Bolivien

Bolivien ist das mit Abstand ärmste Land Südamerikas, obwohl es reich an Bodenschätzen. Fast dreimal so groß wie die Bundesrepublik wird der Staat von nur 10,6 Millionen Menschen bewohnt. Die Bevölkerungsdichte ist damit so gering, dass man auf einem Quadratkilometer in Bolivien acht Einwohner treffen müsste, während es in Deutschland 230 Einwohner wären.
Althergebrachte Maßnahmen gegen die Wirtschaftsflaute versagten in Bolivien: Seit Mitte der 80er Jahre öffnete man bolivianische Märkte immer weiter nach außen, was der mehrheitlich indigenen Bevölkerung schwer zu schaffen machte. Viele von ihnen arbeiteten in staatlichen Bergbaubetrieben. Als diese privatisiert wurden, verloren zahlreiche Mineros ihre Arbeit und verarmten mit ihren Familien. Auf dem Land gelten acht von zehn Menschen als arm und jeder zweite Bolivianer kann weder lesen noch schreiben. In Bolivien leben vor allem im Hochland viele Bauern als Selbstversorger von dem, was ihr Feld hergibt. Ein völlig anderes Bild bietet sich im Tiefland: Dort werden die Böden vielfach von Großbetrieben mit schweren Maschinen beackert. Das Landeigentum ist in Bolivien zum Nachteil der indigenen Einwohner sehr ungleich verteilt.
 
Wegen der ökonomischen Missstände wuchs die bolivianische Schattenwirtschaft dramatisch und nach wie vor trägt der Coca-Anbau bedeutend zum Volkseinkommen bei. Allerdings werden Cocablätter nicht nur zu Kokain verarbeitet, sondern in den Anden gern gekaut oder als anregender Tee genossen. Seit mehr als 4.000 Jahren gehört die Pflanze zur Kultur der Hochlandvölker in Peru, wo Coca-Maté das Nationalgetränk ist, Ecuador und Bolivien: angefangen von Frauen, die Coca während der Geburt ihres Kindes kauen bis hin zu Verstorbenen, denen eine kleine Menge Coca mit in den Sarg gelegt wird, ist das Blatt Teil aller Lebensphasen.  

Ungeachtet der enormen regionalen Bedeutung von Coca übten die USA massiven Druck auf Bolivien aus, den Kleinbauern den Anbau des Mittels zu verbieten. Alternativen, die das gleiche Einkommen einbrächten, wurden den indigenen Bauern jedoch nicht aufgezeigt und es kam zu starken sozialen Spannungen,   Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen. Die Empörung darüber, dass die Coca-Bauern plötzlich wie Kriminelle behandelt wurden, förderte den "Antiamerikanismus" in der Landbevölkerung.

Silberminen
Am bolivianischen Potosi, der mit 4080 Metern höchstgelegenen Stadt der Welt, erhebt sich der Cerro Rico, der wohl bekannteste "Silberberg". Bereits nach der Ankunft der Spanier begann die Ausbeutung der seiner Silbervorkommen und im 17. Jahrhundert war Potosi die größte Stadt Amerikas und größer als das damalige Paris oder London. Der einstige Glanz Potosis ist längst erloschen, nur für die Minenarbeiter blieb fast alles beim alten: ihre Arbeitsbedingungen waren schon damals schlecht und sind es auch heute. Ihre besten Zeiten erlebten sie, als die Minen vom Staat geführt wurden und es viele Vergünstigungen für die Arbeiter gab, wie Schulen, eine Siedlung, Krankenversicherung und angemessene Ausrüstungen.

Seit dem Zusammenbruch des Staatsbetriebs und der Privatisierung ging es rapide bergab: Seitdem ist Muskelkraft billiger als der Betrieb von Presslufthämmern und wer Minero blieb, schürfte fortan wieder unter Bedingungen des 19. Jahrhunderts. Obwohl Kinderarbeit in Bolivien verboten ist, sind viele Minderjährige unter den bis zu 8.000 zumeist indigenen Mineros, die täglich in den unzähligen Eingängen des Berges verschwinden. Sie holen auch die letzten Spuren von Silber und Zinn aus dem Inneren des "Roten Riesen". Nach hunderten Jahren Ausbeutung ist der Cerro Rico von leidlich gesicherten Schächten durchlöchert und häufig stürzen Teile ein. Helme, Atemschutzmasken oder festes Schuhwerk sind für viele ein unerschwinglicher Luxus. Gegen Angst, Hunger, Schmerzen und Erschöpfung kauen die Mineros bis zu ein Kilo Cocablätter am Tag. Obwohl regelmäßig Arbeiter verschüttet werden oder an giftigen Gasen sterben, kommt der Tod für die meisten jedoch als Krankheit: Im Schnitt dauert es zehn Jahre bis Mineros unter einer Staublunge leiden. Bolivianische Minenarbeiter müssen damit rechnen, nur 30 Jahre alt zu werden.