"Sommerschlussverkäufe sind ein Ausdruck von Verzweiflung"

Stefan Niethammer ist Mitgründer des T-Shirt-Labels "3freunde". Ein Gespräch über Bio-Baumwolle, faire Siegel und geschickte Produktionsplanung.

StefanNiethammer

oeko-fair.de: Herr Niethammer, Sie haben jetzt kurz Zeit für Werbung: Sagen Sie uns drei Gründe, weshalb jemand ein Shirt von Ihnen kaufen sollte.

Stefan Niethammer: Zum Glück sind wir nicht in einer Quizshow, sonst dürfte ich nicht länger als ein paar Sekunden reden. Also, der erste Grund ist ganz klar: Unsere Shirts sind von überragender Qualität. Die Basis dafür sind der faire Umgang und die Wertschätzung der Lieferanten, vor allem der Bauern, die die Baumwolle anbauen. Der zweite Grund, eines unserer Shirts zu kaufen, ist die transparente Wertschöpfungskette. Die Käufer können erkennen, wo die Sachen herkommen. Und als drittes arbeiten wir besonders nachhaltig. Wir verwenden ausschließlich Bio-Baumwolle, so dass weder die Träger der Shirts noch die Umwelt mit Schadstoffen belastet werden.

oeko-fair.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ökologische und soziale T-Shirts zu verkaufen?

Niethammer: Wir sind alle in der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg groß geworden. Wir haben damals schon unsere erste Siebdruckanlage gebaut und T-Shirts gestaltet. Ökologie und Gerechtigkeit sind bei den Pfadfindern wichtige Themen. Ich habe dann Betriebswirtschaftslehre studiert und mir dabei immer gesagt, dass ich die Welt einmal verändern will. Zum Ende des Studiums wurde ich dann Geschäftsführer einer Siebdruckerei.  So kamen der ökologische Anspruch und das T-Shirt letzten Endes zusammen. Und im Textilbereich arbeite ich jetzt seit acht Jahren.

oeko-fair.de: Was bedeutet eigentlich „ökologische T-Shirt-Produktion“?

Niethammer: Zum einen verzichten die Bauern vor Ort auf Pestizide und Dünger. Sie haben daher eine ganz andere Biodiversität auf den Feldern, da wächst auch noch anderes außer Baumwolle. Auf Baumwollfeldern aus konventionellem Anbau wächst erst drei Jahre nach der Umstellung auf Bio wieder etwas, so belastet ist der Boden. Im „normalen“ Anbau wird zwei Mal im Jahr Baumwolle geerntet. Bei Bio-Baumwollfeldern wird die Fruchtfolge eingehalten: Im ersten Jahr wächst da Baumwolle, im zweiten Jahr Nahrungsmittel, im dritten Jahr liegt das Feld brach.

oeko-fair.de: Es liegt brach? Und wer bezahlt den Leuten das?

Niethammer: Brach liegen heißt ja nicht, dass da nichts mehr wächst. Auf dem Klee oder dem Gras, das sich in diesem Jahr entwickelt, können die Bauern ihre Nutztiere weiden lassen. Das ist auch notwendig, denn der Kot der Tiere dient gleichzeitig wieder als Dünger für die Baumwollpflanzen im folgenden Jahr. Finanziert wird das Ganze über den höheren Preis für unsere Produkte.

oeko-fair.de: Was ist außer der Baumwolle noch ökologisch an Ihren T-Shirts?

T-Shirt-Lager_epSos.de_Flickr_CC_BY_2.0

Niethammer:  Dadurch, dass wir digital drucken, wird nur das gedruckt, was bestellt wird. Im klassischen Handel wird alles fertig vorproduziert und liegt dann auf Halde. Bis zu einem Drittel der Ware wird nicht verkauft und muss dann entsorgt werden. Für die Umwelt ist das höchst problematisch, denn die ohnehin sehr ressourcenintensive Baumwolle ist dann auch noch umsonst angebaut worden. Sommerschlussverkäufe sind letztendlich nur der Ausdruck der Verzweiflung, dass zu viel hergestellt wurde. Das passiert bei uns nicht.

oeko-fair.de: 22 Euro für ein T-Shirt sind nicht wenig. Einen Massenmarkt erreichen Sie so nicht.

Niethammer: Das müssen Sie immer in Relation sehen. Die Shirts von Marco Polo oder S. Oliver kosten auch 22 Euro. Tommy Hilfiger und Ralph Lauren sind sogar noch teurer. Die T-Shirts von Kik sind natürlich sehr viel billiger. Für das bio-faire Marktsegment sind unsere Produkte vergleichsweise günstig, weil wir keine Zwischenhändler haben, die ihren Anteil fordern. Wir stellen auch keinen Millionenetat für Werbung auf, bedrucken die T-Shirts aber in der Schweiz. Das ist Teil unserer Philosophie: Wir wollen eine optimale Druckqualität auf dem perfekten T-Shirt. Und eben nicht in Billiglohnländern Leute unter schlechten Bedingungen schuften lassen.

oeko-fair.de: Ihre T-Shirts sind Fairtrade-gesiegelt. Wie wichtig ist das Siegel für Ihre Glaubwürdigkeit?

Niethammer: Sehr wichtig! Unsere Waren werden von unabhängiger Seite zusätzlich geprüft. Die Käufer können sich also sicher sein, dass hinter unseren Aussagen Fakten stecken. Auf dem Markt gibt es ansonsten eine Menge Worthülsen, hinter denen nichts steht, die nicht nachprüfbar sind. Fairtrade ist das einzige unabhängige Siegel in diesem Bereich.

oeko-fair.de: Wie kontrollieren Sie die Herstellung und die Produktion?

Niethammer: Unsere Baumwolle wird in Nordindien angebaut und in Südindien verarbeitet. Wir haben dort einen Mann vor Ort, der die Qualität kontrolliert und den Kontakt zu uns hält. Einmal im Jahr fahre ich dort selbst hin.

oeko-fair.de: Wie sieht Ihr typischer Käufer aus?

Niethammer: Er ist zwischen 24 und 34 Jahren alt und zu etwa 60 Prozent weiblich und bestellt neben einem T-Shirt mit einem unserer Motive auch noch eines, dass sie selbst gestaltet hat. Vermutlich für ihren Mann oder Freund, denn auch viele Frauen bestellen Männer-T-Shirts.

oeko-fair.de: Diese Menschen werden auch einmal älter. Was tun Sie, um sie als Kunden zu halten?

Niethammer: Wir haben noch kein Sortiment für Leute, die sich eher gediegene Kleidung wünschen. Klassische Hemden führen wir nicht. Das liegt daran, dass bei uns ein Produkt verkauft wird, das auf breite Käuferschichten zielt, aber individualisierbar ist. Hemden und Blazer sind fast nicht mehr individualisierbar. Man müsste von ihnen immer eine kleine Menge lagern und dann vielleicht noch Stoff vorhalten, um auf Kundenanfragen reagieren zu können. Eine schnelle Lieferung ist aber nur per Luftfracht möglich, und dann haben wir wieder ein CO2-Problem. Insofern endet unsere Zielgruppe derzeit noch bei etwa 48 Jahren, so lange man eben T-Shirts anzieht. Wir schauen eher in die andere Richtung und planen, Kinderkleidung auf den Markt zu bringen.

oeko-fair.de: Können Sie sich auch Kooperationen mit großen Markenunternehmen vorstellen, die für Kampagnen T-Shirts benötigen?

Niethammer: Aber sicher. Wir kooperieren zum Beispiel mit einer Kaffeerösterei, die fair produzierten Kaffee verkauft und ihre T-Shirts bisher als Merchandise-Produkte selbst vertrieben haben. Weil der T-Shirt-Verkauf nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört, wickeln sie das jetzt über uns ab.

oeko-fair.de: Aber was ist mit Unternehmen, die für viele ökologisch und sozial interessierte Menschen ein Greuel sind, zum Beispiel McDonalds oder Coca Cola?

Niethammer: Wir haben keine Scheu vor diesen Firmen. Letztendlich hilft es ja nur den Bauern vor Ort, wenn wir so viele T-Shirts wie möglich verkaufen und damit konventionell produzierte Ware verdrängen. Wenn McDonalds sich jetzt zum Beispiel dazu entschließen würde, seine Arbeitskleidung fair und ökologisch herstellen zu lassen, dann wären wir sofort dabei. Wir haben auch schon Gespräche mit einzelnen großen Banken geführt. Insgesamt muss das Bewusstsein bei den Entscheidern aber erst noch geschaffen werden.

oeko-fair.de: Inwiefern?

Niethammer: Manchen fällt erst im Gespräch auf, dass sie keinerlei ökologisch-soziale Kompetenz vorweisen können. Ein ausdrücklich fair und ökologisch produziertes T-Shirt wäre daher eine Art „Greenwashing“, also das Vorspiegeln eines grünen Images ohne echten Inhalt. In diesen Verdacht möchten die Unternehmen nicht kommen. So ging es uns beispielsweise einmal mit einem Schokoladenhersteller. Er hat auf unsere T-Shirts verzichtet, weil er feststellte, dass er kein einziges fair gesiegeltes Produkt vorweisen konnte. Er hatte Sorge , dass unsere T-Shirts Fragen bei Kunden aufwerfen könnten.

Weitere Informationen zum Thema öko-faire Kleidung finden Sie in der Rubrik "Clever konsumieren/Kleiden & Schmücken"

veröffentlicht am 15. Juni 2012

Foto oben: 3freunde

Foto Mitte: epSos on Flickr (CC BY 2.0)

www.3freunde.de