nicht warten, die Erdgeschichte bietet hier für menschliche Maßstäbe also keinen Trost, sondern spricht statt dessen eine unmissverständliche Warnung aus.

oeko-fair.de: Am Naturkundemuseum erforschen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen die Evolution der Artenvielfalt. Wie tragen Ergebnisse daraus zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen bei?

Leinfelder: Viele unserer Beiträge haben mit unseren immensen, 30 Millionen Objekte umfassenden Sammlungen zu tun. Ich nenne drei Bereiche. Zum Ersten gehören unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur kleinen, aber sehr wichtigen Gruppe taxonomischer Experten, die Arten exakt bestimmen und neue Arten überhaupt erkennen und beschreiben können. Zum Zweiten sind wir an Monitoring-Projekten beteiligt, also an der Gesamterfassung der Biodiversität in definierten Regionen, aber auch global. Zum Beispiel muss man vor der Ausweisung neuer Naturschutzgebiete Wanderwege der Arten und ihre ökologischen Ansprüche genau untersuchen, was wir unter anderem in Afrika tun. Wir sind auch maßgeblich an der Überwachung des Zustands von Korallenriffen beteiligt und arbeiten im Reef Check-Monitoring-Programm auch mit Hobby-Sporttauchern eng zusammen. Außerdem entwickeln wir neue Monitoring-Methoden, etwa das automatisierte Erkennen von Artverteilungen über Tierstimmen. Zum Dritten erforschen wir das dynamische Verhalten von Ökosystemen. Dabei können wir dank unserer umfassenden Datenbanken abschätzen oder gar berechnen, wie stabil oder labil Ökosysteme und ihre Artverteilung in der Erdgeschichte auf Umweltstörungen reagierten. So verstehen wir auch die Dynamik von Ökosystemen und Artverteilungen unter menschlicher Nutzung besser. Ein konkretes Beispiel sei noch genannt. Wir beteiligen uns bei der Wiedereinsetzung der durch Wasserverschmutzung ausgestorbenen Elblachse durch den genetischen Vergleich zwischen am Museum befindlichen, in Alkohol konservierten Elblachsen mit heute lebenden Lachspopulationen. Schwedische Lachse erwiesen sich als nächste Verwandte und fühlen sich heute in der sauber gewordenen Elbe wieder zunehmend wohl.

oeko-fair.de: Wie machen Sie Ihre Ergebnisse bekannt?

Leinfelder: Unser Expertenwissen und unsere Forschungsergebnisse werden nicht nur wissenschaftlich publiziert. Wir informieren auch die Bevölkerung mit vielfältigen Aktivitäten wie Vortragsreihen, Diskussionsrunden, thematischen Abenden, allgemeinverständlichen Publikationen und natürlich Ausstellungen. Unsere Korallenriff-Sonderausstellung „abgetaucht“ wurde als Beitrag zum Internationalen Jahr des Riffes 2008 von uns erstellt und am Museum für Naturkunde gezeigt. Zur Zeit ist sie im Münchner Museum „Mensch und Natur“ zu sehen. Weiterhin arbeiten wir nationalen und internationalen Umweltkonventionen zu, insbesondere der Konvention über die biologische Vielfalt. Natürlich diskutieren wir auch mit Parlamentariern und beteiligen uns an der Erarbeitung wissenschaftlicher Gutachten zur Beratung der Politik.

veröffentlicht am 13. August 2009

Foto: Museum für Naturkunde Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung

www.naturkundemuseum-berlin.de