"Greenwasher sollten sich warm anziehen"

Thomas Friemel, Chefredakteur des Nachhaltigkeits-Magazins "enorm", über Zielgruppen, Werbung und das Bedürfnis nach Information im digitalen Zeitalter

Thomas Friemel vor Wand1

oeko-fair.de: Bunte Magazine gibt es wie Sand am Meer und Anzeigen werden in Printmedien kaum noch geschaltet.  Woher nehmen Sie den Mut für eine neue Zeitschrift?

Thomas Friemel: Ja, ich weiß, das ist Wahnsinn. Doch wir vertrauen auf die gesellschaftliche Dynamik des Themas. Immer mehr Menschen richten ihr Handeln an ethischen Werten aus, egal ob sie Unternehmenslenker, Studenten oder Konsumenten sind. Und diese Menschen haben einen massiven Bedarf an Information und Orientierung. Genau dafür sind wir angetreten und die Auflagenzahlen bestätigen uns.

oeko-fair.de: Aber ist ein Magazin im Zeitalter von Facebook, Twitter, Spiegel-Online und tagesschau.de wirklich noch zeitgemäß?

Friemel: Das Internet ist gut für den schnellen Konsum von Informationen. Wir wollten aber etwas Ausgeruhtes machen. Etwas, das ein optisches und haptisches Erlebnis ist. Bei unseren Themen braucht man Zeit und Ruhe, schon allein, weil die Texte ein gewisse Länge haben. Unsere Vorstellung war, dass „enorm“ auf dem Couch-Tisch oder dem Sofa liegt und immer wieder darin gelesen wird. Das bestätigen uns übrigens auch unsere Leser. Sie haben uns gemeldet, dass das Heft sie über mehrere Wochen hinweg begleitet.

oeko-fair.de: Über Nachhaltigkeit zu berichten ist nicht einfach: Den einen sind Texte und Themen nicht radikal genug, die anderen beklagen, dass das Große und Ganze doch wichtiger ist als spitzfindige Kritik beispielsweise an Discountern wie Lidl oder Aldi. Wie gehen Sie damit um?

Friemel: In jedem Bereich gibt es eine Hardcore-Fraktion. Es gibt Leute, die denken, man müsste nur einen Schalter umlegen und dann wird die Welt besser. Aber so ist es nicht. Discounter wie Aldi oder Lidl beispielsweise sind ganz dicke Schiffe, die sich nur sehr langsam in Richtung Nachhaltigkeit drehen. Wir gehen an die Sache sehr journalistisch heran.

oeko-fair.de: Dürfen denn bei Ihnen alle werben? Auch Autokonzerne, Atomindustrie, Modeketten und Billigfleisch-Anbieter?

Friemel: Selbstverständlich! Alle dürfen bei uns inserieren. Wir sind ein vollwertiges Magazin und keine NGO. Allerdings zählen unsere Leser zur Speerspitze der ethischen Konsumenten. Insofern sollten sich Greenwasher warm anziehen. Davon mal abgesehen wäre hochwertiger Journalismus ohne Werbeerlöse nicht finanzierbar. Es sei denn, wir würden das Heft für 20 Euro statt 7,50 anbieten.

oeko-fair.de: Wie weit würden Sie Ihre Inhalte von Anzeigenkunden abhängig machen?

Friemel: Gar nicht! Wir sind ein unabhängiges Magazin und kein Lifestyle-Heft, bei dem das Konzept den Unternehmen angepasst wird. Wir hatten durchaus schon Anfragen, nach dem Motto: Was kostet es denn bei Ihnen, einen Artikel aus unserem Unternehmen zu platzieren? Natürlich ist es schwer, nicht nachzugeben, wenn man noch keine schwarzen Zahlen schreibt. Aber trotzdem: Nur über meine Leiche!

oeko-fair.de: 15 Prozent Ihres Abo-Preises wandern in die Startfinanzierung von Sozialunternehmen. Längst nicht alle sozialen Projekte oder Organisationen arbeiten verantwortungsbewusst oder auch nur sinnvoll, sondern eher, um sich selbst den Job zu sichern. Unterstützen Sie damit nicht diesen Wildwuchs?

Friemel: Wir fördern diejenigen Initiativen, die die Menschen aus der Bedürftigkeit herausholen und zeigen, dass im sozialen Bereich Entwicklung und Wertschöpfung möglich ist. Also die,  die soziale Probleme mit unternehmerischen Mitteln lösen. Mit der Hilfsindustrie, die immer mehr Menschen in die Bedürftigkeit quatscht, haben wir nichts zu tun.

veröffentlicht am 17. September 2012; Foto: enorm

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