"Bei unseren Betrieben gibt es keine Kinderarbeit"

Saskia Stohrer

Schwer wiegen soziale Probleme in Natursteinbrüchen in Entwicklungs- und Schwellenländern, die vor allem in Indien und China liegen: körperliche Ausbeutung, geringer Lohn, schlechter Arbeitsschutz, fehlende Absicherung und Perspektiven, wenn die Gesundheit schon in jungen Jahren ruiniert wurde. Als besonders bedrückend wird dabei empfunden, dass auch Kinder in Steinbrüchen schuften. Dort werden die Mindeststandards der internationalen Arbeitsorganisation ILO nicht eingehalten, die unter anderem Zwangsarbeit und ausbeuterische Kinderarbeit verbieten. WiN = WiN, Agentur für globale Verantwortung, sorgt mit dem Fair-Stone-Siegel dafür, dass verantwortlich hergestellte Steine bei uns verfügbar sind. Saskia Stohrer engagiert sich seit zwei Jahren bei WiN = WiN unter anderem für einen gerechteren Handel mit Natursteinen.

oeko-fair.de: Welche Probleme bei der Förderung von Natursteinen sehen Sie als besonders gravierend an?

Saskia Stohrer: Der Abbau und die Verarbeitung von Naturstein sind nicht ungefährlich. Schutzkleidung, wie Augen-, Gehör- und Staubschutz, sind unverzichtbar. In Asien müssen die Beschäftigten meist genötigt werden, sich entsprechend zu schützen. Prävention ist dort nicht selbstverständlich, sondern verlangt mühevolle Überzeugungsarbeit. Die Sensibilisierung der Arbeiter spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. In bestimmten Regionen in Indien spielen zudem Kinder- und Zwangsarbeit, Niedrigstlöhne sowie massive Schädigung der Umwelt eine große Rolle.

oeko-fair.de: Mit welchem Ansatz will WiN = WiN für mehr Fairness sorgen?

Stohrer: WiN=WiN GmbH, Agentur für globale Verantwortung, hat zusammen mit internationalen Fachexperten den Umwelt- und Sozialstandard, Fair Stone, entwickelt. Ziel ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen und weiterverarbeitenden Fabriken in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wir wollen durch weltweite Zusammenarbeit die soziale Sicherheit im Natursteinsektor insbesondere auf dem Gebiet der Prävention zu fördern und zu verbessern. Durch die Definition von Richtlinien, die Erarbeitung von Empfehlungen und die Verbreitung bewährter Lösungen und Verfahren unterstützt Fair Stone in enger Zusammenarbeit mit der Bergbau-Sektion der ISSA Mining, das ist die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit, Beschäftigte bei der Etablierung notwendiger Präventionsmaßnahmen. Die ILO Kernarbeitsnormen bilden einen fundamentalen Bestandteil des Standards. Richtlinien hinsichtlich Verträge, Arbeitszeiten, Entgelt, Versicherungen, Rechte der Arbeiter und Einhaltung der Menschenrechte werden berücksichtigt.
Eine schrittweise Umsetzung der Fair Stone Kriterien sorgt für einen verantwortungsvolleren Einkauf von Naturstein aus Übersee. Die Arbeiter werden geschult und sensibilisiert, Waren werden im Tracing Fair Stone System eingegeben, nur bestimmtes Material darf nach erster Erfüllung von Grundkriterien mit Fair Stone gekennzeichnet werden. Transparenz, Dialog und gegenseitiger Respekt sind bei der Arbeit unumgänglich.

oeko-fair.de: Wie wird gewährleistet, dass die Standards eingehalten werden?

Stohrer: Vor Ort unterstützen lokale Fair Stone Repräsentanten die Partner bei der Implementierung unserer Kriterien in den registrierten Betrieben, also in Steinbrüchen und Fabriken. Eine quartalsweise Berichterstattung, die schrittweise eingeführt wird, sowie unangemeldete Kontrollen, eine gute Kommunikation zwischen den Partnern sowie das System „Tracing Fair Stone“ sind erforderlich, um eine konstante Implementierung der Kriterien zu gewährleisten. Nach spätestens drei Jahren findet schließlich ein externes Audit statt.

oeko-fair.de: Manche finden, dass man einfach gar keine Natursteine aus Regionen kaufen soll, in denen nicht sichergestellt werden kann, dass ohne Kinderarbeit produziert wird. Wie geht WiN = WiN konkret mit dem Problem Kinderarbeit um?

Stohrer: Bei unseren Betrieben ist Kinder- und Zwangsarbeit strengstens untersagt und kommt auch nicht vor. In Indien ist das Problem der ausbeuterischen Kinderarbeit groß. Wir arbeiten nur mit unserem indischen Konsortium zusammen, in deren Lieferkette wir Kinder- und Zwangsarbeit ausschließen können. Kommen neue Partner für Indien auf uns zu, verweisen wir auf XertifiX, mit denen wir eine engere Zusammenarbeit und eine Gründung eines europäischen Dachsiegels anstreben.

oeko-fair.de: Grabsteine sind ein Verwendungszweck für Natursteine, der mit besonderen Emotionen verhaftet ist. Sind Grabsteine auch was Handelsmengen angeht von großer Bedeutung oder gibt es Verwendungsbereiche, die wichtiger sind?

Stohrer: Produkte für den öffentlichen Bereich, wie zum Beispiel Pflaster, Rasenkantensteine oder Bodenplatten im Straßenbau oder für Fassaden sind volumenmäßig viel wichtiger. Im Innenbereich, zum Beispiel für Arbeitsplatten in Küchen oder Duschtassen im Bad ist die Nachfrage noch sehr gering.

oeko-fair.de: Wie sehen Sie die Entwicklung der letzten Jahre bei der öffentlichen Beschaffung fair gehandelter Natursteine?

Stohrer: Die Vergaberechtsnovelle im April 2009 sowie verschiedene Bürgerinitiativen führten in einigen Städten und Kommunen Deutschlands zu einem Beschluss im Gemeinderat für eine faire, öffentliche Beschaffung. Meist wurde nur auf die ILO Kernarbeitsnorm 182 und 138 hingewiesen, während Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz sowie eine gerechte Entlohnung oft (noch) keine Rolle spielen.
Verglichen mit den europäischen Nachbarn wie zum Beispiel der Schweiz und skandinavischen Ländern hinkt Deutschland noch hinterher. Nichtsdestotrotz bleibt zu hoffen, dass der Markt für verantwortungsvoll gehandelten Naturstein weiter wächst und die Konsumenten zunehmend kritisch nach den Herstellungsbedingungen der Produkte fragen.

oeko-fair.de: Wo finden Verbraucher das Fair-Stone-Siegel?

Stohrer: Auf unserer Homepage ist eine Händlerliste angegeben. Dabei handelt es sich meist um Importbetriebe, die dann an kleinere Händler, wie zum Beispiel Steinmetzbetriebe liefern. Am besten fragt man direkt beim Händler nach, woher die Steine kommen und unter welchen Bedingungen sie verarbeitet worden sind. Selbstverständlich stehen wir auch für weitere Fragen und Anregungen bereit.

veröffentlicht am 01. Februar 2011

Foto: WiN=WiN

www.win--win.de