Namibia: Der lange Weg in die Unabhängigkeit

Seit 1885 war das heutige Namibia drei Jahrzehnte eine Kolonie des Deutschen Kaiserreiches bis es im Ersten Weltkrieg von britisch-südafrikanischen Truppen besetzt wurde. Anschließend erteilte der Völkerbund der britischen Krone das Mandat für das Gebiet, die ihrerseits die Südafrikanische Union (seit 1962 Südafrika) mit seiner Verwaltung betraute. Nach Vorstellung der aus dem Völkerbund hervorgegangenen Vereinten Nationen sollte der Mandatsträger die Grundlagen für die Unabhängigkeit des betreuten Landes schaffen. Doch die Südafrikanische Union wollte mehr und betrachtete Namibia schon bald als eigene Provinz. Was bedeutete, dass auch dort mit großer Unterstützung der mehrheitlich deutschstämmigen weißen Minderheit die südafrikanischen Apartheidsgesetze eingeführt wurden.

Die Vereinten Nationen erkannten in der Machtausübung Südafrikas den Missbrauch des UN-Mandats für Namibia und entzogen es 1966. Doch die südafrikanische Regierung ignorierte diese Entscheidung jahrelang. Erst als der Internationale Gerichtshof urteilte, dass Namibia unrechtmäßig von Südafrika besetzt wird, begann ein diplomatisches Ringen um Wahlen in Namibia unter internationaler Aufsicht. Die Verhandlungen gerieten ab 1978 nachhaltig ins Stocken wegen des von südafrikanischen Truppen an namibischen Flüchtlingen verübten Massakers im angolanischen Camp Cassinga. Etwa 600 Menschen wurden dabei getötet, darunter viele Frauen, Kinder und Jugendliche. Erst nach jahrzehntelangem Befreiungskampf der SWAPO (South West African People’s Organization) und anderer Widerstandsbewegungen erlangte Namibia 1990 seine Unabhängigkeit. Die SWAPO galt den Vereinten Nationen bereits seit 1968 als rechtmäßige Vertretung des namibischen Volkes und erreichte bei den ersten Parlamentswahlen auch die absolute Mehrheit. Seitdem konnte sie jede Regierung Namibias stellen. Andere Parteien, die von den Wählern nicht mit der südafrikanischen Besetzung in Verbindung gebracht werden können, müssen sich erst noch festigen.

Zum Nachfolgestaat der einstigen Kolonialmacht, der Bundesrepublik Deutschland, unterhält Namibia heute ein gutes diplomatisches Verhältnis. Die bilateralen Beziehungen werden dort besonders von der etwa 20.000 Menschen zählenden, deutschsprachigen Minderheit gepflegt. Ein zentraler Punkt des bildungspolitischen Engagements Deutschlands in Namibia ist die Förderung der seit 100 Jahren bestehenden Deutschen Höheren Privatschule Windhoek, in der mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler aus Namibia, Deutschland und anderen Ländern zweisprachig unterrichtet werden.

Der Krieg der deutschen Kolonialtruppen gegen Herero und Nama

Im Juni 2004 gedachte der Bundestag erstmals den Opfern des Krieges, den das Deutsche Kaiserreich einhundert Jahre zuvor in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika gegen die Herero und Nama geführt hatte. Zunächst sollte mit den 1904 begonnenen Feldzügen ein Aufstand der Herero niedergeschlagen werden. Das nomadisch lebende Hirtenvolk war durch Rinderpest und Heuschreckenplage in arge Bedrängnis geraten, die sich durch den Verlust riesiger Weideflächen an deutsche Siedler noch steigerte. Zudem wurden die kolonialen Bestrebungen der Deutschen erst nach und nach für die Herero und Nama erkennbar und sie mussten befürchte, von den Deutschen enteignet und versklavt zu werden. Die verzweifelte Lage der Herero entlud sich in einem entschlossen geführten Aufstand, der erst nach acht Monaten von den deutschen Truppen niedergeschlagen werden konnte.

Doch der befehlshabende Generalleutnant Lothar von Trotha wollte sich nicht mit einem militärischen Sieg zufrieden geben, weil er damit sein ursprüngliches Ziel der „völligen Vernichtung der Aufständischen“ nicht erreicht hatte. Denn nach den letzten Gefechten am Waterberg war es den Herero gelungen, der Einkesselung durch die Deutschen zu entgehen, indem sie in die so gut wie wasserlose, nahe Omaheke-Wüste flohen, durch die sie ein britisches Protektorat erreichen wollten. Von Trotha wies daraufhin seine Männer an, die Flüchtlinge von den wenigen Wasserstellen zu verjagen und auch Frauen und Kinder immer wieder zurück in die Wüste zu treiben. Wie viele Herero deshalb zugrunde gingen ist unbekannt, da unklar ist, wie viele Herero es vor der rücksichtslosen Verfolgung durch von Trothas Truppen gab. Fest steht, dass im britischen Protektorat nur rund 1.000 Herero ankamen und einige tausend überlebten in Missionslagern und Gefangenschaft. Zumeist wird das menschenverachtende Vorgehen gegen die Herero aber als Völkermord eingestuft.

Im Oktober 1904 erhoben sich auch die Nama und Angehörige anderer Volksgruppen gegen die Deutschen. Erst 1908 wurden die letzten Aufstände erstickt und der Guerilla-Krieg im Süden beendet. Aber auch nach Ende der eigentlichen Kampfhandlungen starben noch viele Herero und Nama: Die kriegsgefangenen Männer und Frauen wurden in Konzentrationslagern festgehalten, in denen die Bedingungen so schlecht waren, dass nahezu jeder zweite Häftling verstarb.