Bio für jene mit mehr Zeit

hasenheideprojektaussSeit 1976 versorgt sich Tom Albrecht über die Kreuzberger Food Coop Bergmannstraße mit Lebensmitteln, wahrscheinlich länger als alle anderen Hauptstädter. Seine angestammte Lebensmittelkooperative zählt heute 43 Mitglieder, mehr sollen es wegen des notwendigen Vertrauens untereinander momentan auch nicht werden. Tom Albrecht, beruflich Umweltbeauftragter der Technischen Universität Berlin, engagiert sich außerdem im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft der Lebensmittelkooperativen e.V. Er schätzt, dass es bundesweit zwischen 300 und 400 Food Coops gibt.

oeko-fair.de: Normalerweise stammt nur ein Bruchteil des Warenangebots aus der Region, obwohl sich viele Verbraucher regional erzeugte Lebensmittel wünschen. Kann man sich über eine Lebensmittelkooperative mit Waren aus der Region versorgen?

Albrecht: Ja, wobei der Anspruch, sich komplett aus der Region zu ernähren, auch in einer Food Coop schwer zu verwirklichen sein wird. Weil eine Food Coop für einen relativ kleinen Kundenkreis sorgt, ist das Sortiment auf die Mitglieder zugeschnitten und man kann Schwerpunkte setzen. Soweit ich das beurteilen kann, bemühen sich Food Coops darum, Waren aus der Region zu beschaffen. Oft wird dabei der direkte Kontakt zum Erzeuger hergestellt, man fährt hin, spricht mit den Leuten, schaut selbst nach, ob zum Beispiel auf einer Streuobstplantage wirklich nicht gespritzt wird. So wird Vertrauen aufgebaut, was nicht nur an sich eine gute Sache ist, sondern was auch nicht-zertifizierten Bio-Lebensmitteln ins Sortiment der Food Coop verhilft, weil sich die Gruppe selbst vor Ort vom ökologischen Anbau überzeugt hat.

oeko-fair.de: Was macht eine Food Coop sonst noch aus?

Albrecht: Wie gesagt sind die Lebensmittel ökologisch erzeugt und meist günstiger als im normalen Geschäft. Wie der Name schon sagt, ist daneben das Soziale ein grundlegender Aspekt bei den Kooperativen. Food Coops leben vom sozialen Zusammenhang, werden in der Gruppe betrieben, die Arbeit wird gemeinsam getragen und geteilt. Ohne Vertrauen zueinander ginge das nicht, Vertrauen spielt eine sehr große Rolle. Bei unserer Food Coop hat jedes Mitglied einen Schlüssel zum Laden, um sich seine Lebensmittel jederzeit holen zu können, und rechnet den Einkauf auch selbst ab. Ebenso wichtig ist Kommunikation. Food Coops sind basisdemokratisch organisiert, so dass es häufig so ist, dass sich die Mitglieder wie bei uns vierteljährlich versammeln. Und auch beim alltäglichen Einkauf tauschen wir uns aus, geben uns viele praktische Tipps, beispielsweise, wie man ungewohnte Hülsenfrüchte gut zubereiten kann.

oeko-fair.de: Was begeistert Sie persönlich an der Food-Coop-Idee besonders?

Albrecht: Mir gefällt, dass man sich in einer Food Coop gemeinschaftlich um seine Nahrung kümmert. Dass es nicht alles jederzeit gibt wie im normalen Supermarkt stört mich schon aus dem einfachen Grund nicht, dass die Vorauswahl der Lebensmittel durch Leute getroffen wird, die man kennt und schätzt und die ähnliche Vorstellungen von guten Lebensmitteln haben wie man selbst. Weil ich auf die Sorgfalt der anderen vertrauen kann, kann ich mich darauf verlassen, dass das Sortiment zwar nicht breit, dafür aber verständig ausgewählt und letztendlich sehr gut ist.

oeko-fair.de: Wie steht es um Food Coops in Deutschland in Zeiten, in denen es praktisch an jeder Straßenecke Bio-Lebensmittel gibt?

Albrecht: Damit stellt sich für mich die Frage nach der Zielgruppe. Einfach gesagt sind Lebensmittelkooperativen eher für Menschen mit mehr Zeit als Geld geeignet, während Leute mit mehr Geld als Zeit eher im Bio-Supermarkt einkaufen. Eine Food Coop ist aber auch für alle interessant, die Gefallen an den erwähnten sozialen Elementen finden. Anders als bei Vollsortimentern kommt es bei uns eher mal vor, dass wir um der Nachhaltigkeit willen auf eine bestimmte Ware verzichten, was eben auch eine besondere Qualität von Food Coops ist. Die Mitglieder fühlen sich mitverantwortlich für das Angebot und hinterfragen Produkte deshalb stärker. Hin und wieder kommen auch Diskussionen auf, wie zum Beispiel darüber, ob Äpfel aus Neuseeland wirklich sein müssen. Inzwischen weiß man ja, dass die trotz des weiten Transportwegs paradoxerweise klimafreundlicher sein können als in Kühlhallen gelagerte Äpfel aus der Region. Über solche Fragen machen wir uns eben auch Gedanken.

oeko-fair.de: Die wohl bekannteste Food Coop heißt Park Slope und ist im Big Apple aktiv. Die mehr als 12.000 Mitglieder schätzen die Möglichkeit, in New York an gutes und vor allem günstiges Essen zu kommen: Die Preise sind bis zu 40 Prozent niedriger als in Geschäften. Kann man sich auch bei uns über eine Food Coop günstiger mit Biolebensmitteln versorgen?

Albrecht: Ja, es ist wesentlich günstiger über eine Lebensmittelkooperative einzukaufen. So kosten unsere Waren bis zu 50 Prozent weniger, man muss aber auch sagen, dass es bei manchen Produkten keinen Preisvorteil gibt, wie bei Milch. Vieles können wir günstiger anbieten, weil wir größere Mengen bestellen, von denen sich die Mitglieder dann so viel selbst abfüllen, wie sie brauchen. Die Mitglieder geben ihre Arbeitskraft unentgeltlich in die Gruppe. Wegen der Preise sind Food Coops so manchem gewerblichen Biohändler ein Dorn im Auge. Es kommt sogar vor, dass Großhändler von solchen Biohändlern mit der Forderung unter Druck gesetzt werden, uns teurer zu beliefern. So ein marktradikales Verhalten würden die wenigsten von Biohändlern erwarten. Unsere Food Coop verlangt die normalen Konditionen von den Großhändlern, wir verstecken uns auch nicht. Andere Food Coops hingegen fürchten, schlafende Hunde zu wecken und trauen sich deswegen erst gar nicht an die Öffentlichkeit.

oeko-fair.de: Falls es eine Lebensmittelkooperative in der Nachbarschaft gibt – wie findet man sie und kann man dort in der Regel einfach so mitmachen?

Albrecht: Im Internet gibt es eine Art Wikipedia für Food Coops in Deutschland, die Foodcoopedia. Die fungiert unter anderem auch als Adressliste, in die sich Lebensmittelkooperativen eintragen können. Auf der Webseite unserer Bundesarbeitsgemeinschaft www.lebensmittelkooperativen.de findet man einen direkten Link zur Foodcoopedia. Die Bedingungen dafür, in eine Food Coop aufgenommen zu werden, sind unterschiedlich, da muss man sich direkt bei einer Gruppe erkundigen. Wie gesagt ist das Vertrauensverhältnis sehr wichtig, weshalb manche Kooperativen neue Mitglieder sogar nur auf Empfehlung aufnehmen. Bei anderen Food Coops wird eine Probezeit angesetzt, in der man sich kennenlernen kann.

veröffentlicht am 26. November 2009

Foto: Bundesarbeitsgemeinschaft der Lebensmittelkooperativen e. V.

www.lebensmittelkooperativen.de