Für einen Boden zählt die Oberschicht

Über die Fruchtbarkeit eines Landstrichs entscheiden die wenigen oben gelegenen Zentimeter des Erdreichs. Im Verhältnis zur kilometertiefen Erdkruste bilden Böden eine hauchdünne Hülle, die wenige Millimeter bis mehrere Meter stark sein kann und meist einige Zentimeter misst. Diese vergleichsweise zarte Schicht ist ein gigantischer Nährstoffgenerator, sofern er genug organisches Material zur Verfügung hat. Ohne den sogenannten Humus sind naturbelassene Böden nicht fruchtbarer als Staub. Wie viel Humus in ihnen steckt ist sehr unterschiedlich. So sind Waldböden eher humusreich mit rund 20 Prozent organischer Anteile, während Äcker im Schnitt zu zwei Prozent aus Humus bestehen. Humus gleicht Temperaturschwankungen aus, vermindert Erosion und verhaftet Partikel miteinander, was sehr wichtig für lebendige Böden ist: Denn dadurch bilden sich Poren, in denen Wasser, Luft und Nährstoffe vorgehalten werden und Organismen Lebensraum finden. Das ist auch der Grund, weshalb eine krümelige Bodenbeschaffenheit auf Fruchtbarkeit hindeutet. Bauern nennen ihre Böden wohl deswegen auch Ackerkrume.

Über brauchbare Humuspartikel machen sich Bodenlebewesen wie Algen, Pilze und Bakterien her, die in Mutterböden in unvorstellbar großer Zahl vorkommen. Üblicherweise siedeln in einem Quadratmeter eines 30 Zentimeter hohen Bodens etwa eine Milliarde Pilze. Beim Verwerten der organischen Stoffe geben die Lebewesen unter anderem Kohlenstoffdioxid und Mineralsalze ab und reichern den Grund mit Pflanzennährstoffen wie Phosphor und Stickstoff an. Die typische dunkle Humusfarbe kommt übrigens von den für Organismen schwer verdaulichen Pflanzenresten, die Jahrhunderte brauchen können, um zu verrotten. Die Bodenlebewesen sind auch einander Nahrungsgrundlage. So ernähren sich Einzeller wie Amöben, Geißel- und Wimperntierchen von Bakterien, anderen Einzellern, Pilzen, aber auch von anderem organischen Material. In einem Teelöffel gesunden Bodens leben rund eine Million Einzeller. In einem guten Boden gibt es ein Gleichgewicht zwischen Krankheitserregern und Organismen, die sie in Schach halten.

Die meisten nützlichen Lebewesen im Boden sind entweder mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen oder zwar sichtbar, aber recht klein geraten. Zu den verhältnismäßig stattlichen Helfern gehören die Regenwürmer. Je nachdem wie gesund der Boden ist können sich auf einem Hektar so viel Regenwürmer tummeln, dass sie zusammen 2.500 Kilo auf die Waage brächten. Sie fressen, verdauen und zersetzen ungeheure Mengen totes organisches Material, das sie vorzugsweise nachts von der Erdoberfläche in ihre röhrenförmigen Gänge ziehen und dort ungestört vertilgen. Nebenbei „kleiden“ sie die Röhren mit ihrer Losung aus, die eine besonders wertvolle Mischung aus organischem Material, Bodenpartikeln und kleinen Organismen ist. Dabei verbinden sie auch Ton und Humus miteinander zu Teilchen, die Wasser und Nährstoffe besonders gut speichern können. Auf diese Weise impfen Regenwürmer den Boden mit wertvollem Dünger und lockern ihn durch das unermüdliche Gängegraben auf. Die nährstoffgeladenen Röhren werden von Pflanzen gern zum Verwurzeln benutzt.