Bolivien

Bolivien hat sich von einem Land im dauerhaften Putsch-Taumel zu einer vergleichsweise stabilen parlamentarischen Demokratie entwickelt, wenngleich es immer wieder Turbulenzen gibt: Im Oktober 2003 kam es zu Unruhen gegen die damalige Regierung um Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada, die eine neoliberale Wirtschaftspolitik verfolgte. Für großen Unmut sorgte der von Sánchez de Lozada beschlossene Ausverkauf der bolivianischen Erdgasvorkommen an US-amerikanische Konzerne. In der angespannten Stimmung führten geplante Sparmaßnahmen schließlich zu Protesten und Streiks, zumal mit dem eingesparten Geld der Forderung des Internationalen Währungsfonds nachgekommen werden sollte, die Auslandsschulden zu senken.
Als die Regierung das Militär gegen Demonstranten aufmarschieren ließ und bei den Zusammenstößen mit der Armee mindestens 60 Menschen starben, griff die Empörung auf bisher an den Protesten unbeteiligte Bevölkerungsgruppen über. 2003 setzte sich Sánchez de Lozada in die Vereinigten Staaten ab. Zwei Jahre darauf wurden er und 13 seiner früheren Minister von der Staatsanwaltschaft in La Paz wegen Völkermord angeklagt. 2008 beantragte Bolivien bei den USA die Auslieferung des ehemaligen Präsidenten.
Nach Sánchez de Lozadas Abgang ebbten die Unruhen in Bolivien nicht ab, bis für 2005 Neuwahlen angesetzt wurden. Aus der Wahl ging der Anführer der Kokabauern Evo Morales von der Sozialistischen Bewegung mit absoluter Mehrheit als neuer Präsident hervor. Morales ist das erste indigene Staatsoberhaupt Boliviens, obwohl 70 Prozent der Bevölkerung Indigenas sind. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasindustrie im Mai 2006.