Rassentrennung und Apartheid

Rassentrennung im südlichen Afrika

Die institutionalisierte Rassentrennung im südlichen Afrika begann schon lange vor der südafrikanischen Apartheid. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts war sie bereits so weit fortgeschritten, dass immer neue Gesetze die schwarze Mehrheit zum Vorteil der weißen Minderheit benachteiligten. Mögliche Berührungspunkte zwischen den „Rassen“ wurden schon in den ersten beiden Jahrzehnten drastisch reduziert. Unter anderem wurden Landgesetze verabschiedet, die es Schwarzen verboten, außerhalb festgelegter Gebiete Land zu kaufen oder zu mieten. Für sie waren Reservate vorgesehen, die in Südafrika jedoch gerade einmal knapp sieben Prozent der Landesfläche ausmachten. Später wurden diese Gebiete auf 13 Prozent nur unwesentlich vergrößert. Auch die Städte mussten nach Rassen getrennt bewohnt werden, Schwarze hatten in den am Stadtrand gelegenen „Townships“ zu leben. Auch im Berufsleben sollten Afrikaner schon früh keine gehobenen Aufgaben mehr übernehmen, weshalb es ihnen untersagt wurde, sich Ausbildungszeugnisse ausstellen zu lassen. Auch im Streikrecht wurden sie eingeschränkt. Die rassistischen Regeln griffen selbst in die Intimsphäre ein: Schwarzen und Weißen wurde außerehelicher Geschlechtsverkehr miteinander verboten.

Als die „National Party“ (Nationale Partei) 1948 in Südafrika die Regierung übernahm, standen die Grundpfeiler der institutionalisierten Rassentrennung bereits. Allerdings verschärfte sie die rassistischen Vorgaben und setzte ihre strenge Befolgung durch. Bei Parlamentswahlen durften nur Weiße abstimmen, die der Partei der rechtskonservativen Buren zu einem überwältigenden Wahlsieg verholfen hatten. Man geht davon aus, dass das rassistische Wahlergebnis eine Reaktion auf die sich verschärfenden Proteste in der schwarzen Bevölkerung gegen die zahlreichen Diskriminierungen war.

Apartheid

Die Nationale Partei war angetreten, um die Rassentrennung zum Staatsprinzip zu erheben. Sie prägte den Begriff der Apartheid und verankerte diese in der südafrikanischen Verfassung. Rigoros wurden die Gesetze und staatlichen Institutionen auf Rassentrennung getrimmt. Zu den ersten Opfern gehörten Weiße und Nichtweiße, die einander heiraten wollten: Ihre Ehen durften nicht mehr geschlossen werden. Später wurden auch bereits bestehende Mischehen aufgelöst. Jedem wurde zugemutet, sich in eine Rasse „kategorisieren“ lassen und der amtliche Befund wurde im Pass festgehalten. Die Willkür der Begutachter bekamen vor allem jene zu spüren, die entweder als „schwarz“ oder „farbig“ eingestuft werden sollten. In das Urteil konnten absurde Kriterien wie Bildungsgrad, Gewohnheiten oder Auftreten einfließen. Oftmals bedienten sich die Verantwortlichen auch skurriler Tests: Ob ein ins Haar gesteckter Stift beim Kopfschütteln herunterfiel oder nicht konnte über die Rassenzugehörigkeit entscheiden.

Im Alltag kündete ein ganzer Schilderwald von den rassistischen Restriktionen: Schwarze sollten in Verkehrsmitteln gesonderte Abteile benutzen, Krankenhäuser oder Banken über separate Eingänge betreten, durften öffentliche Parks nicht nutzen oder dieselben Toiletten und Strände wie Weiße. Unterweil wurde die räumliche Trennung der Rassen vorangetrieben: Auf dem Land mussten weitere Schwarze in „Homelands“ genannte Reservate umsiedeln und sich außerhalb dieser Gebiete stets mit einer Art Pass ausweisen können. Auf die Spitze getrieben wurde die Segregationspolitik 1970 mit dem „Bantu Homelands Citizenship Act“, der allen schwarzen Südafrikanern die Staatsbürgerschaft entzog und sie stattdessen zu Bürgern eines Reservats erklärte. Damit wurden sie zu Ausländern im eigenen Land, was der Regierung einen Vorwand für die millionenfache Ausbürgerung Schwarzer in eines der zehn Homelands gab. Die Reservate sollten nach und nach für unabhängig erklärt werden, womit sich die südafrikanische Regierung nebenbei der sich dort verschärfenden sozialen und ökonomischen Probleme entledigen wollte.

„Legaler“ politischer Protest wurde der schwarzen Bevölkerung schon früh unmöglich gemacht, weshalb sich Widerstandsbewegungen gründeten wie 1912 der „African National Congress“ (ANC). Ab den 60er Jahren führte der ANC Massenproteste und einen effektiven schwarzen Widerstand gegen die Apartheid an. Nach einem Verbot oppositioneller Gruppen musste die Bewegung ihre Aktivitäten in den Untergrund verlagern und setzte teilweise auf bewaffnete Aktionen, worauf der Staat mit weiterer Repression reagierte. In den 60er Jahren erhöhte das Regime den Druck auf Oppositionelle massiv, 1963 begann ein Prozess wegen Hochverrat gegen zehn ANC-Mitglieder, darunter Nelson Mandela, der wie die meisten der Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Seit den 70er Jahren gingen südafrikanische Truppen nicht mehr nur innerhalb eigener Grenzen gegen Regimegegner vor. Einsatzkommandos drangen beispielsweise in Botswana ein, um Oppositionelle aufzuspüren und zu töten. Später weitete Südafrika seine Aggressionen auch auf Nachbarländer aus und kämpfte direkt und indirekt (über die Unterstützung von Rebellenarmeen) gegen Apartheidsgegner in Angola, Namibia, Lesotho und Mosambik.

Das gesonderte, minderwertige Erziehungsprogramm für Schwarze war eine weitere schwerwiegende Benachteiligung, an der sich 1976 erstmals die Anspannung unter den Schwarzen heftig entlud. Eine weitere bildungspolitische Zumutung war der Anlass für tausende Schülerinnen und Schüler in den Siedlungen Sowetos auf die Straße zu gehen. Ordnungshüter schossen auf die Demonstranten, worauf sich eine Welle wütender Proteste ausbreitete. Insgesamt wurden 600 Menschen getötet. Den Unruhen begegnete das Apartheidsregime mit verschärfter Polizeigewalt. Mitte der 80er Jahre kam es in zahlreichen Townships unter der Losung „Macht die Städte unregierbar“ erneut zu schweren Ausschreitungen und die Regierung verhing den nationalen Ausnahmezustand. Innerhalb weniger Monate wurden mehr als 25.000 Menschen verhaftet.

Das Ende der Apartheid

Schon in 1980er Jahren sah sich die Nationale Partei gezwungen, die Politik der Rassentrennung zu lockern. Unter anderem wurden Mischehen wieder erlaubt und gemischtrassige politische Parteien. Asiaten und Farbige galten wieder als Bürger Südafrikas und durften sich in (von den Weißen abgetrennte) Parlamentskammern wählen lassen, Schwarze hingegen nicht.

Als sich die politische Großwetterlage zwischen Ost und West besserte, schwand unter den NATO-Staaten auch die Bereitschaft, die südafrikanische Apartheid zu dulden. Das langsame Aufweichen der rassistischen Politik vollzog sich wegen zahlreicher Probleme im Inland, aber auch auf internationale Ächtung hin. Südafrika wurde diplomatisch zunehmend isoliert und das Handelsembargo nagte trotz vieler Umgehungen an der Wirtschaft des Landes. Den darüber hinaus wegen des abgesackten Goldpreises schwindenden Einnahmen des Landes standen horrende Ausgaben für die Aufrechterhaltung der Apartheid gegenüber, die wegen der zahlreichen Unruhen explodiert waren.

Mit der 1990 beginnenden Präsidentschaft von Frederik Willem de Klerk, der auch der Nationalen Partei vorsaß, begann der Abbau der von ihm als gescheitert erklärten Apartheidspolitik. Das Verbot des ANC und anderer Organisationen wurde aufgehoben und ANC-Führer Nelson Mandela nach 27 Jahren aus der Haft entlassen. Vier Jahre danach fanden die ersten freien Wahlen in Südafrika statt, die im überwältigenden Sieg des ANC und der Präsidentschaft Nelson Mandelas mündeten.