Zucker

In einer unwirtlichen Gegend im Süden Malawis haben sich seit mehr als einem Jahrzehnt Zuckerrohrbauern schrittweise zur Kooperative Kasinthula zusammengeschlossen: Angeregt wurde ihre Gründung von einer privaten Zuckermühle und einem staatlichen Zuckerunternehmen, die damit mehr Land für die Zuckerproduktion erschließen wollten. Zugleich bot sich den ansässigen Subsistenzbauern damit die Aussicht auf ein besseres Einkommen. Die Lebensqualität der Zuckerbauernfamilien steigerte sich entschieden nach 2003, als die Kooperative Partnerin im Fairen Handel wurde. Etwa 30 Prozent des geernteten Zuckerrohrs wird fair gehandelt und zu braunem oder weißem Zucker verarbeitet, der von europäischen, britischen und US-amerikanischen Firmen gekauft wird.

Zuckerrohr zu ernten ist Präzisions- und Knochenarbeit: Bevor das Rohr geschlagen wird, wird das Feld kontrolliert niedergebrannt. Das Zuckerrohr übersteht das Feuer, muss aber innerhalb von 24 Stunden geerntet werden, sonst trocknet es ein. Wegen der begrenzten Zeit muss jeder Handgriff der körperlich sehr anstrengenden Ernte sitzen. Neben der kaum zu ertragenden Hitze kommt erschwerend hinzu, dass sich Bauern und Erntehelfer bei der Arbeit vor Schlangen in acht nehmen müssen und von Moskitos belästigt werden. Damit die Ernte zufriedenstellend verläuft, muss sie genau vorbereitet werden. Kasinthula übernimmt die logistische Planung und Organisation, bringt die Bauern und Arbeiter auf die Felder, verpflegt sie und sammelt das geschlagene Zuckerrohr ein, um es unverzüglich zur Zuckermühle zu fahren.

Mit den Prämien aus dem Fairen Handel wurden zuerst in jenen Dörfern Trinkwasser erschlossen, deren Bewohner sich Wasser noch aus einem Fluss holen mussten, in dem sich gefährlich viele Krokodile tummeln. Doch im Flusswasser lauern auch weniger offensichtliche Gefahren und viele Dorfbewohner erkrankten, nachdem sie es getrunken hatten. Bevor von den Fairtrade-Einnahmen Brunnen gebaut wurden, schafften die Frauen das Wasser mit Tonnen, die gefüllt manchmal mehr als 30 Kilo wogen, kilometerweit entweder vom Fluss oder aus einem Nachbardorf heran.

Die Sozialprämien ermöglichten es auch, Krankenstationen und -häuser in der Region mit Medikamenten gegen Malaria und Bilharziose zu versorgen. In Malawi sterben jährlich tausende Menschen an Malaria und sind die meisten Bewohner mit dem Bilharziose-Wurm infiziert, der vor allem Leber und Niere befällt. Die Kooperative kommt zudem für den Krankentransport von Malaria-Betroffenen und deren Behandlung auf sowie für die Medikamente. Aber auch bei der materiellen Bewältigung von Todesfällen greift die Kooperative ihren Mitgliedern und deren Familien unter die Arme.

Gelegentlich wird Malawi von langen Dürreperioden heimgesucht. Als 2005 eine der beiden jährlichen Regenzeiten ausblieb, kam es zu einer Hungersnot. Damals wurde die Prämie aus dem Fairen Handel schnell und unbürokratisch ausgezahlt und nicht in Projekte gesteckt, sondern als Nothilfe direkt an die Familien weitergeleitet.

In Malawi wurden nur Städte und einige größere Ortschaften am Malawisee an die Stromversorgung angeschlossen. Für kleinere Siedlungen ist Eigeninitiative in der Regel der einzige Weg, an Elektrizität zu kommen. Kasinthula startete vor einigen Jahren ein kostspieliges Elektrifizierungsprogramm für die Dörfer seiner Mitglieder, das mehr als 530 Haushalten Zugang zu Strom verschaffen soll. Die Mehreinnahmen aus dem Fairen Handel fließen deshalb inzwischen vor allem in die Elektrifizierung. Sofern es sich technisch anbietet, werden die Dörfer über die neu errichteten Strommasten auch gleich noch ans Telefonnetz angeschlossen.

Bei den Kasinthula- Bauernfamilien selbst steigerten die Mehreinnahmen aus dem Fairen Handel das Haushaltseinkommen so, dass sich die meisten von ihnen statt der alten Lehmhütten mit dünnen Strohdächern größere und robustere Häuser mit Steinwänden und Metalldächern bauen konnten.