Indien: Armer Gigant

Nach der chinesischen ist die indische Wirtschaftsleistung die weltweit am stärksten wachsende. Längst gehört Indien daher zur Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften der Erde, den G 20. Hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens und der sozialen Infrastruktur aber, ist der südasiatische Riese nach wie vor ein Entwicklungsland. Dabei kamen im Jahr 2008 vier der zehn reichsten Menschen der Erde aus Indien, das so viele Millionäre und Milliardäre beheimatet wie kein anderes Land der Welt. Doch zugleich leben weit über 50 % der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag, mehr als die Hälfte von ihnen (derzeit etwa 28 % der Gesamtbevölkerung) muss mit weniger als einem Dollar täglich auskommen. Zum Vergleich: Im Oktober 2009 entspricht 1 US-Dollar etwa 46 Indischen Rupien; eine Liter-Flasche Wasser wird für 10 – 12 Rupien verkauft.

Es sind die schiere Größe des Landes und die besonderen Entwicklungen in bestimmten Wirtschaftsbereichen, die das enorme Wirtschaftswachstum begründen: Den größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat der Dienstleistungssektor, in dem ein Viertel der Beschäftigten Indiens arbeiten. In der Landwirtschaft, von der nach wie vor die Hälfte der Bevölkerung direkt abhängig ist, wird etwa ein Drittel des Nationaleinkommens erwirtschaftet. Landwirtschaftliche Produkte, vor allem Tee und Gewürze, haben auch am Export einen nicht unerheblichen Anteil, der größte Teil der Ernten und Erträge wird jedoch im Inland selbst verbraucht. Subsistenzwirtschaft, das heißt Landwirtschaft, deren Erträge gerade zur Versorgung der eigenen Familie reichen, ist weit verbreitet.

Zugleich gehört Indien zu den größten Kohle- und Eisenerzförderern der Welt, ist schon heute der weltgrößte Hersteller von Generika und ist in der Software-Entwicklung führend. In den indischen Unternehmen der Informationstechnologie arbeiten heute mehr Informatiker und Ingenieure als in der Hochburg der amerikanischen Software-und Elektronikindustrie, dem kalifornischen „Silicon Valley“. Unternehmen aus der indischen Stahl-, Telekommunikations- und Petrochemie-Branche gehören zu den größten der Welt. Auch deutsche Stahlunternehmen gehören beispielsweise dem international agierenden Stahlkonzern Mittal Steel Company. In der Weltraumforschung, der Rüstungsindustrie und in der Nukleartechnik nimmt Indien ebenfalls eine jeweils bedeutende Rolle ein. Dabei stehen schätzungsweise 92 % aller indischen Beschäftigten nicht in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis, haben also keinen Anspruch auf Krankenversicherung, Sozialleistungen oder Altersversorgung.

Nach wie vor kann die Hälfte aller erwachsenen Inderinnen weder lesen noch schreiben, insgesamt ist ein Drittel der Bevölkerung über 15 Jahre Analphabeten. Der Blick auf Leuchtturmindustrien und Wirtschaftswachstum reicht also keineswegs aus, um die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen die indische Bevölkerung lebt, zu erahnen.