Schatzkammern der Artenvielfalt

Arme Länder sind reich an Lebensformen: Etwa neun von zehn aller bekannten Organismen sind in Regionen heimisch, die in Entwicklungsländern liegen. Gegenden, in denen sich besonders viele Arten drängen, werden biologische Hotspots genannt. Meist handelt es sich dabei um tropische Regenwälder oder Korallenriffe in Mittel- und Südamerika, Südostasien und im südlichen Afrika. Ganz Kolumbien gilt beispielsweise als biologischer Hotspot: Als eines der artenreichsten Länder der Welt beherbergt es etwa achtmal so viele Lebensformen als Deutschland. Je unzugänglicher lebensfreundliche Gegenden sind, desto mehr „endemische Arten“ sind dort heimisch. So werden Spezies genannt, die es nur in diesem Gebiet und sonst nirgendwo auf der Erde gibt. Auf besonders viele weltweit einmalige Arten stößt man zum Beispiel auf Inseln, in Seen, an Korallenriffen oder in von Bergen umschlossenen Tälern.

Hotspots sind nicht nur reich gefüllte Schatzkisten für Naturkundler. Sie sind auch ein Dorado für Entdecker im Auftrag von Unternehmen aus Biochemie, Pharmazie, Biotechnologie oder Bionik. Ansässig sind die meisten dieser Firmen in den Industrieländern, wo neben Unternehmen auch Verbraucher von den auf natürlichen Stoffen von der Südhalbkugel basierenden Neuerungen profitieren. Weil arme Länder kaum an den Profiten beteiligt werden obwohl sie vielfach die natürlichen Grundlagen dafür bereitstellen, werden ihnen finanzielle Anreize vorenthalten, ihre Biodiversität zu schützen.

Beispiel Mekong-Delta

Im biologischen Hotspot Mekong-Delta werden praktisch ständig neue Lebensformen entdeckt. Die Umweltorganisation WWF meldete, dass allein 2008 im Einzugsgebiet des unteren Mekong 163 neue Tier- und Pflanzenarten gefunden wurden, darunter so spektakuläre Wesen wie ein vogelfressender Frosch mit Fangzähnen und ein Leoparden-Gecko mit Fleckmuster und orangefarbenen Katzenaugen. Gerade jene Arten, die an kleinere Biotope innerhalb des Deltas angepasst sind und räumlich nicht ausweichen können, sind auch im Mekong-Delta durch Umweltzerstörung bedroht. Mit 4.000 Kilometern Länge hat der Mekong-Strom gewaltige Ausmaße, aber was die Unberührtheit der Natur seines Einzugsgebietes betrifft täuscht die Weitläufigkeit: Nur noch rund fünf Prozent der Mekong-Region bewerten Umweltschützer als intakt. Flussverbauungen, Waldvernichtung, Bergbau und die Zerstückelung der Landschaft durch Infrastruktur sind neben Staudämmen Ursachen für das Artensterben am und im Mekong. Allein mehr als 240 große Staudämme, die sich verheerend auf wandernde Fischarten auswirken, wurden in der Region bereits gebaut oder sollen zeitnah errichtet werden. Auch der Klimawandel macht der lebendigen Vielfalt in der Mekong-Region zu schaffen durch höhere Temperaturen, sich verknappendes Süßwasser, mehr Dürren und Überschwemmungen.