Das Kastensystem

Wenn es um das komplexe Sozialgefüge Indiens geht, sprechen wir stets wie selbstverständlich von „Kasten“. Dabei geht diese Bezeichnung auf das portugiesische Wort für „rein/keusch“ (= casto) zurück, mit dem die portugiesischen Kaufleute auf das Verbot der Heirat zwischen Angehörigen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zur gegenseitigen Abgrenzung abstellten. Die Mittel und Gründe der Trennungen innerhalb der indischen Gesellschaft sind jedoch weit komplexer. Sie bestimmen bis heute über die Lebens- und Wirtschaftsbedingen von Millionen.

Indien etwa mit seiner uralten Zivilisation ist die Wiege vier großer Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus. Heute gehören etwas mehr als 80 % der Bevölkerung dem Hinduismus an, mit rund 13 % stellen Moslems die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe. Auch Christen, Sikhs, Buddhisten, Jains und Parsen stellen größere Gemeinden, die kleine jüdische Gemeinde des Milliarden-Staates war lange Zeit die einzige der Welt, die nicht verfolgt wurde.

Das indische Kastensystem ist ursprünglich ein soziales Gefüge unter Hindus, die glauben, dass jeder Mensch in eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe hineingeboren wird. Zentrale Kategorie für die Gruppen ist dabei die rituelle Reinheit. Der Mythos besagt, dass vier Gruppen von Menschen, so genannte Varnas, aus dem Ur-Menschen Purusha hervorgingen: Aus seinem Mund entsprangen die Brahmanen – sie stellen bis heute die Priester und Gelehrten. Aus der Schulter wurden die Kshatriya – zu denen Krieger und Beamte gezählt werden. Purushas Schenkel war dem Mythos nach der Ursprung der Vaishya – heute Händler, Kaufleute, Handwerker und Bauern. Aus seiner Fußsohle schließlich gingen die Angehörigen der niedrigsten Kaste, Shudra, hervor: Bedienstete wie Diener und Landarbeiter. Niedriger als die Shudras stehen noch die „Kastenlosen“, Menschen also, die keiner dieser vier Varnas angehören und als unrein gelten. Zu dieser Millionen Menschen umfassenden Gruppe gehören neben Hindus auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften. Ihnen sind die allgemein als schmutzig angesehenen Tätigkeiten und das Betteln vorbehalten. Weil ihre Berührung oder auch nur der Kontakt mit ihnen den Berührenden beschmutzen soll, werden sie auch „Unberührbare“ genannt.

Kennzeichnend für jede Kaste ist zum einen eine erbliche Arbeitsteilung, die Söhne übernehmen die Berufe der Väter. Desweiteren grenzt man sich von Angehörigen anderer Kasten dadurch ab, dass man nicht (oder nur unter bestimmten Bedingungen) mit ihnen gemeinsam isst und Heiraten untersagt. Die extremste Trennung ist dabei die der als besonders rein geltenden Brahmanen von den als unrein geltenden Unberührbaren. In den mittleren Kasten kommt es dagegen durchaus immer wieder auch zu Heiraten und auch Landgewinn, Gewinn an Bewässerungsmöglichkeiten oder eine veränderte politische Lage tragen zu Auf- und Abstiegen bei.

Zusätzlich zu den hinduistischen Varnas teilt sich die indische Gesellschaft in verschiedene „Jatis“. Dieser Begriff kann mit „Gattung“ oder „Wurzel“ übersetzt werden und wird generell zu Klassifikation verschiedener Einheiten verwendet. Auf die indische Gesellschaft bezogen, bezeichnet die unterschiedlichen, voneinander auf verschiedene Weise abgegrenzten gesellschaftlichen Gruppen. Während das System der Varnas in ganz Indien gleich ist, sind Jatis nach ihrem Namen, ihrer Anzahl und den sie umrankenden Mythen regional verschieden. Da die Mitglieder verschiedener Jatis meist auch einer der vier Varnas zugeordnet sind, sind die beiden Systeme dennoch eng miteinander verbunden.

Das Kastensystem prägt die gesamte indische Gesellschaft, allerdings regional in durchaus unterschiedlicher Ausprägung. In den Städten entsteht langsam eine kastenübergreifende Mittelschicht, nicht zuletzt weil immer mehr Berufe entstehen, die sich nicht in die althergebrachten Varnas einordnen oder gar vererben lassen. Auch die Praxis, die „Unberührbaren“ gänzlich von Kasten-Angehörigen zu trennen, ist hier kaum aufrecht zu erhalten. Auf dem Land sind dagegen die Strukturen tendenziell strenger und traditioneller.

Trotz aller Veränderungen bleiben den „Unberührbaren“ weiterhin die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe und des Aufstiegs verwehrt. Unter den extrem Armen und Analphabeten sind sie die größte Gruppe. Entgegen der indischen Gesetzeslage von religiösen Dienstleistungen, etwa bei Ritualen und Zeremonien, ausgeschlossen und dürfen vielfach nicht einmal die Tempel betreten. Entsprechend haben sie, die sich selbst „Dalit“, Unterdrückte, nennen, ihre eigenen Friseure, Priester usw. die die nötigen Dienstleistungen anbieten. Damit bilden die Dalit ein Sub-Kastensystem, aus dem durchaus ebenfalls Menschen ausgeschlossen werden.

Den Status, ohne gesellschaftliches Ansehen zu sein, teilen die Dalit mit einer weiteren Bevölkerungsgruppe außerhalb des Kastensystems, den Adivasi. Unter diesem Begriff werden die Millionen von Menschen zusammengefasst, die als Nachfahren der indischen Ureinwohner in anderen Strukturen, zum Teil als Nomaden, leben. Obgleich in einigen Landesteilen durchaus in der Mehrheit, werden sie in der Regel von den so genannten „Kasten-Indern“ wirtschaftlich ausgebeutet und unterdrückt.

Nach der indischen Verfassung und der Gesetzeslage sind zwar alle Menschen gleich anzusehen. Und die so genannte Reservierungspolitik, nach der in Universitäten, Parlamenten und allen anderen Bereichen des staatlichen öffentlichen Lebens jeweils Arbeits- und Ausbildungsplätze für Kastenlose reserviert sind, soll helfen, die Kastenschranken zu überwinden. Doch Indien-Experten weisen darauf hin, dass nicht staatliche Organisationen das Zusammenleben der Gesellschaft bestimmen sondern Strukturen wie Sippe, Familie und eben Kaste.