Zum Beispiel: Kunsthandwerk

Wer durch Weltläden bummelt oder das Sortiment der Fairhandels-Versandhäuser durchstöbert, kann die umfangreiche Auswahl von (kunst-) handwerklichen Produkten gar nicht übersehen: Musikinstrumente, Geschenkpapiere, Spielzeuge und vieles mehr machen einen Gutteil des Charmes der Angebots aus. Zwar kann das Fairtrade-Siegel bislang nicht an kunsthandwerkliche Produkte vergeben werden. Vertragliche Vereinbarungen mit anerkannten Fairhandelsorganisationen sichern den Produzenten aber dennoch faire Arbeits- und Handelsbedingungen.

So eine Partnerorganisation des Fairen Handels ist etwa der indische Verband für gerechte Vermarktung (EMA, Equitable Marketing Association), ein Zusammenschluss von Einzelproduzenten, Kooperativen und anderen Handwerkerorganisationen. Die verschiedenen EMA-Mitglieder fertigen unter anderem Tücher, Lederwaren, Kerzen, Räucherstäbchen und Musikinstrumente. Ein angeschlossenes Frauenprojekt ist der Ursprung von Stofftieren, Batiken und Püppchen aus Jute; während die erfahrenen Schnitzer einer Kooperative in Baishnabchak Skulpturen und andere Kunstgegenstände aus dem Horn des Wasserbüffels fertigen.

Die alternative Vermarktungs- und Exportorganisation ASHA, das auf deutsch „Hoffnung“ bedeutet, bereichert das Sortiment des Fairen Handels um Schmuck, Musikinstrumente sowie Kunst- und Alltagsgegenstände aus Holz, Metall, Keramik und Papier. Ein Drittel der insgesamt etwa 500 ASHA-Kunsthandwerker sind Frauen.

Viele der verschiedenen Handwerkerzusammenschlüsse verfolgen über die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder hinaus auch gesamtgesellschaftliche Zielsetzungen. Die Zusammenarbeit mit „Unberührbaren“ etwa oder Projekten, in denen sich behinderte oder Lepra-kranke Menschen zusammengeschlossen haben, geben Menschen Einkommen und Wertschätzung, die in der Regel außerhalb der indischen Gesellschaft stehen.

So verschafft etwa das Frauen-Projekt Assisi Garment Apparels in Südindien gezielt Mädchen und Frauen, die blind, taubstumm, lepra-krank oder anderweitig besonders benachteiligt sind, Schul- und Ausbildung eine Schul- und Ausbildung, mit de sie sich ein eigenständiges Berufsleben in der Textilbranche aufbauen können. Indien gehört, zusammen mit China und den USA, zu den wichtigsten Baumwoll-Produzenten der Welt. Assisi verarbeitet ausschließlich indische Bio-Baumwolle, die in indischen Betrieben zu Stoffen gewebt wurde. Auf diese Weise durchbricht das Projekt die sonst im Textilsektor übliche Aufteilung des Anbaus, der Weiter- und Endverarbeitung in verschiedenen Ländern. Etwa 300 Mitarbeiterinnen fertigen heute bei Assisi hochwertige Bio-Baumwoll-Textilien, von denen etwa ein Drittel über den Fairen Handel in alle Welt verkauft werden.

Auch Inner Reflection, eine Produzentengruppe im Süden Indiens, die der Handelsorganisation SIPA angeschlossen ist, ist für die Handwerker und die lokale Gemeinschaft mehr als nur ein Arbeitgeber, der überdurchschnittliche Löhne zahlt: An der Küste zum Indischen Ozean werden die Räucherstäbchen und –hütchen von Menschen hergestellt, die Opfer des verheerenden Tsunamis im Dezember 2006 wurden. Darüber hinaus liefert Inner Reflection Heimtextilien an den Fairen Handel, die mit einer besonderen, traditionellen Technik aufwändig bedruckt wurden. Die Könnerinnen des so genannten Kalamkari-Verfahrens drucken dabei das Muster mit verschiedenen Stempeln auf die Stoffe. Diese Technik erfordert eine Menge Können und Geschick, oft müssen für ein Muster verschiedene Stempel mehrfach auf dieselbe Stelle gedrückt werden.

Eine andere Art von Hilfe leistet die Gesellschaft zur Handwerksförderung (CDS, Crafts Development Society). Sie vertritt die Interessen der Holzhandwerker von Saharanpur im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Etwa vier Fünftel der Einwohner der kleinen Stadt stellen, oftmals seit vielen Generationen, Möbel, Dosen und Spielzeug aus Holz. Sie haben nicht nur mit dem Preisverfall für Holzprodukte zu kämpfen, der durch billige (Plastik-) Importe entsteht, sondern auch mit ihrer Abhängigkeit von lokalen Sägewerken und Zwischenhändlern. Die wenigen Sägewerke der Region bilden ein Kartell, das die Preise bestimmt. Die Vermarktung der Holzwaren an den nationalen und internationalen Handel liegt ebenfalls in den Händen nur weniger einflussreicher Familien. Die CDS organisiert Einkauf und Vermarktung selbst, so dass die Mitglieder für ihre Arbeit deutlich höhere Preise erzielen können. Zum Selbstverständnis der Organisation gehört auch, dass tropische Hölzer tabu sind und ausschließliche indische Hölzer (v.a. Sheesham und Haldoo) verarbeitet werden, deren Lieferanten sich zur Wiederaufforstung verpflichtet haben.

Auch in Bangladesch bieten die Partnerorganisationen des Fairen Handels ihren Mitgliedern und Angestellten deutlich bessere Lebensbedingungen: Sie haben neben einem verlässlichen Einkommen auch Zugang zu Gesundheitsversorgung, Kleinkrediten und Weiterbildungsmöglichkeiten. Zum Ausbildungsprogramm gehören oftmals neben dem Unterricht in Lesen und Schreiben auch die Vermittlung von Markt- und handwerklichen Kenntnissen sowie Schulungen zu Themen der Hygiene, Familienplanung, Gesundheit und Umwelt. Die regelmäßigen Einkommen und vielfach auch der Aufbau eines gemeinsamen Sparfonds innerhalb der Produzentenorganisationen erlauben Schulbildung für die Kinder und den Aufbau einer privaten Alters- und Krankheitsvorsorge. So hat es sich etwa die Vermarktungsorganisation USHA zur Aufgabe gemacht, traditionelle Handwerkskunst und ihre Techniken zu fördern, den Produkten einen Markt zu schaffen und vor allem Frauen (insbesondere Witwen, Geschiedenen, Alleinerziehenden) ein selbstbestimmtes, würdiges Leben zu ermöglichen.

Die USHA angeschlossenen Handwerker und Handwerkerinnen stellen unter anderem Keramik-Produkte, Kerzen, Papierwaren, Korb- und Lederwaren her. Etwas ganz besonderes sind die Produkte aus recyceltem Glas: Müllsammler liefern Unternehmen, die aus altem Glas neues entstehen lassen, nach Farben sortierte Glas-Bruchstücke. USHA ist Anteilseigener einer dieser Glas-Recycling-Firmen und hat für die die etwa 300 Frauen und Männer, die hier Altglas säubern und zermahlen, die Schmelzöfen bedienen oder an einem anderen Produktionsschritte arbeiten, die Arbeits- und Lebensbedingungen deutlich verbessert: Alle Arbeiter haben Anspruch auf Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Sie erhalten darüber hinaus Fortbildungen, um selbst Formen und Designs entwickeln zu können. Charakteristisch für die aus altem entstandenen neuen Glasgefäße, die hierzulande in Weltläden oder spezialisierten Versandhandel erhältlich sind, ist ihre aus Palmblättern geflochtene Manschette.

In Sri Lanka profitieren Kunsthandwerker von der Arbeit des Sri Lanka Handicrafts Board, SLHB. Die Organisation setzt sich für den Erhalt und die Förderung der vielfältigen traditionellen Handwerkskunst Sri Lankas ein, übernimmt die Qualitätskontrolle und die Vermarktung der Produkte im In- und Ausland und nimmt den angeschlossenen Handwerkern ihre Waren regelmäßig und zu verlässlichen Preisen ab.

Unter dem Dach des SLHB sind ganz unterschiedliche Handwerker versammelt. So ist Sri Lankas Kunsthandwerk unter anderem für seine Holz- und Schnitzarbeiten, insbesondere die geschnitzten „Teufelsmasken“ berühmt, mit deren Hilfe sich die Tänzer in rituellen und spirituellen Tänzen die Gestalt verschiedener Dämonen geben. Wie die Tänze selbst, so werden auch die Fertigkeiten sowie die Form- und Farbsprache zur Herstellung dieser Masken vom Vater an den Sohn weitergegeben. Sri Lankas Holzschnitzer stellen außerdem Spielzeuge wie etwa Puzzles oder Mobiles her, die mit ungiftigen, im Land hergestellten Kunstharzlacken bemalt werden. Während das Schnitzen traditionell Männersache ist, obliegt die Bemalung von Masken, Spielzeugen usw. den Frauen.

Wie die Masken haben auch Trommeln verschiedenen Aufbaus eine wichtige Funktion bei Festen und Riten. Sie werden traditionell von einer bestimmten Gruppe von Nomaden, den so genannten „Drum People“ gefertigt. Nach dem Willen der Regierung Sri Lankas sollen sie sesshaft werden – man wies ihnen dafür zwar Land und Häuser zu, nicht jedoch Flächen für die Landwirtschaft oder die Viehzucht. Sie leben vom Verkauf der Trommeln. Die Vermarktung über den SLHB unter anderem in den Fairen Handel sichert ihnen diese Einkommensquelle und hilft, ein Stückchen ihrer Kultur zu erhalten.

Auch außerhalb von USHA bewegt der Faire Handel einiges, so zum Beispiel in „Ralla“, einem Produktionszentrum für Textilien. Ralla bedeutet auf deutsch Welle, womit zum einen Wasserwellen aber auch Erneuerungsbewegungen gemeint sein können. Und die Doppeldeutigkeit ist Programm, denn der Betrieb, in dem hochwertige Taschen und Textilien hergestellt werden, entstand in Reaktion auf den Tsunami des Dezembers 2004, der auf Sri Lanka mehr als 31.000 Menschen tötete, Unzähligen Häuser und Besitz raubte und die Küstenregionen verwüstete. Wie viele andere Betriebe entstand auch Ralla mit Hilfe in- und ausländischer Unterstützung, um den Menschen einen geordneten Alltag, Arbeit und Perspektiven zu verschaffen. Das Textilunternehmen arbeitet nach den Richtlinien des Fairen Handels, bietet also seinen Angestellten überdurchschnittliche Bezahlung, Sicherheit, Aus- und Weiterbildung sowie qualifizierte Kinderbetreuung für die Frauen in der Ausbildung. Die eingesetzten Materialien stammen soweit möglich aus lokaler Produktion und ökologischer Erzeugung, vieles muss jedoch bisher noch aus dem Ausland zugekauft werden. Gemeinsam mit Stoffproduzenten aus Sri Lanka und Indien arbeitet Ralla derzeit an der Entwicklung hochwertiger Stoffe, die vollständig aus fairem Handel stammen.